Endlich wieder den Ball in den Korb werfen: Die U14-Jugend des MTV Kronberg trainiert Corona-konform in Mini-Gruppen.
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Endlich wieder den Ball in den Korb werfen: Die U14-Jugend des MTV Kronberg trainiert Corona-konform in Mini-Gruppen.

Amateursport in Corona-Zeiten

Wie reagieren die Vereine im Taunus auf die Hallenöffnungen?

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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Nach den Sportanlagen wurden am Montag auch die Hallen wieder geöffnet. Nehmen das die Vereine wahr? Wir haben uns bei drei Großvereinen im Hochtaunus umgehört und von vielen alternativen Trainingsmethoden erfahren.

Hochtaunus -Martin Schreck engagiert sich jetzt seit 35 Jahren beim MTV Kronberg , aber eine solche Situation hat natürlich auch er noch nicht erlebt. Was ihm seine Erfahrung als Vereinsmensch und Trainer aber sagt, das ist: "Was wir momentan tun, hat mehr mit Psychologie zu tun als mit einem Sportstudium."

Schreck leitet die Geschäftsstelle des MTV Kronberg, die er einst selbst angeregt und aufgebaut hatte. Derzeit in Kurzarbeit, versteht sich. Er ist weiterhin auch Übungsleiter für einen der größten Sportvereine im Hochtaunus, dessen Mitgliederzahl inzwischen auf unter 2800 gesunken ist. Im Jahr vor der Pandemie waren es noch 3100 Mitglieder.

Seine Trainingseinheiten kann Schreck Corona-bedingt nur zum Teil abhalten. Und wenn er Mädchen und Jungs zur Turnstunde begrüßt, hat sein Angebot im Moment wenig mit der eigentlichen Sportart zu tun. Es geht zum Jogging-Ausflug in den Stadtpark. Manchmal wird auch auf dem eigenen Sportgelände ein bisschen gesprintet oder gesprungen. Je nachdem, was erlaubt ist. "Beim Nachlauf kommt man sich zum Beispiel ja schon wieder zu nahe", erzählt Schreck.

Trainer Philipp Bartke pendelt zwischen den Hallendritteln, um die Nachwuchsbasketballer des MTV Kronberg betreuen zu können.

Der Hochtaunuskreis hat den Vereinen in dieser Woche erlaubt, Sport auch in der Halle wieder anzubieten. Zulässig sind auch Mannschaftssportarten, solange die Gruppengröße von fünf Personen aus zwei Hausständen nicht überschritten wird. Immerhin sind Übungsleiter und Betreuer nicht eingerechnet. Größere Hallen können durch Trennwände unterteilt werden und pro Segment eine Kleingruppe Sport treiben. Die Trainer pendeln dann zwischen den Hallenbereichen hin und her. "Wir machen aber weiterhin so viel wie möglich draußen, dort ist das Infektionsrisiko einfach deutlich geringer", sagt Schreck.

Die Basketballer dritteln die Altkönigsporthalle für die jüngeren Altersklassen und halbieren ein weiteres Spielfeld. Also trainierten zehn Kinder gleichzeitig, aber getrennt voneinander, erläutert Basketball-Cheftrainer Miljenko Crnjac. Damit genüge pro Mannschaft eine Trainingseinheit, da es auch Eltern gebe, die lieber weiterhin abwarteten und ihre Kinder noch nicht in die Halle vorbeischickten.

Martin Schreck: "Wir haben als Verein eine soziale Aufgabe"

Im Einsatz sind in dieser Woche die jungen Korbjäger der U10, U12 und U14 sowie die Mädchen der U12 und U14. Weiterhin treffen sich wieder die Reha-Sportler des MTV in der Halle, auch sein Fitnessstudio hat der Verein wieder geöffnet, für das man Slots vorab buchen muss.

Turngruppen weichen nach draußen aus, wenn sie bei der kühlen Witterung überhaupt trainieren. Outdoor-Sportler wie die Leichtathleten und Hockeyspieler sind nach den Lockerungen der Politik schon in der zweiten Woche auf dem Gelände wieder im Einsatz. "Das wäre bei dem herrlichen Wetter vor zwei Wochen bestimmt besser angenommen worden", lächelt Martin Schreck, der das alles mit einer gewissen Gelassenheit mitmacht.

Was ihm auf dem Herzen liegt: Als Verein erfülle man beim MTV Kronberg vor allem eine soziale Aufgabe. Das werde gerade deutlicher denn je, sagt Schreck. "Es ist wichtig, Menschen nicht nur sich selbst zu überlassen." Und wenn er mit seiner Turngruppe in den Stadtpark jogge, sei dies für die Kinder genauso wichtig wie für deren Eltern, die darüber erleichtert seien, dass ihre Sprösslinge wieder Zeit im Verein verbringen.

Zweikampf im roten Rechteck: Die Spitzen-Judoka der Homburger TG kommen sich auf Matteninseln nicht in die Quere.

Immer positiv denken, das klingt nach einem Motto von Ralph Gotta. Denn der Präsident der Homburger TG (HTG) , des größten Vereins in der Kurstadt, kann selbst perspektivisch Lichtblicke in der kräfte- und nervenzehrenden Pandemie erkennen. Erste positive Effekte hätten sich schon eingestellt, sagt Gotta. Nachdem in den Altenheimen durchgeimpft worden sei, sei die Zahl der Todesfälle gesunken. Dies müsste für die Öffnungsstrategie von den Politikern aber genauso berücksichtigt werden wie die geringe Auslastung in puncto Intensivbetten in den Krankenhäusern, fordert Gotta. Die steigenden Infektionszahlen seien nur eine Seite der Medaille.

