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Im Ring ist die Technikerin gefragt; Jette Priedemuth beim Training in Niederrad.

Leichtathletik

Wenn die Ballerina den Hammer rausholt

Ballett und Hammerwerfen – wie passt das zusammen? Das geht. Sogar sehr gut, wie die bisher vielversprechende Laufbahn der jungen Jette Priedemuth aus Kronberg zeigt.

Hört man von der Sportart Hammerwerfen, denken hiesige Leichtathletik-Fans bei den Frauen sogleich an Betty Heidler, die erste deutsche Weltmeisterin sowie Silbermedaillengewinnerin bei Olympia 2012. Oder die Frankfurterin Kathrin Klaas, Deutsche Meisterin von 2014, und im August Teilnehmerin bei den Europameisterschaften in Berlin. Es soll der Abschluss ihrer Karriere sein, Heidler hat sie bereits beendet.

Beide Frankfurter Sportlerinnen haben diese besondere Disziplin der Leichtathletik, die für die Damen erst seit Sydney 2000 olympisch ist, in Deutschland sozusagen „salonfähig“ gemacht – das Medieninteresse stieg mit ihren Erfolgen enorm. Doch was kommt nach der Ära Heidler/Klaas? Das Interesse junger Mädchen an dieser Randsportart mit komplizierter Technik und hohem Kraftaufwand hält sich ziemlich in Grenzen. Umso bemerkenswerter ist die positive Entwicklung eines jungen Talents aus dem Taunus, das sich anschickt, wenn alles gut läuft, einmal in die Fußstapfen ihrer erfolgreichen Vorgängerinnen treten zu können.

Wer auf der Hammerwurfanlage des hessischen Landesleistungszentrums in Niederrad ein muskelbepacktes Mädchen erwartet, der täuscht sich: Jette Priedemuth ist ein schlanker Teenager, dem man auf den ersten Blick nie zutrauen würde, den Hammer überhaupt zu werfen, geschweige denn sehr weit. Ballett nimmt man der Athletin des Königsteiner LV als Hobby eher ab. Hat die 15-Jährige auch acht Jahre gemacht, zusätzlich zur Leichtathletik. Vielleicht legten Tanzschritte und Pirouetten, also die schnellen Drehungen um die eigene Achse, die Basis für die anspruchsvolle Wurfbewegung im Ring.

Diese Technik beherrscht die Gymnasiastin aus Kronberg inzwischen so gut, dass sie sich im Frühjahr beim Meeting in Selters mit 55,80 Metern gleich unter die besten Werferinnen ihrer neuen Altersklasse U 18 katapultierte. Bei den U-20-Hessenmeisterschaften in Fränkisch-Crumbach warf sie dann erstmals mit dem 4-Kilo-Hammer – auf 46,04 Meter, was die DM-Quali bei den A-Jugendlichen bedeutet. Wie gesagt: Jette Priedemuth ist 15.

Erst nach ihrem Wechsel vom MTV Kronberg zum Königsteiner LV 2016 hatte das Mädchen begonnen, sich langsam aufs Hammerwerfen zu spezialisieren. Zuvor hatte sie als Mehrkämpferin bis auf Hessenebene Erfolge gefeiert. Der Durchbruch war dann für sie im Sommer 2016 in St. Wendel der Gewinn der Süddeutschen Meisterschaft in der Altersklasse W 14. Die Berufung in den U-18-Nationalkader folgte im vergangenen Januar. Nur fünf deutsche Hammerwerferinnen ihres Alters schafften das.

Was reizt ein junges Mädchen, eine Eisenkugel möglichst weit zu schleudern? „Es ist die Komplexität, es ist das Zusammenspiel von Kopf- und Beinarbeit. Das ist eben nicht nur laufen oder nur werfen“, erklärt sie begeistert. „Man muss darüber nachdenken, was man tut. Es ist schwierig, aber wenn der Hammer dann so fliegt, wie man will – das hat was!“

Ein Grinsen und Leuchten in den braunen Augen untermauern das, was sie mit Überzeugung sagt, bevor sie zum x-ten Mal in den Ring geht. Bis zu 20 Würfe pro Training absolviert die Gymnasiastin unter den wachsamen Blicken ihrer Kadertrainerin Regine Isele, die sich in ihrer aktiven Karriere auch mit einer komplizierten Technik befasste: dem Stabhochsprung.

Bereits seit gut einem Jahr trainieren die beiden nun schon zusammen – und es scheint zu passen. Ein freundschaftlicher, fast schon mütterlicher Ton herrscht trotz der konzentrierten Trainingseinheiten im Leistungszentrum. Jeder Wurf wird kommentiert, die Beinstellung, die Drehung aus der Hüfte, der Wurfarm und die korrekte Haltung des Kopfes. Manchmal auch während einer Videoanalyse. Nichts wird dem Zufall überlassen – alles ist hartes Training und erfordert enorme Disziplin.

