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Die frühere Fußball-Weltmeisterin Nia Künzer (links) gehört in Wetzlar zu den Gratulanten von Turniersieger Team United.

Fußball

Warum es im Team United aus Köppern nicht vorrangig um das Gewinnen geht

Das Team United hat den Hallencup für inklusive Fußball-Teams in Wetzlar gewonnen. Das hätte Trainer Bruno Pasqualotto vor ein paar Jahren nicht zu träumen gewagt.

Das Team United vom SV Teutonia Köppern sorgt seit Jahren für Aufsehen. Bei der TZ-Abstimmung zur „Mannschaft des Jahres“ wählten es die Leser einmal auf den zweiten Platz, jüngst gewannen die Kicker wieder ein großes Turnier. Doch einer der Erfinder kann die Erfolge auch heute noch kaum glauben.

„Wir sind immer noch überrascht, dass die Idee so gut angenommen wird“, erzählt Bruno Pasqualotto. Gemeinsam mit Thorsten Picha gründete er 2013 die inklusive Fußballmannschaft bei der Teutonia. Der Stein des Anstoßes war jedoch noch früher erfolgt. „Einige Jahre zuvor, in 2008, kam ein Spieler mit seiner Mutter ins Training zu mir in die D-Jugend“, erzählt Pasqualotto. „Er hatte ein Handicap, wollte aber unbedingt Fußball spielen. Bis dahin war er überall abgelehnt worden. Ich wollte ihm aber die Chance geben und ihn offen begrüßen.“

Der Fußballtrainer kündigte seiner damaligen Jugendmannschaft den Gastspieler an. „Ich wollte einfach mal sehen, wie sie ihn so aufnehmen. Zuerst war der Junge ängstlich, aber im Laufe des Trainings wurde sein Lächeln immer größer“, berichtet Pasqualotto. „Das war für mich der Moment, an dem ich mir dachte: ,Da geht noch mehr!‘“ Als er Kollege Picha davon erzählte, kam der Stein ins Rollen. Es entstand die erste inklusive Fußballmannschaft Friedrichsdorfs, die bis heute ein Alleinstellungsmerkmal im Kreis besitzt.

Auch landesweit ist inklusiver Sport eine Seltenheit. Der Hessische Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband, kurz HBRS, setzt sich jedoch für mehr ein. Kürzlich veranstalteten sie den fünften Hallencup für inklusive Fußballmannschaften in Wetzlar. Den wollte sich das Team United nicht entgehen lassen und gewann ihn promt. Die Mannschaft entschied alle sechs Spiele für sich. Im Finale schossen die Hessenauswahlspieler Nick Pfeil und André Dos Santos die Tore zum 2:0 gegen den Titelverteidiger VfB Offenbach.

„Für uns war das natürlich eine große Sache“, berichtet Pasqualotto, der selbst als Fußballer unter anderem für Borussia Dortmund gespielt hat. „Wir haben gar nicht mit dem Turniersieg gerechnet. Aber alle haben total klasse gespielt. Unser Ziel war es eigentlich nur, Spaß zu haben.“

Seine Worte beschreiben auch die Philosophie der Gruppe treffend: Beim Team United steht der Spaß an erster Stelle. „Wir nehmen zwar an Turnieren und Spielen teil, bei denen es um Sieg oder Niederlage geht, aber für uns ist das Gewinnen nicht vorrangig. Das finde ich so schön, und das ist auch einer der Gegensätze zu Regelmannschaften“, beschreibt Pasqualotto. Mit letzterer Bezeichnung meint er Teams ohne beeinträchtigte Spieler.

Freude im Team-Bus

Dass die Prioritäten in seiner Mannschaft anders gesetzt werden, verdeutlicht Pasqualotto mit einer Anekdote. „Wir hatten gerade ein Auswärtsspiel verloren, und ich überlegte die ganze Zeit, wie ich meine Spieler jetzt aufbauen kann. Doch im Reisebus haben sich auf dem Rückweg alle total gefreut und gelacht. Einfach nur, weil sie Fußball gespielt hatten.“

Der Verein bringt inzwischen im Team United mehr als 50 Kickerinnen und Kickern mit und ohne geistiger oder körperlicher Behinderung ihren Lieblingssport näher. Der Name ist Programm: Das Team ist zwar sehr heterogen zusammengestellt, aber es bietet jedem einen Platz, und die Spieler sind vereint in ihrer Begeisterung für den Mannschaftssport. Gemeinsam wird somit Integration zur Selbstverständlichkeit. Die Übungseinheiten unterscheiden sich dabei gar nicht so sehr von regulärem Fußballtraining, wie man denken mag. Wenn eine Aufgabenstellung zu kompliziert ist, wird sie vereinfacht.

Aus Mainz ins Training

„Mittlerweile sind wir so weit, dass jeder angemessen gefördert und gefordert wird“, sagt Pasqualotto. „Wir Trainer haben zwar eine Fortbildung gemacht, aber vieles geschieht über ,learning by doing‘. Und das funktioniert sehr gut.“ Rückblickend ist er ganz schön stolz, weil anfangs darauf gehofft worden sei, überhaupt Spieler im Training anzutreffen. Jetzt kämen Spieler bis aus der Wetterau oder aus Mainz nach Köppern ins Training gefahren.

Die große Nachfrage ist auch der Grund, weshalb das Team United zwei weitere Trainer hat: Andy Falk kam vor ein paar Jahren hinzu. Ergänzend begrüßt Alexander Lell, ehemaliger Spieler mit Handicap, seine Schützlinge. Gemeinsam trainieren sie zweimal pro Woche in Köppern: in den Wintermonaten dienstags von 18.30 Uhr bis 20 Uhr in der Schulsporthalle (Dreieichstraße) und freitags von 18 Uhr an auf dem benachbarten Kunstrasenplatz. Neue Spielerinnen und Spieler sind immer willkommen.

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