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Wie geht's weiter, wo geht's weiter? Die Spieler Dominik Scheja (Mitte) und Samuel Kulczycki (rechts) im Gespräch, links der Sportliche Leiter des TTC OE Bad Homburg, Sven Rehde.

Tischtennis, 2. Bundesliga

Zu wenig Sponsorengelder: Das Ober-Erlenbacher Tischtennis-Projekt ist in Gefahr

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Der TTC OE Bad Homburg benötigt bis Ende Februar bis zu 100 000 Euro, um ein Profi-Team in der 1. Bundesliga finanzieren zu können. Klappt dies nicht, droht der Rückzug aus der 2. Liga.

Neulich ist der TTC OE Bad Homburg wieder in den höchsten Tönen gelobt worden. Bundestrainer Jörg Roßkopf hat dem Tischtennis-Zweitligisten eine gute Entwicklung dank seines professionellen Managements attestiert. Roßkopf, im südhessischen Münster bei Dieburg aufgewachsen, wünschte sich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Bundesligisten im Rhein-Main-Gebiet. Mit seiner Wirtschaftskraft sei die Region um Frankfurt ein perfekter Standort, eine der Topsportarten in Hessen auch auf einem Topniveau zu präsentieren, meint der Doppel-Weltmeister von 1989.

So viel zur Theorie. Die Praxis sieht wie folgt aus: "Sollten sich nicht kurzfristig weitere Sponsoren finden, ist das Projekt Profi-Tischtennis in Bad Homburg mehr als nur gefährdet." Genau: Nicht nur der vom Vorzeigeverein der Region seit Jahren angestrebten Aufstieg in die Eliteklasse, sondern auch die Zukunft des Sports auf dem jetzigen Niveau ist in akuter Gefahr.

Gesagt hat das Bernd Röschenthaler, einer der beiden Geschäftsführer des Zweitligisten, der gerade wieder einmal an die Eliteklasse anklopft, wie man so schön sagt. Die Mannschaft gehört im dritten Jahr in Serie zur Spitzengruppe der 2. Liga und hat sehr gute Chancen, im April am Saisonende einen der beiden Aufstiegsplätze zu belegen.

Der TTC OE ist aus sportlicher Sicht vielleicht sogar so nah dran am Ziel, wie noch nie. Denn nicht wenige der im Schnitt mehr als 200 Zuschauer bei den professionell durchgeführten Heimspielen finden, dass in dieser Runde die beste Mannschaft in der Wingert-Sporthalle spielt, die der umtriebige Einspartenverein aus dem Bad Homburger Stadtteil je hatte.

So gut wie noch nie

Rares Sipos (19), Lev Katsman (18), Samuel Kulczycki (17) - gleich drei der derzeitigen europäischen Toptalente im Tischtennis stehen in Ober-Erlenbach unter Vertrag und regelmäßig an den blauen Tischen. "Keine Abzocker, sondern total liebe Jungs", lobt sie Röschenthaler. Die Talente haben mittlerweile Anfragen aus ganz Europa. Gehalten werden könnten sie nur im Falle eines Aufstiegs. Womöglich genügt dann ein etablierter Bundesligaspieler, um mit der "Rasselbande" nicht nur einen Sprung in die 1. Bundesliga zu wagen, sondern oben tatsächlich auch mithalten zu können.

Lautstarke Unterstützung: Mehr als 200 Zuschauer besuchen im Schnitt die Heimspiele des TTC OE Bad Homburg. foto: strohmann

Doch zurück zu Röschenthalers Aussage. Er hat sie nicht einfach "rausgehauen", sondern in Absprache mit dem zweiten Geschäftsführer Mirko Kupfer und dem Sportlichen Leiter Sven Rehde wohlüberlegt getroffen. Röschenthaler (66), früher Führungskraft in einem großen Telekommunikationsunternehmen und nach der Pensionierung ehrenamtlicher Sportfunktionär, konkretisiert seine Aussage sogar noch. "Wir benötigen bis Ende Februar weitere Sponsoren, sonst werden wir keine Profimannschaft mehr melden."

Ende Februar - das ist in gerade einmal einen Monat. Bis zu diesem Zeitpunkt müsste der TTC OE die Bundesligalizenz beantragt haben. Die Startgebühr betrage schon eine fünfstellige Summe, rechnet Röschenthaler vor. Dazu kämen weitere Fixkosten, um Auflagen des Deutschen Tischtennisbundes zu erfüllen, höhere Spielergehälter, natürlich auch die Reisekosten. "Wir müssten unser Budget auf 200 000 Euro verdoppeln."

Treten auf der Stelle

Momentan reiche der Etat aber nicht einmal für eine weitere Zweitliga-Saison. Jedenfalls nicht, um ein Team zu stellen, das die eigenen Ansprüche erfüllen kann. Und die sind hoch beim TTC OE, machte der familiär geführte Verein doch nie einen Hehl aus seinen Ambitionen. Das Umfeld, das mit viel ehrenamtlichem Engagement schon erstligareife Bedingungen schafft. Die regionalen Sponsoren, die seit Jahren die Treue halten. Und auch die ambitionierten Spieler - sie engagieren sich nicht nur für das "Projekt Bundesliga 2020", wie es der TTC OE vor Jahren betitelt hatte. Sie arbeiten alle fieberhaft darauf hin.

Jedoch tritt die für den Spielbetrieb gegründete Unternehmer-Gesellschaft, der Vorstände des Vereins angehören, auf der Stelle. Seit Jahren. "Es ist eine finanzielle Gratwanderung", sagt Bernd Röschenthaler, der im Juli den Geschäftsführer-Posten von Johannes Herrmann übernahm. "Wir hangeln uns von Saison zu Saison; das Delta, auf das wir uns finanziell zubewegen, kommt immer früher. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, falls es so bleibt, dass wir auch 2020/21 in der 2. Liga spielen."

Es fällt dem Mann schwer, diese Worte auszusprechen. Weil er weiß, dass dieses Szenario, nur noch in der Oberliga aufzuschlagen, der Spielklasse der 2. Mannschaft, viele Menschen im Verein enttäuschen würde, die seit Jahren mit viel Herzblut dabei sind.

Mit verringertem Budget zu melden, steht für Röschenthaler aber außer Frage. "Wenn wir nicht mehr vorne mitspielen würden, kommen auch weniger Zuschauer. Unsere Helfer verlieren die Lust und unsere Sponsoren auch, wenn wir unsere Ambitionen herunterschrauben." Also: Ganz oder gar nicht, lautet die Devise. Jetzt oder nie.

Anderswo sind es "kleine Partner"

Das alles hört sich schon fast wie ein letzter Hilferuf an. Der TTC OE hat aber eine realistische Chance: Verglichen mit anderen Sportarten benötigt der Verein nicht so viel finanzielle Unterstützung, wie es zunächst erscheint. Ein einziger Geldgeber mit kleiner sechsstelliger Zuwendung genügte ja schon. Das sind die "kleinen Partner", die bei Eintracht Frankfurt mit ihrem Logo auf der riesigen Sponsorenwand ganz am Rand auftauchen. Von denen mehrere das neue WTA-Tennisturnier in Bad Homburg unterstützen wollen.

"Das Damen-Turnier vor Wimbledon erschwert die Akquise", sagt Röschenthaler, "Tennis steht für viele Firmen, die sich hier im Sport engagieren, jetzt an erster Stelle." Er kann als Beispiel ein großes Bad Homburger Unternehmen nennen, mit denen sich der Tischtennis-Zweitligist in Gesprächen befand. Die Firma hat sich inzwischen entschieden, einen - dem Vernehmen nach - sechsstelligen Betrag in das Tennisturnier zu investieren. Den Namen behält Röschenthaler freilich für sich. Vielleicht entdeckt der mögliche Geldgeber ja doch sein Herz für Tischtennis wieder.