Lockerungen: Ralph Gotta plädiert für Strategiewechsel

Weiterhin ist der frühere Judo-Champion davon überzeugt, dass - ähnlich wie zu Beginn der Pandemie, als der Peak Ende März erreicht wurde - schon das Wetter bald für mehr Gesundheit sorge. Mehr Sonne, mehr Licht, mehr Wärme sorgten für ein stabileres Immunsystem der Menschen. Gotta plädiert deshalb für einen Strategiewechsel, der zu einer stärkeren Differenzierung bei den Lockerungsschritten führen müsse. Testungen und Hygienekonzepte seien der richtige Weg.

Andererseits beschleicht Gotta das Gefühl, dass die für nächste Woche erarbeiteten Trainingskonzepte im vereinseigenen Sportpark kaum mehr zur Anwendung kommen. Die Politik schaut weiterhin nur auf den Inzidenzwert. Der stieg in Hessen am Freitag schon auf 100,2. Ab einem stabilen Wert über 100 werden die Lockerungen für Vereinssportler schon wieder ein abruptes Ende finden. "Wunsch und Realität liegen manchmal weit auseinander", bedauert der HTG-Chef.

Die Spitzensportler der HTG dürfen in mehreren Kleingruppen trainieren.

Immerhin: Die Bundesliga-Teams im Judo und Basketball könnten drinnen und normal trainieren, auch die Tennisspieler. Die Vorgaben des Landessportbundes, in Fitnessstudios 40 Quadratmeter pro Person vorzusehen, sorge auch dort wieder für eine ganz gute Auslastung.

Doch ob das Matteninsel-Konzept für die Nachwuchs-Judoka von Montag an wirklich zur Anwendung kommt? Das Do-Jo werde in vier Bereiche aufgeteilt, auf der jeweiligen Matte immer mit dem gleichen Partner trainiert werden, erläutert Gotta, die Jugendgruppen seien für den Restart schon eingeteilt worden.

Wie immer die Politik auch entscheide: Gotta hofft darauf, dass die Bedeutung von Sportvereinen für die Gesellschaft jetzt mehr Leuten einleuchtet. Derweil schrumpfen diese Vereine weiter. Vor allem die großen. Seit dem Jahreswechsel spürt das auch die HTG. Inzwischen ist der Verein auf 3988 Mitglieder geschrumpft.

Die TSG Oberursel ist mit ihren rund 4200 Mitgliedern weiterhin der größte Sportverein im Hochtaunuskreis. Wegen der fehlenden Neueintritte sei ein Rückgang von ungefähr fünf Prozent zu verzeichnen, sagt Geschäftsführerin Jutta Stahl. Positives weiß sie aus der Handball-Abteilung zu berichten, die trotz des Ausfalls der aktuellen Saison für die nächste Runde 29 Mannschaften meldet - so viele wie noch nie. "Dass wir den Kontakt zu den Kindern und Aktiven gehalten haben, hat uns die Mitglieder gehalten", erzählt die Jugendtrainerin.

Jutta Stahl: Manche Abteilungen können nicht auf die Schnelle reagieren

Mit einem begrenzten Übungsbetrieb haben Orschels Ballwerfer wieder begonnen. Allerdings nur draußen und wenn sie unter 15 Jahre alt sind. "Am Sonntag haben wir gewusst, warum wir gern Handballer sind", erzählt Stahl vom ersten Outdoor-Training ihrer weiblichen C-Jugend. Für dieses konnte der Verein das Gelände von Eintracht Oberursel nutzen. Andere Gruppen kommen auf der Sportfläche des Freizeitzentrums "Haus Heliand" oder dem vereinseigenen Beachhandballfeld unter. Der Zuspruch ist groß - jedoch teilweise mit ungemütlichen Erfahrungen verknüpft. "Da stellste Handballer auf einen Fußballplatz, und dann hagelt es auch noch", nahm Stahl das Szenario am Sonntag mit Humor. Hauptsache sei, man dürfe den Ball wieder in die Hand nehmen, für den Rest sorge das zweifelsohne vorhandene Improvisationstalent der Trainer.

Alternatives Training: Tamino Taschner (l.) leitet die C-Jugend-Handballerinnen der TSGO auf dem Kunstrasen von Eintracht Oberursel an.

Die Empfehlung des Vorstands lautet: Weiterhin kontaktlos trainieren. Vorsicht sei weiterhin geboten. Dass der Kreis die Sporthallen der Erich-Kästner-Schule wieder freigegeben hat, weiß Jutta Stahl natürlich. Die meisten Abteilungen könnten damit aber auf die Schnelle noch nichts anfangen. "Es geht bei uns ja auch um Amateursport." Die Verantwortlichen von Badminton und Basketball bastelten an einem Konzept, das in der nächsten Woche angewendet werden könnte. Die Judoka der TSGO würden gerne in der vereinseigenen Turnhalle und der Grundschule Mitte wieder nach Ostern trainieren.

So lautet der Plan. Doch Pläne sind in Corona-Zeiten vor allem dazu da, um wieder geändert zu werden.

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