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Warum Tim Pütz jetzt ein Weltklassespieler ist

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Von: Thorsten Remsperger

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Gemeinsam freut es sich am besten: Tim Pütz (li.) mit Doppelpartner Kevin Krawietz während des Davis-Cup-Spiels gegen Großbritannien.
Gemeinsam freut es sich am besten: Tim Pütz (li.) mit Doppelpartner Kevin Krawietz während des Davis-Cup-Spiels gegen Großbritannien. © GEPA pictures/ Patrick Steiner via www.imago-images.de

Der Verlauf der Saison 2021 war für einen Tennisprofi aus Usingen mit nur einem Wort zu beschreiben: phänomenal. Im persönlichen Rückblick von Tim Pütz beschäftigt er sich mit Glück, Freundschaften und Witze-Erzählern bei Olympia. Derweil wartet der Tennisprofi aus dem Taunus in Sydney schon wieder auf seinen Einsatz.

Bad Homburg – Wenn es sich Tim Pütz in den letzten Tagen des vergangenen Jahres nicht gerade mit seiner Familie gemütlich gemacht hatte, dann ist er öfters von seinem Haus in Usingen nach Bad Homburg gefahren, über die Louisenstraße gelaufen und suchte gegenüber dem Kurhaus den Physiotherapeuten seines Vertrauens, Matthias Sauer, auf. Völlig unerkannt, muss man hinzufügen. Er musste dabei keine Autogramme schreiben, keine Selfies mit Fans aufnehmen.

Der 34-jährige Pütz gehört zu den unbekanntesten Sportlern von Weltklasseformat, die dieses Land derzeit zu bieten hat. Das hat mit seiner Sportart zu tun. Der junge Familienvater aus dem Taunus ist Doppel-Spezialist im Tennis. Oder kennen Sie Mate Pavic, Nikola Mektic, Joe Salisbury, Rajeev Ram und Nicolas Mahut? Das sind die Top 5 der Weltrangliste. Sehen Sie. . .

Auf Popularität ist Tim Pütz nicht scharf

Es ist aber nicht so, dass Tim Pütz gegen seinen Status intervenieren würde, wenn er daran etwas ändern könnte. „Das ist schon gut so, dass ich nicht populär bin“, sagt Pütz, nachdem er an einem dieser seltenen tennisfreien Tage auf der Massagebank Platz genommen hat, „auf Aufmerksamkeit bin ich nicht scharf. Dafür kann man sich eh nichts kaufen.“

Wenn der Mann mit den großen, braunen Augen und dem Dreitagebart dies sagt, klingt er absolut authentisch und glaubwürdig. Pütz sagt, was er denkt. Und meint es auch so. Als Boris Becker „Head of Men’s Tennis“ im Deutschen Tennis-Bund war und sich am Rande einer Davis-Cup-Partie alles um den Superstar auf Lebenszeit drehte, lobte der Usinger lieber Michael Kohlmann. Denn der macht als Davis-Cup-Chef nun einmal die Arbeit, um die es eigentlich ging.

Apropos Davis Cup. Dass Pütz nach mehrjähriger Abstinenz im November wieder in die Tennis-Nationalmannschaft berufen wurde, war nur folgerichtig, absolvierte er doch gerade die beste Saison seines Lebens. Vier Turniersiege auf der ATP-Tour (in Estoril, Lyon, Hamburg und Paris) stehen nun in seiner Vita, zudem die Achtelfinal-Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Tokio. Diese Bilanz hat der 1,85 Meter große Rechtshänder dann noch ausgebaut. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass Deutschland bis ins Davis-Cup-Halbfinale vordrang und damit den größten Erfolg seit 14 Jahren feierte. Pütz hat – mit Doppelpartner Kevin Krawietz – seine Einsätze Nummer fünf, sechs, sieben und acht mit Siegen beendet. Acht Davis-Cup-Spiele, acht Siege. Unbesiegt zu sein, das konnte nicht einmal Boris Becker von sich behaupten.

Worauf es im Tennis-Doppel ankommt

Mit Krawietz spielte Pütz im Sommer das erste Mal zusammen. Als die Doppel für Olympia eingeteilt wurden, machte das Sinn. Eigentlich ist Krawietz’ Partner Andreas Mies, mit dem er schon zweimal die French Open gewonnen hat. Der ist aber noch verletzt gewesen. Dass Deutschlands neues Topduo gleich so gut harmonierte, kam für Pütz nicht überraschend. „Ich kenne Kevin seit 2011, wir sind uns sympathisch, unsere Familien kennen sich.“ Auch darauf komme es im Tennisdoppel an.

