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Das größte Glück der Erde: Selina auf dem Rücken von Dino, ihrem Pflegepferd. Foto: privat

Erfahrungsbericht

Wie man sich auch mit einem Herzfehler sportliche Träume erfüllen kann

Sport mit einem Herzfehler? Das ist nicht immer leicht. Aber machbar! Unsere Autorin berichtet, wie sie auch unter diesen Umständen ihr sportliches Glück gefunden hat.

VON JUNGE-ZEITUNG-AUTORIN SELINA FABIENNE TOBISCH

Als ich kleiner war, noch in der Grundschule, war es mein größter Traum, Leistungssportlerin zu werden und an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Später musste ich lernen, dass das für mich schwierig werden würde. Ich habe einen angeborenen Herzfehler, der mich in gewissen Dingen einschränkt, das war mir als kleineres Kind noch nicht bewusst. Vom Sport hält mich das aber bestimmt nicht ab, und vom Träumen auch nicht. Ich reite seit meinem fünften Lebensjahr, und das lasse ich mir nicht nehmen. Was ich auf jeden Fall weiß: Man darf nur nicht aufgeben und muss immer weiterkämpfen, dann hat man am Ende immer etwas Positives. Vor allem Glück.

Über 200 000 Betroffene in Deutschland

Es gibt viele verschiedene Arten von angeborenen Herzfehlern. 200 000 bis 280 000 Erwachsene leben damit in Deutschland. Manche sind belastbarer als ich, andere viel schwerer betroffen. Ich liege da irgendwo in der Mitte. Als ich einen Monat alt war, wurde festgestellt, dass ich eigentlich nicht nur einen, sondern mehrere Herzfehler habe. Da kamen verschiedene Dinge zusammen. Viele Menschen mit angeborenem Herzfehler sind heutzutage leider unsportlich. Dafür können sie aber nichts, da sie in ihrer Kindheit viel zu sehr in Watte gepackt, vor alltäglichen Dingen und vor allem vor dem Sport beschützt und geschont wurden. Da hatte ich mit meinen Eltern Glück.

Herz funktioniert ohne Warnsystem

Sie haben mich schon als Kleinkind bewegen lassen, wie ich es wollte und konnte. Denn ich war bis zum Ende der Grundschulzeit ein sehr bewegungsfreudiges Kind und habe das auch gebraucht. Ich bin Rad und Inlineskates gefahren, war im Turnen, habe an Bundesjugendspielen teilgenommen und mit dem Reiten angefangen. An meine Grenzen bin ich erstmals bei einem Training für die Bundesjugendspiele gekommen, 1000-Meter-Lauf und die Sprints, in der dritten Klasse.

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Ich war einfach nur froh, dass ich gut nach Hause gekommen bin. Dort musste mich hinlegen, mir war schlecht, ich hatte starke Kopfschmerzen. Mir war kalt, obwohl es draußen 27 Grad warm war, und ich habe am ganzen Körper gezittert. Auch beim Fußballspielen wurde mir das dauerhafte Laufen, Rennen und Sprinten nach einer gewissen Zeit zu viel. Meine Eltern haben bei einem Spiel zugeschaut und danach gesagt: „Das kannst du nicht machen, du siehst total mitgenommen aus, das tut dir nicht gut.“ Mein Kardiologe hat mir das Fußballspielen daraufhin verboten. Er sagte: „Das fällt unter Leistungssport und ist viel zu anstrengend.“

Je nach Herzfehlertyp gibt es Unterschiede, welche Sportarten unterlassen werden sollten und welche nicht. Dabei wird meist zwischen dem Leistungssport und dem „Normalsport“, wie das mein Kardiologe nennt, unterschieden: Schulsport zum Beispiel. Unter Leistungssport fallen hingegen Mannschaftssportarten wie Fußball, Handball oder Volleyball, die in Vereinen ausgeübt werden, oder Sportarten, die auf Zeit ausgeübt werden, wie Schwimmen oder leichtathletische Disziplinen.

Sport ist ok - Leistungssport nicht

Bei mir ist es so: Ich darf schwimmen, solange es für mich okay ist und solange es nicht unter Leistungsdruck ist und auf eine bestimmte Zeit ankommt. Einmal hatte ich beim Schulschwimmen eine bestimmte Anzahl von Bahnen schwimmen müssen, was ich einfach nicht geschafft habe. Hinterher war ich körperlich fertig. Mein Kardiologe stellte mir danach erstmals ein Attest aus, dass ich das nicht mehr machen darf.

Je nach Herzfehler-Typ gibt es auch unterschiedliche Warnzeichen. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene merken, wenn es ihrem Herz zu anstrengend während dem Sport wird. Dann versucht sich der Körper zu schonen, indem er gewisse Anzeichen zum Vorschein bringt: Schwindel oder Atemnot zum Beispiel, was an sich eine gute Schutzmaßnahme ist. Wenige Menschen mit einem Herzfehler, darunter auch ich, verfügen nicht über ein solches Warnsystem. Bei uns ist es so, dass das Herz sich überanstrengt, ohne irgendwelche Signale an den Körper zu senden.

Irgendwann ist das Herz so überanstrengt und ausgepowert, dass es im schlimmsten Fall plötzlich still steht. Bei diesen Menschen ist es wichtig, dass sie von sich aus ein gesundes Mittelmaß an Sport finden, ohne dass dabei ihr Körper in Mitleidenschaft gezogen wird. Für die meisten Menschen mit angeborenem Herzfehler ist Sport gut für das eigene Wohlbefinden und ihre Belastbarkeit. Allerdings darf man sich eben nicht überschätzen und nach Lust und Laune Leistungssport treiben.

Gefährlich kann auch ein Besuch im Fitnessstudio sein, da man dort nicht nur Bein-, Arm- oder Bauchmuskeln aufbaut, sondern auch bei gewissen Übungen die Herzmuskeln, was für manche Herzfehlertypen sehr gefährlich werden kann. Es gehört bei allen sportlichen Betätigungen immer die Rücksprache mit dem Kardiologen und eine gewisse Grundkenntnis der jeweiligen Erkrankung dazu.

Herzfehler muss kein Hindernis sein

Ich weiß, das hört sich alles schwer und kompliziert an. Das ist es aber nicht! Man kommt in seinem Leben gut damit zurecht, und für mich ist einfach klar: Ohne Sport geht es nicht! Da ist es dann auch egal, ob es der Schulsport einmal die Woche ist oder mein Pflegepferd, das ich den Ferien täglich bewegen darf und sonst fast jeden zweiten Tag.

Es gibt dabei Höhen und Tiefen. Immer wieder sind an meinem Herzen Eingriffe nötig, kleinere wie das Legen eines Herzkatheters oder auch schon größere Operationen. Danach brauche ich immer Erholungspausen. Aber dies ist für mich kein Hindernis, mal in den Stall zu fahren und nach meinem Pflegepferd Aladin, auch Dino genannt, zu gucken. Manchmal muss man vielleicht etwas nachdenken, um das Glück wahrzunehmen. Eines ist aber ganz klar: Wenn ich bei Dino bin, bin ich glücklich.

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