Constantin Schmid aus Oberaudorf ist seit 2019 fixer Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft im Skispringen.
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Constantin Schmid aus Oberaudorf ist seit 2019 fixer Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft im Skispringen.

Constantin Schmid im Interview

Skispringen: „Ich mache mir große Sorgen. Das gefährdet unsere Identität und Kultur“

  • Tobias Ruf
    VonTobias Ruf
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Constantin Schmid blickt auf eine erfolgreiche Saison im Skispringen zurück. Im Interview mit chiemgau24.de spricht er über den erfolgreichen Traum von Olympia, die neuen Entwicklungen im Skispringen, die schweren Phasen in seiner noch jungen Laufbahn und seine Sorgen ob des Klimawandels.

Oberaudorf - Constantin Schmid aus Oberaudorf ist eines der größten Zukunftsversprechen im deutschen Skispringen. Seit drei Jahren ist er fester Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft und feierte in der abgelaufenen Saison mit der Olympia-Bronzemedaille im Team den größten Erfolg seiner Karriere.

Im Interview mit chiemgau24.de blickt er auf spannende und erfolgreiche Tage in China zurück und erklärt seinen Leistungssprung pünktlich zum Saisonhöhepunkt.

Der 22-Jährige spricht aber auch über Tiefen in seiner noch jungen Karriere und setzt sich mit den Änderungen zur neuen Weltcup-Saison im Skispringen auseinander. Zudem liegt ein Fokus des Gesprächs auf seiner Heimat Oberaudorf und den bedenklichen Entwicklungen im Hinblick auf die Zukunft.

Skispringen: Constantin Schmid im Interview

Herr Schmid, wie ist die Vorbereitung auf die neue Saison angelaufen?

Constantin Schmid: Ich war vor kurzem an Corona erkrankt, hatte aber zum Glück nur leichte Symptome und bisher auch keine Folgeschäden. Bis auf diese kurze Zwangspause bin ich mit der Vorbereitung zufrieden und blicke zuversichtlich auf die kommenden Wochen.

Werden Sie am Sommer-Grand-Prix teilnehmen?

Schmid: In Hinzenbach und Klingenthal will ich dabei sein. Ursprünglich war auch ein Start in Wisla geplant, dann kam aber Corona dazwischen.

Worauf liegt der Fokus in der Vorbereitung?

Schmid: Es gibt im Zuge des neuen FIS-Reglements auch veränderte Anzüge, daran müssen wir uns natürlich gewöhnen. Aber bislang gab es da keine Probleme, der neue Schnitt fühlt sich gut an. Was die sportlichen Abläufe angeht, hoffe ich, an meine ansteigende Form aus der vergangenen Saison anknüpfen zu können. Ich will mit mehr Überzeugung an der Schanze agieren. Zudem liegt ein Schwerpunkt darauf, den Transfer vom Krafttraining besser auf die Schanze zu bringen.

Zur neuen Saison werden Sie über einen Body Scan vermessen, um anschließend eine bessere Grundlage für die Materialkontrolle zu haben. Eine gute Neuerung?

Schmid: Ich weiß, Stand heute, noch nicht genau, wie die neue Vermessung ablaufen wird. Ich erhoffe mir dadurch gleiche Voraussetzungen für alle und somit mehr Fairness.

Sie selbst scheinen das Thema Anzug gut im Griff zu haben . . .

Schmid: Ich bin nur einmal in meiner Karriere disqualifiziert worden. Das war 2015 beim Alpencup. