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Mit dem nötigen Abstand am Startblock: Die Bundeskader-Schwimmer Oliver Klemet (links) und Richard Braunberger.

Schwimmen

"Wie in einem fremden Körper": Taunus-Asse sind zurück im Wasser

Nach der Zwangspause dürfen Oliver Klemet und Richard Braunberger des Training im Schwimmbad wieder aufnehmen. Sechs Wochen ohne Training im Wasser bringen für die Bundeskaderathleten aus dem Hochtaunus natürlich Nachteile mit sich - aber auch Vorteile.

Bad Homburg/Wehrheim - Ein Erlass des Hessischen Ministeriums des Inneren und für Sport macht es möglich: Bundeskaderathleten bis einschließlich zur Stufe "NK1" dürfen an Bundes- und Landesstützpunkten wieder trainieren. Nach festen Stundenplänen in kleinsten Gruppen und unter strengen hygienischen Auflagen.

Auch Oliver Klemet (18) aus Wehrheim und Richard Braunberger (20) aus Bad Homburg, zwei der besten deutschen Nachwuchsschwimmer, gehören zu den privilegierten Sportlern, die an die Trainingsstätten zurückkehren dürfen. Einmal täglich ziehen sie nun zusammen mit drei weiteren Bundeskaderathleten unter Anleitung von Trainer Jan Wolfgarten wieder ihre Bahnen.

"Unglaublich" und "komisch"

Der erste Sprung ins Wasser nach sechswöchiger Abstinenz fühlte sich für Richard Braunberger "unglaublich" an und zugleich auch "komisch". Wie in einem fremden Körper habe er sich gefühlt: "Ich war mir nicht sicher, ob ich die Bewegungen noch richtig ausführe." Zum Glück habe er recht schnell wieder hineingefunden. Die ersten Kilometer im Wasser offenbarten jedoch auch, dass die Ausdauer gelitten hat. In den nächsten Wochen soll auf deren Aufbau ein Schwerpunkt gelegt werden, "damit wir möglichst schnell wieder zur alten Form zurückfinden."

Hinter den beiden Hochtaunus-Athleten, die zu den besten Nachwuchsschwimmern Deutschlands gehören und für die SG Frankfurt starten, liegen sechs Wochen auf dem Trockenen. Am 16. März, dem Tag der Schulschließung in Hessen, fand ihre letztes Training im Becken des Landessportbunds statt. Damals war noch nicht abzusehen, wie lange die sportliche Auszeit dauern würde und was aus der nationalen und internationalen Wettkampfsaison wird.

Mittlerweile ist klar: Keine Deutschen Meisterschaften, keine Freiwasser- und Nachwuchsmeisterschaften, keine Jugend-EM und keine Freiwasser-WM.

Erst im Sommer  wieder top

Die internationalen Meisterschaften werden eventuell nachgeholt; Überlegungen, die nationalen Titelkämpfe auf den Herbst zu verschieben, hält Richard Braunberger für wenig sinnvoll. Zum einen stehen dann schon wieder Kurzbahn-Meisterschaften auf dem Programm, zum anderen können die Schwimmer ohne langfristigen Aufbau keine Top-Leistungen abrufen.

"Zwei bis drei Monate", schätzt der 20-Jährige, braucht er, um wieder in Wettkampfform zu kommen, für Zeiten im Bereich seiner Bestmarke über die 400 Meter Lagen "bestimmt bis zum nächsten Sommer". Natürlich haben sie das Schwimmen nicht verlernt, aber ein Alternativtraining mit Joggen, Radfahren und Athletiktraining im Wohnzimmer konnte die 60 bis 80 Kilometer, die sie normalerweise pro Woche im Becken zurücklegen, nicht ersetzen.

"Die Belastung ist anders, und es werden andere Muskeln beansprucht", erklärt Langstrecken- und Freiwasserspezialist Oliver Klemet. Vor allem gehe das Wassergefühl verloren. Jenes feine Gespür für die Lage im Wasser und den detaillierten Bewegungsablauf, das die Top-Athleten vom gewöhnlichen Schwimmbadbesucher unterscheidet. "Wassertraining ist einfach unabdingbar", bringt es Braunberger, der sich schon früher Sonderregelungen für Kadersportler gewünscht hätte, auf den Punkt: "Bei der SG Frankfurt sind wir nicht mal zehn Nationalkaderschwimmer. Ich denke, für diese geringe Anzahl hätte man ein paar Bahnen freigeben können, wenn nicht alle auf einmal trainieren."

Vor- und Nachteile der Zwangspause

Und noch ein anderer Punkt bietet Anlass zur Kritik: "Es gibt mehrere Stützpunkte in Deutschland, an denen der Trainingsbetrieb für Kadersportler sichergestellt war. Das Pensum, das die trainieren konnten, können wir nicht so schnell ausgleichen." Wettbewerbsverzerrung im föderalen Sport-Deutschland.

Bei allem Frust über die sportliche Zwangspause und geplatzten Medaillenträume versuchen die beiden Schüler der Carl-von-Weinberg-Sportschule der Situation auch etwas Gutes abzugewinnen. Oliver Klemet hat die Zeit zur Regeneration genutzt. "Ich hatte vor dem Lockdown eine Entzündung in der Schulter, die konnte jetzt besser ausheilen." Und Richard Braunberger ist froh, mehr Zeit fürs Abitur zu haben. Die schriftlichen Prüfungen hat er gut hinter sich gebracht, jetzt stehen noch Mathe und Deutsch mündlich an.

KATJA WEINIG

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