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Individuelles Warm-up: Mit Flatterband hat der HC Bad Homburg auf der einen Seite des Spielfeldes Bahnen abgegrenzt, in denen sich jeder in seiner Spur mit dem nötigen Abstand aufwärmen kann. Rechts geben die Trainer Anweisungen. 

Hockey, HC Bad Homburg

So wird's gemacht: Training in Corona-Zeiten

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Wäre der HC Bad Homburg ein Schulkind, er erhielte für Planung und Umsetzung die Note 1. Eine Stippvisite.

Tobias Wuttke hat genug davon, in seinem Garten zu stehen und den Trainer zu geben. Er hat genug davon, auf ein paar Quadratmetern von einem Hütchen zum nächsten zu dribbeln und wieder zurück. Und per Videokonferenz zuzuschauen, wie das seine Schützlinge auch versuchen, irgendwo zu Hause.

"Die Motivation für das Heimtraining hatte zuletzt nachgelassen", erzählt Wuttke und schließt sich selbst dabei explizit nicht aus. Früher war er ein Bundesligaspieler, er gewann 2009 mit dem Rüsselsheimer RK den Europapokal; jetzt ist er als Sportwissenschaftler und A-Trainer als hauptamtlicher Sportlicher Leiter beim Hockey-Club Bad Homburg tätig. Seit dem Lockdown vor allem aber: Improvisationskünstler.

Als der 39-Jährige im dunkelblauen Vereinsshirt das erzählt, ist er heilfroh, dass es wieder losgegangen ist: das Training auf dem Vereinsgelände im Sportzentrum Nord-West. Wenn auch nach anderen Regeln im Vergleich zu den Zeiten, als Corona die meisten nur mit einer Biersorte in Verbindung brachten.

So sieht die Aufteilung der Sportanlage für das Hockeytraining aus.

Wuttke berichtet am Rande einer Übungseinheit in der warmen Mai-Sonne ganz entspannt über seine Trainingsarbeit. Was damit zusammenhängt, dass er als Typ recht besonnen rüberkommt. Aber auch damit, dass der Trainer gemeinsam mit einem Stab aus zehn Vorstandsmitgliedern und Coaches bei der Vorbereitung ganze Arbeit geleistet hat.

Wenn nicht so viele Markierungen rund um das Clubheim und auf dem Spielfeld angebracht wären, man könnte meinen, es ist alles so wie immer im Training des HCH. Bei genauerem Hinsehen ist aber vieles neu.

Rund zwei Wochen lang sei man damit beschäftigt gewesen, unter Berücksichtigung der Vorgaben und Anregungen des Deutschen Hockey-Bundes, des Hessischen Hockey-Verbandes und der Stadt Bad Homburg ein eigenes Konzept zu entwickeln, erklärt Kathrin Metzner. Die 51-Jährige ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins und kommt ebenfalls sehr entspannt rüber. Nur wenn ein Jugendspieler doch einmal den falschen Zugang auf das Spielfeld (es gibt derzeit nur einen erlaubten) wählt, unterbricht sie ihre Rede kurz und weist das Kind höflich auf die neue Einteilung der Anlage hin.

Christine Hetzke (rechts) desinfiziert Jesko (links) die Hände. An der Meldestelle für das Training helfen Eltern mit.

Video-Instruktionen, Probe-Training

Mit einer Videobotschaft und ausführlichen E-Mails sind die Eltern der rund 350 Jugendspieler in den je acht Mädchen- und Jungenmannschaften gebrieft worden, wie das Corona-Training funktioniert. Zu einem Probedurchlauf trafen sich am Samstag dann sechs Teams plus Trainer auf dem Gelände - nacheinander und im jeweiligen Abstand von mindestens 1,5 Metern, versteht sich. "Die Spieler sollen komplett umgezogen erscheinen", erläutert Metzner, deren drei Kinder auch Hockey spielen. Wenn das Wetter nicht mitspiele, werde für die Hin- und Rückfahrt einfach entsprechende Kleidung drübergezogen. Da die meisten mit dem Rad kommen, führen aufgemalte Pfeile die Kinder und Jugendlichen direkt zur "Bag & Bike Box".

In rechteckigen Feldern, die den Autoren ein wenig an Hickelkästen aus der Kindheit erinnern, stellt jeder sein Fahrrad und seine Tasche ab und begibt sich zur Anmeldung, wo ein Helfer Namen und Anschrift notiert. Auf Listen möchte die Stadt nämlich alle Teilnehmer dokumentiert haben, um mögliche Infektionsketten zurückverfolgen zu können. Wenn denn jemand am Coronavirus erkranken sollte.

Das Techniktraining absolvieren Kleingruppen in ihrem Quadrat. Die Namensvetter Leonard und Leonard passen sich den Ball zu.

Pfeile auf dem Boden weisen den Weg zum unteren Zugang des Spielfeldes, wo sich die Warm-Up-Zone befindet. In dieser wurden mit Flatterband Bahnen abgesteckt, so dass sich die Spieler beim Aufwärmen nicht zu nahe kommen können. Jeder hat eine Bahn-Nummer zugewiesen bekommen und trägt nur Wasserflasche und Schläger mit sich.