Aufgegeben haben die umtriebigen Ober-Erlenbacher freilich noch lange nicht. Viele Klinken seien schon geputzt, durchaus auch Erfolge erzielt worden, stellt Röschenthaler heraus, der vor zwölf Jahren als Altersklassenspieler zum Verein stieß. Kein schlechtes Wort über seine Mitstreiter. Sie halten hier zusammen beim TTC OE. Seit Jahren pflegen die Funktionäre private Freundschaften, demnächst fahren Röschenthaler, Rehde und Sören Sobek (Jugendleiter) wieder gemeinsam Ski. Vorher aber geht es nochmals in die Kaltakquise. 75 Briefe an Firmen sind raus, auch Stiftungen hat der Verein kontaktiert. Jetzt gilt es, hinterherzugehen, per Telefon nachzufragen, um ein persönliches Gespräch zu bitten. Die Zeit drängt.

Neulich hat sich Bernd Röschenthaler mit einem Kumpel in Kalbach unterhalten. Der hat Einblicke in die Geschicke eines Frankfurter Gruppenligisten im Fußball. Siebte Liga. Als dieser hörte, mit welchem Budget die Ober-Erlenbacher ihr Spitzensport-Angebot auf die Beine stelle, lachte der Mann ungläubig mit den Worten: "Da haben ja wir sogar mehr."

Kommentar von TZ-Sportchef Thorsten Remsperger

Spitzensport in der Region ist mehr als nur Eintracht Frankfurt

Vor dieser Saison gab es eine Umfrage unter den Tischtennis-Zweitligisten. Der Aufstiegsfavorit? Alle Befragten nannten den TTC OE Bad Homburg (bis auf den Genannten selbst). Die Bad Homburger - das ist doch logisch, die wollen doch in die Bundesliga und können das bestimmt auch, wird in der Tischtennis-Szene immer noch angenommen. Es ist der richtige Schritt der Macher aus Ober-Erlenbach, nun die Wahrheit zu nennen. Dass es finanziell nicht gut aussieht. Und es ist vielleicht sogar die einzige Chance für sie, jetzt Alarm zu schlagen.

Die Erfolge bei der Sponsorensuche in der regionalen Wirtschaft stagnieren, obwohl sich der mittlerweile geschasste Geschäftführer Johannes Herrmann und seit zwei Jahren Mirko Kupfer und seine Mitstreiter redlich bemühten. Ihnen fehlt genau ein Kontakt: der Türöffner zu einem großen Unternehmen. Vielleicht kann der mediale Hilferuf noch etwas bewirken.

TZ-Sportchef Thorsten Remsperger

Denn Tischtennis ist eine der Lieblingssportarten der Deutschen, die jeder spielen kann oder schon einmal ausprobiert hat - und die zugleich wahrscheinlich am meisten unterschätzt wird. Dabei ist Vorzeigespieler Timo Boll ein internationaler Sportstar, die Nationalmannschaft gehört zur erweiterten Weltspitze. Inzwischen wird jedes Bundesligaspiel im Internet übertragen, es sind dort europäische Topspieler zu bewundern.

Auch der Besuch eines Zweitliga-Spiels in Ober-Erlenbach wird den Laien verblüffen. Atemberaubend ist der Hochleistungssport, der dort von Talenten geboten wird, die man vielleicht in einer Olympia-Übertragung mal wiedersehen wird. Sport, der auf diesem Niveau aber auch seinen Preis hat.

Den Verantwortlichen ist zu wünschen, dass potenzielle Sponsoren aus dem Rhein-Main-Gebiet ihren Blick auf Tischtennis richten. Oder sagen wir es anders: außer Eintracht Frankfurt auch etwas anderes sehen.

In der Mainmetropole und Umgebung sind vor allem wegen der Monokultur im Sportsponsoring schon erstklassige Handball- und Football-Projekte gescheitert. Hochklassiges Eishockey musste nach einer Insolvenz neu gestartet werden. Erstliga-Basketball und -Volleyball haben stets zu knapsen. Für diese Sportarten bedarf es allerdings eines Millionen-Budgets, um oben mitzuspielen. Den Ober-Erlenbacher Tischtennis-Verfechtern fehlen "nur" 100 000 Euro.

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