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Das weltmeisterschaftliche Debakel hatte nicht ausgereicht. Offenbar brauchte es obendrein den Weckruf von Amsterdam, den manche bereits als endgültigen Abgesang auf den Bundestrainer und seine gefallenen

Das weltmeisterschaftliche Debakel hatte nicht ausgereicht. Offenbar brauchte es obendrein den Weckruf von Amsterdam, den manche bereits als endgültigen Abgesang auf den Bundestrainer und seine gefallenen Helden von Rio empfanden, um Joachim Löw doch zu einer wirklichen Wende zu bewegen. Ob diese nächste Niederlage nun der Neuanfang war? Auch wenn die deutsche Nationalelf bei ihren Weltmeister-Nachfolgern in Frankreich 1:2 verloren, war dieser Abend in Paris ein Schritt in die richtige Richtung – und er sollte nebenbei die heftigen Debatten um Löws Zukunft im Bundestraineramt beruhigen, fürs Erste jedenfalls.

Kein Vergleich mit dem 0:3 in den Niederlanden drei Abende zuvor, kein Vergleich auch mit den Darbietungen des bleiernen deutschen WM-Sommers: Dass eine DFB-Elf so mutig und mitreißend aufspielt, hatte man lange nicht mehr gesehen. Da muss man bis zum Confederations Cup 2017 zurückgehen, als in Abwesenheit der seinerzeit geschonten Platzhirsche die zweite Reihe bei der WM-Generalprobe auftrumpfte. Im Stade de France waren es nun wieder vor allem die von Löw in den Ernstfällen zwischendrin kaum berücksichtigten Jungen, die für Tempo auf dem Rasen und im Reformprozess sorgten – und gleichzeitig offenbarten, dass da natürlich Luft nach oben bleibt. Sané, Gnabry und Co. sind noch vor allem Hoffnungen für die Zukunft. In der Gegenwart besteht Lernbedarf, und dafür braucht es praktische Erfahrungen. Weltklasse-Stürmer wie Griezman hat Löw nicht, das machte am Dienstag dann doch den Unterschied – freilich auch mit Hilfe eines unberechtigten Elfmeters.

Die Jugend ist kein Allheilmittel für die Misere des deutschen Fußballs. Wenn man aber bei den Europa- und Weltmeisterschaften 2020 und 2022 eine schlagkräftige Mannschaft haben will und zudem die Heim-EM 2024 im Hinterkopf hat, gibt es keine Alternative dazu, ihr das Vertrauen zu schenken. Ganz ohne Alte geht es wiederum auch nicht. Da muss Löw ein Spagat gelingen, wie am Dienstag. Mit seinen geglückten Pariser Personalien hat er ein Argument mehr in eigener Sache, und dass er diesmal einen besser besetzten Gegner mit taktischen Mitteln weitgehend im Zaum halten konnte, ist ein weiteres.

Manchmal ist ein Fußball dann eben doch kein Ergebnissport. Unter dem Dach der Nations League geht es wie in handelsüblichen Tests weniger um Zahlen auf der Anzeigetafel als um Aufbauarbeit, da sollte selbst ein sogenannter Abstieg in diesem seltsamen neuen Wettbewerb nicht ärger wehtun. Als Reformer führte Löw die DFB-Elf aus der Rumpelfußballzeit auf den Gipfel von Rio, jetzt ist wieder Entwicklungshilfe angesagt. Die Überzeugung zur Veränderung hat er mit Verspätung gefunden. So aber kann der Weltmeistertrainer von 2014 doch auch dafür der richtige Mann sein.

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