Ihre Sportpistole nennt sie "Betty": Doreen Vennekamp, die seit anderthalb Jahren in Thüringen lebt. FOTOs: DSB
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Ihre Sportpistole nennt sie "Betty": Doreen Vennekamp, die seit anderthalb Jahren in Thüringen lebt.

Sportschießen

Wenn sich Trainer irren

  • Harald Joisten
    VonHarald Joisten
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Doreen Vennekamp vom SV Kriftel vor ihrer Olympia-Premiere in Tokio

Kriftel -Wie gut, dass Doreen Vennekamp grundsätzlich nicht so schnell aufgibt. Eigentlich hätte sie schon zu Beginn ihrer Karriere jegliche Zuversicht verlieren können. Als sie einst zum Vorschießen beim Hessenkader eingeladen wurde, sagte ihr ein Trainer unverblümt, "dass ich leider absolut kein Talent für den Schießsport besitze", erinnert sie sich. Doch das junge Mädchen ließ sich nicht beirren - und wird nun in wenigen Wochen erstmals bei den Olympischen Spielen starten. Die inzwischen 26-Jährige zählt nunmehr zu den besten deutschen Schützinnen mit der Sportpistole und hat sogar leichte Medaillenchancen.

"Der damalige Trainer war ein recht hoher Trainer und musste mir deswegen später aus förmlichen Gründen zu meinen Medaillen gratulieren", sagt Vennekamp, ohne den Namen zu nennen. Recht schnell wurde klar, dass die Hessin, geboren in Gelnhausen und aufgewachsen in Ronneburg, sehr wohl Talent hat. Reichlich sogar. "Als ich erstmals Hessenmeisterin wurde, sagte ich mir: Wow. Pistole schießen bei Wettkämpfen, das ist meins." 2012 holte sie bei der Junioren-EM die erste internationale Medaille (Bronze). 2018 gelang ihr mit der ersten Weltcup-Medaille (Silber) in Mexiko der Durchbruch. "Das war gigantisch, das war der Wettkampf überhaupt für mich. Ich habe geweint, das kenne ich von mir eigentlich gar nicht."

Doreen Vennekamp kletterte in der Weltrangliste bis auf Rang drei, eine Position, die sie seitdem in etwa halten konnte. Anfang Juni wurde sie in Kroatien mit dem deutschen Team Europameisterin. ""Ich liebe Wettkämpfe. Das hat mich beim Sport gehalten. Ich bin ein totaler Wettkampftyp", sagt die 26-Jährige.

Das zeigte sich frühzeitig in ihrem Heimatverein SV Hubertus Hüttengesäß in Ronneburg. Bald fand sie auch den Weg zum SV Kriftel, für den sie heute noch bei Meisterschaften antritt. Dort traf sie nicht nur auf ihr Vorbild Christian Reitz, den Olympiasieger 2016, sondern auch auf Detlef Glenz, den Bundestrainer Schnellfeuerpistole. "Er ist ein Genie, was den Schnellfeuerbereich angeht", meint Vennekamp über Glenz. "Er weiß, wie es geht, wie man es den Leuten das beibringt." An ihm würde es liegen, dass Hessen in dieser Disziplin so gut ist. Detlef Glenz gibt das Lob zurück. "Ich kenne Doreen seit ihrer Jugend. Sie ist eine sehr strebsame junge Frau und das Gegenteil von einer Zicke. Keine Tussi. Bodenständig", so der Bundestrainer.

Sogar Chancen auf Olympia-Medaille?

Doreen Vennekamp schießt mit einer Luftdruckpistole. Die Sportpistole ist in zwei Disziplinen geteilt. In einen Wettbewerb mit 30 Schuss auf eine 25 Meter entfernte kleinere Scheibe, die sich nicht bewegt. Und in einen Duell-Teil, bei dem auf eine bewegliche Scheibe oder eine Scheibe mit Lichtanlage geschossen wird und man für jeden Schuss nur drei Sekunden Zeit hat. Speziell diese Duell-Disziplin reizt Vennekamp. "Mir macht es Spaß, diese ganz schnelle präzise Handlung auszuführen, diesen Druck und diese Geschwindigkeit mitzunehmen und es nicht als Belastung zu sehen."

Das zeigt sich im Wettkampf. Im April löste die Sportsoldatin bei der nationalen Olympia-Qualifikation in München das Ticket für Tokio. "Doreen hat mit 587 Ringen das höchste Qualifikationsergebnis geschossen. Dies ist im internationalen Vergleich ein sehr gutes Ergebnis", meinte Bundestrainerin Barbara Georgi. Bei Olympia 2016 in Rio 2016 wäre Vennekamp mit 587 Ringen als zweitbeste Schützin ins Halbfinale eingezogen. "Ich bin sehr perfektionistisch und ehrgeizig", so Vennekamp. Selbst bei voller Punktzahl finde sie "manchmal Dinge, die nicht passen. Das ist auch glaube ich der Anreiz beim Schießsport. Das wir Dinge finden, die wir bis zur Perfektion herauskitzeln wollen."

Daran arbeitet sie seit gut einem Jahr an einem neuen Ort. Anfang 2020 zog sie von Hessen nach Thüringen (Steinbach-Hallenberg), zu ihrem Freund Christian Freckmann, ebenfalls ein Schnellfeuerpistolen-Schütze. Während sie früher in Ronneburg in einer Grundschule auf Scheiben schoss, hat sie nun am Bundesstützpunkt in Suhl beste Trainingsbedingungen. "Wir haben hier eine super Schießanlage. Ich kann jetzt Sportpistole immer elektronisch trainieren. Das konnte ich vorher nicht." Beste Voraussetzungen also, um mit "Betty", wie sie ihre Sportpistole nennt, auch ihren einstigen Trainer bei Olympia in Tokio positiv zu überraschen. Harald Joisten

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