Die Gymnasiastin der Altkönigschule in Kronberg weiß, was es heißt, Leistungssport zu betreiben: Meist fünf Mal in der Woche trainiert Jette – für je zwei bis drei Stunden freilich. Wurf-, Kraft- und Ausdauereinheiten auf dem Gelände oder im Kraftraum des Leistungszentrums stehen ebenso auf dem Plan wie Sprint- und Koordinationstraining in Königstein. In ganz Deutschland verteilt sind die Wettkämpfe. Trainingslager in den Ferien sind ebenso Pflicht, wie die für den jungen Körper zeitintensiven und regelmäßigen Physio- und Regenerationseinheiten, die Jette wöchentlich im Olympiastützpunkt Frankfurt erhält.

All das unter einen Hut zu bekommen, bedarf so manches: Jette erhält viel Unterstützung von zu Hause. So fährt sie ihr Vater Jens zum Training und begleitet sie auch an den Wochenenden. Aber vor allem muss man auch ein gut organisierter und zielstrebiger Mensch sein. Wie Jette. „Wir sind alle freiwillig hier. Wir müssen uns dafür einbringen, um etwas zu erreichen“ sagt Jette selbstbewusst. Sie wirkt dabei viel älter als 15.

Ihr Training sei alles andere als eintönig oder langweilig. Mit anderen Hammerwerfern mache sie im Training ihre Späße. „So schließen wir zum Beispiel unsere ganz persönlichen Wetten ab, wer weiter wirft.“ Der Sieger bekommt dann eine Kugel Eis ausgegeben.

Die unbändige Begeisterung und Freude an ihrer Disziplin sind es, was diese junge Sportlerin so besonders macht, was vielleicht sogar ihr ganz persönliches Erfolgsrezept ist: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ich weiß, wofür ich trainiere. Wenn ich gut bin, weiß ich, dass ich, zusammen mit meiner Trainerin, dafür hart gearbeitet habe oder – wenn ich nicht gut bin – es eben selbst vermasselt habe.“

Mit Worten hat Jette auch das Zeug, eine bekannte, vielleicht sogar große Sportlerin zu werden. Dazu muss sie richtig gut sein. Denn Hammerwerfer werden teilweise selbst bei Leichtathletik-Meetings kaum wahrgenommen. Die Wettkämpfe finden dann noch nicht mal im Stadioninnenraum statt, die Werfer bleiben unter sich.

„Publikum ist gut und wichtig. Es ist schön, wenn mir Freunde und Trainer zusehen. Manchmal ist es aber auch ganz gut, wenn nicht so viele da sind, denn es ist ungewohnt, so im Fokus zu stehen“, resümiert Jette – da noch etwas unentschlossen. „Aber das Feeling, für das Zuschauer sorgen, ist es doch, was die Wettkämpfe auszeichnen“, schiebt sie noch schnell hinterher.

Neben der besonderen Atmosphäre bedarf es vor allem großer Konzentration, sich immer wieder auf den nächsten Wurf vorzubereiten. Im Wettkampf hat jeder Teilnehmer im Vorkampf drei Versuche, danach erhalten die besten acht Sportler drei weitere. „Vor jedem Wurf bin ich voll auf mich selbst konzentriert, manchmal ziehe ich mich auch zurück, aber ganz wichtig: Die Lockerheit muss da sein, sonst geht nichts.“ Das ist ihre Art, mit Stresssituationen umzugehen.

Gerade beim Hammerwerfen ist das Zusammenspiel von Dynamik, Technik, Eleganz und Schnellkraft, mit denen der drei oder vier Kilo schwere Hammer bis auf 100km/h beschleunigt wird, so faszinierend. Masse und Kraft allein sind dafür längst nicht mehr ausreichend. Schnelligkeit ist ebenso ein Schlüssel zum Erfolg, wie die optimale Werferfigur: Beides verbindet Jette. Ihr verhältnismäßig langer Oberkörper bei einer Größe von 1,68 Meter schafft einen besseren Hebel, das heißt, der Körperschwerpunkt liegt tiefer. Dass Jette acht Jahre lang Ballett getanzt hat, hilft ihr, die nötige Körperspannung aufrechtzuerhalten. Vielleicht blieb sie auch deshalb vor Verletzungen verschont.

„Mein Hang zum Hammerwerfen war schließlich größer, als zum Ballett zu gehen“, sagt sie – Letzteres hat Jette mittlerweile aufgegeben. Zeitlich sei es einfach zu viel geworden, zumal sie auch noch im Schulorchester Klarinette spielt. Zudem absolviert sie nun, wie die meisten Schüler der neunten Klasse, einen Tanzkurs – also doch ein ganz normaler Teenager?

Fragt man das junge Talent nach seinen Zielen, so antwortet Jette Priedemuth schon recht reif und erwachsen: „Es ist schwer zu sagen, was kommt. Ich bin noch jung, muss meine Entwicklung abwarten. Die Gesundheit ist dabei entscheidend – hier gibt es viele Faktoren, die man nicht beeinflussen kann.“ Mit ihrem offenen Blick und sympathischen Lächeln ergänzt Jette dann doch sehr bestimmt, sie wolle natürlich im Bundeskader bleiben und unter die Top acht bei den Deutschen Meisterschaften (27. bis 29. Juli in Rostock) kommen.

Auf ihren Traum angesprochen, holt das Mädchen nicht den Hammer raus. Sie sagt nicht „Olympia“, sondern „international für Deutschland starten zu dürfen“ – das Talent, den Fleiß und auch den Charakter bringt Jette Priedemuth mit, um das zu schaffen.

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