Jetzt kommt Wuttke ins Spiel, der als Supervisor für die Jugendtrainer altersgerechte Übungseinheiten geplant hat. Die Gruppen teilen sich mit je einem Coach oder Betreuer in bis zu vier Quadrate auf. In ihnen werden Übungen absolviert, die aus dem Einspielen sowie Technik- und Schusstraining bekannt sind. Zweikämpfe und Spiel fallen weg.

Die höchstens 16 Feldspieler pro Team berühren den Ball nur mit dem Schläger. Die Torleute tragen ja ohnehin Schutzhandschuhe. Eine Stunde dauert eine Einheit. Jung bis Alt können so von Montag bis Freitag zwischen 13 und 22 Uhr trainieren.

"Soziale Kontakte sind das Wichtigste"

"Wir wollten möglichst vielen die Chance geben, wieder ihren Sport auszuüben", erläutert Kathrin Metzner lächelnd. Den Kindern nach diesen außergewöhnlichen Wochen möglichst viel Normalität zu geben, darauf komme es an, ergänzt Tobias Wuttke. "Die sozialen Kontakte sind das Wichtigste für die Kinder." Da er ohnehin prozessorientiert arbeite und an der Entwicklung jedes einzelnen Spielers feile, sei es gar nicht schlimm, dass es noch an Wettkämpfen fehle, auf die man hinarbeiten könne.

Tobias Wuttke (rechts) gibt in der Teamzone das Feedback zum Training, die Spieler haben ihre eingezeichneten Plätze eingenommen.

Als die D-Knaben nach dem Trainingsende den Platz oben am geschlossenen Clubhaus verlassen haben und unten sich bereits das nächste Team aufwärmt, nehmen die sechs- bis achtjährigen Jungen in der Teamzone Platz. Auf grün eingezeichneten Kreuzen auf dem Boden, alle im passenden Abstand zueinander.

Nach einer kurzen Manöverkritik des Trainers muss auch dieser nochmals kurz überlegen. Zum obligatorischen Kampfspruch darf ja kein Kreis gebildet werden. "Geht aber auch gut vom Platz aus", denkt sich Wuttke. Mit strahlenden Gesichtern rufen die Kinder: "1, 2, 3 - HCH!" Endlich wieder Hockeytraining.

KOMMENTAR: Unseren Kindern darf mehr zugetraut werden

Der Hessische Fußball-Verband hat auf seiner Homepage einige Regeln zur Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs veröffentlicht. Das alles gilt für Mannschaften ab der Altersklasse U12. Für Jüngere wird empfohlen, während der Pandemie erst wieder zu trainieren, wenn die Kinder in der Schule oder im Kindergarten zwei Wochen lang Erfahrungen mit Hygiene- und Abstandsregeln gesammelt haben.

Ein Beispiel dafür, dass sich auch in Corona-Zeiten zeigt: Über das Wohlergehen der Kinder machen sich Entscheidungsträger oftmals keine primären Gedanken. Kinder werden in unserer Gesellschaft wieder einmal ungerecht behandelt.

TZ-Sportchef Thorsten Remsperger

Wer selbst Kinder hat - und das dürften auch bei Entscheidungsträgern nicht so wenige sein - der weiß aus eigener Erfahrung: Je jünger er ist, desto mehr orientiert sich der Nachwuchs an den Eltern. Und an anderen Erwachsenen, die Autoritätspersonen sind. Woher sollen die Erfahrungswerte denn auch sonst kommen? Wenn also die "Großen" den "Kleinen" Abstands- und Hygieneregeln vorleben, sind Kinder die Letzten, die auf die Idee kommen, diese bewusst zu missachten.

Warum also Kinder von ihrem Hobby weiter ausschließen? Bis alle Grundschüler zwei Wochen lang wieder einigermaßen normalen Unterricht erlebt haben, sind fast schon wieder Sommerferien. Bis dahin ist viel Zeit vergangen, in denen Kinder die sozialen Kontakte und persönliche Orientierung im Verein immer noch nicht erleben dürfen. Dafür berichten aber im ungünstigen Fall ältere Brüder und Schwestern zu Hause von ihren Erlebnissen im Training. Wie gemein muss das für ein Kind im Kindergarten- oder Grundschulalter sein?

Der Hockey-Club Bad Homburg beweist mit seinem Trainingskonzept, wie mehr als 300 Kinder und Jugendliche pro Woche auch unter Corona-Regeln draußen ihrem geliebten Mannschaftssport nachgehen können. Das lief bisher absolut reibungslos. Vor allem für die Vorbereitung, aber auch die Umsetzung bedarf es jedoch viel Manpower. Das will erst einmal alles auf die Beine gestellt werden.

Vereine, die viel auf Jugendarbeit geben und ein solches Ziel auch kommunizieren, sollten jetzt Zeit und Muse investieren. Egal, ob der Start für die nächste Saison absehbar ist oder nicht. Egal, ob in Schutzmaßnahmen investiert werden muss. Die Kinder werden es ihnen danken.

THORSTEN REMSPERGER

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