Nationalmannschaft

Joachim Löw muss gegen Weltmeister Frankreich liefern

Bundestrainer Joachim Löw muss gegen Weltmeister Frankreich liefern. Kann das Team die Fans zurückgewinnen?

Toni Kroos richtet den Blick in die Zukunft. Nun fängt ein neuer Zyklus an im internationalen Fußball, nächster Halt ist die Europameisterschaft 2020. „Vielleicht ist es in zwei Jahren so, dass wir nur noch verteidigen, aber dass die Mannschaften gewinnen, die nur noch den Ball haben wollen.“ Toni Kroos scherzt, er will auch ein wenig provozieren, weil er die ganzen Diskussionen um den deutschen Fußballstil wohl als hysterisch empfindet.

Man ist auf sehr vieles gespannt am heutigen Donnerstagabend in der Münchner Arena. Wie wird das Publikum auf die deutsche Nationalmannschaft reagieren, die bei der WM in Russland historisch enttäuscht hat? Wie auf Bundestrainer Joachim Löw, dem es mehrheitlich den Rückzug nahegelegt hätte? Wie auf Ilkay Gündogan, der ein Teil der Özil-Erdogan-Affäre war?

Die Wahrnehmung können die Spieler steuern. Nicht von dem Moment an, in dem sie das Stadion betreten, sondern im Laufe des Spiels gegen Frankreich, den Nachfolger als Weltmeister. Es fallen Begriffe wie „Feuer“, „Leidenschaft“. Die Nationalmannschaft wird um die Gunst ihrer Fans kämpfen müssen. Und das ist die vielleicht größte Frage: Wie wird sie das anstellen wollen?

„Wir werden unsere Vision vom Spiel nicht eingraben, sie ist die Basis“, sagt Joachim Löw. „Wir haben das Spielermaterial, das gerne mal den Ball länger hat – das werden wir auch nicht ändern“, schließt sich Toni Kroos dem Trainer an. Er rät: „Wir sollten nicht etwas kopieren, was die Qualität der Mannschaft nicht hergibt.“ Heißt: Deutschland wird nicht wie Frankreich spielen, für das das Umschaltspiel wie geschaffen ist, weil es vorne Leute hat wie Mbappé oder Dembele.

Aber Deutschland will sich „anpassen“, so formuliert Löw es. Er hat für das Training „Formen gewählt, wo es in die Zweikämpfe ging“, er hat den Außenverteidigern gesagt, „dass sie mit nach vorne gehen dürfen, aber nicht mehr in dieser Häufigkeit“, er hat die Mannschaft daran erinnert, „dass wir nicht vergessen, den Gegner zuzuordnen“. Eine Zielsetzung ist: „Wir müssen das Bewusstsein schaffen, dass wir das eigene Tor auf Teufel komm raus verteidigen müssen.“ Dafür gibt es in der Fußballfachsprache auch den schönen Satz, den vor gut zwanzig Jahren der niederländische Schalke-Trainer Huub Stevens eingeführt hat: „Die Null muss stehen.“ Löw ist optimistisch, dass seine Mannschaft, die sich personell ja kaum unterscheiden wird von der, auf die er in Russland vertraute, die Balance finden wird: „Die Offensivkraft nicht verlieren, uns aber defensiv stabilisieren.“ Er sagt: „Ich bin überzeugt, es wird uns gelingen.“

Doch von seiner Überzeugung hat er in den vergangenen Monaten immer wieder gekündet – und jedes Mal war es eine Fehlansage. Warum war es beim Ernstfall WM nicht anders als bei den verunglückten Testspielen seit November 2017?

Löw will „eine Aufbruchstimmung verspüren“, eine „positive Ungeduld“. Er spricht nicht von einem neuen Anfang, sondern davon, „etwas geradezurücken“. Das Spiel gegen die derzeit beste Mannschaft der Welt wird zeigen, ob man mit diesem Ansatz etwas erreichen kann – oder ob es den Deutschen derzeit schlicht an Klasse fehlt.

Es ginge dann auch um die Person des Trainers, sollte sich zeigen, dass seine Idee von der sanften Korrektur nicht zum sofortigen messbaren Erfolg führt. Löw versucht, davon ungerührt zu wirken. „Ich habe ungefähr 160 Länderspiele gemacht als Trainer, da werde ich nicht aus der Bahn geworfen vom Druck. Der ist immer gegeben. Doch ich weiß, dass man jetzt mehr liefern muss.“

Die mögliche Aufstellung: Neuer – Kimmich, Boateng, Hummels, Schulz – Kroos, Goretzka – Müller, Reus, Draxler – Werner.

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