Das sei wie in einer Liebesbeziehung, holt Pütz aus. „Wenn man sich gut kennt, hilft das viel mehr, als wenn man nur eingespielt ist. Sonst wartet man auf dem Platz auf Zeichen des Partners, die vielleicht nie kommen.“

Tim Pütz, der, als er noch Einzel spielte, die Zweitrundenteilnahme in Wimbledon (2014) als seinen größten Erfolg verbuchte, ist in der Weltklasse angekommen. Er belegte Ende des Jahres in der Weltrangliste Position 18, hat aber gegen die meisten Top-10-Spieler im Jahr eine positive Bilanz. Dass dem so ist, hat seiner Meinung nach „mit jeder Menge Glück und viel Arbeit“ zu tun. Aber auch mit dem Menschen Tim Pütz.

Auf der Tour pflege er bei seinen Reisen rund um die Welt zwischenmenschliche Beziehungen. Man bewege sich bei den Turnieren zwar schon im gleichen Kreis. Pütz hat aber eben auch darüber hinaus gute Kontakte.

WhatsApp-Gruppe mit den Davis-Cup-Kollegen

Für den seit Sonntag laufenden Saisonauftakt beim Tennis ATP Cup in Sydney hat er sich mit seinen Davis-Cup-Kollegen über die WhatsApp-Chatgruppe wieder im selben Hotel eingebucht. Dass man in Tokio das Leben im olympischen Dorf wegen der Pandemie nicht genießen durfte, sondern sich zwischen Unterkunft und Tennisstadion in einer „Bubble“ bewegt habe, sei die beste Teambuilding-Maßnahme gewesen. „Wir haben auf dem Zimmer Karten gespielt, uns Witze erzählt“, erzählt Pütz. Das habe zusammengeschweißt.

Mit „Struffi“ (Davis-Cup-Kollege Jan-Lennard Struff) sei er schon seit Jahren eng befreundet. Die beiden verbringen als junge Väter auch gemeinsam mit ihren Familien Zeit auf Turnieren. Pütz’ Frau und Sohn sind nicht selten dabei. Immer wenn es Entfernung und Reisestrapazen einigermaßen zulassen. Möglichst soll nicht mehr als eine Woche vergehen, ohne dass die drei sich gesehen haben. Mit seiner Familie lebte der Usinger zuvor in Bornheim, bei Eintracht Frankfurt trainiert er, wenn er einmal nicht unterwegs ist.

Wann ein Wechsel des Doppelpartners Sinn macht

Doch zurück zu den vielen Kontakten des Usingers. Wenn man ihm vor der Saison gesagt habe, er schaffe es in die Top 20 der Welt, hätte er mit der Frage gekontert, wie er denn als Weltranglisten-61. so viele Punkte holen solle? Natürlich hängt das in einem Wettbewerb wie dem Tennisdoppel unmittelbar mit dem Partner zusammen. Mit Hugo Nys, dem 30-jährigen Monegassen, mit dem Pütz die ersten beiden Turniersiege des Jahres feierte, verstehe er sich schon seit Jahren prima. Nys sei ebenfalls ambitioniert. Als jedoch der Neuseeländer Michael Venus (34) – den erfahrenen Weltklasse-Spieler kennt und schätzt er schon lange – nach dem Turnier in Madrid angerufen habe, weil er mit ihm zusammen spielen wolle, „da musste ich das einfach machen“.

Auch Nys zeigte Verständnis für den Wechsel. Denn Venus’ hohe Weltranglistenplatzierung war für Pütz der Türöffner zu großen Turnieren. Nur bei denen gibt es viele Punkte. „Ich habe in diesem Jahr dreimal so viele Punkte geholt als sonst. Ich habe aber nicht dreimal so gut gespielt“, lächelt Pütz. Mit dem Punktsystem der ATP habe seine sportliche Entwicklung auch zu tun. Und mit Matthias Sauer sowieso.

Beim Physiotherapeuten seines Vertrauens

In der Praxis des Bad Homburger Physiotherapeuten schlägt der Usinger immer mal wieder auf. Sei es aus prophylaktischen oder wirklich dringenden Gründen. Nach seinem Bauchmuskelriss bei den US Open war er gut vier Wochen in intensiver Behandlung – um just nach der Pause die größten Erfolge seiner Karriere zu erzielen.

Im Alter von 34 Jahren bleibt Tim Pütz nichts anderes übrig, als genauer auf seinen Körper zu hören. Wehwehchen gebe es eben immer mal wieder, lächelt er. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Unter den Top 50 der Doppel-Weltrangliste gibt es gerade einmal acht Spieler, die jünger als 30 sind.

Mal sehen, was die Tenniskarriere für Pütz noch hergibt. Wenn er mit seinem Doppelpartner wieder auf dem Platz steht und den Ball möglichst hart in die Ecke haut. Heute Nacht (MEZ) sollte das im Duell der deutschen Mannschaft gegen die USA in Sydney wieder der Fall sein. „Ich möchte mich schon dort etablieren, wo ich jetzt hingekommen bin“, sagt Tim Pütz. „In erster Linie möchte ich aber gesund bleiben.“

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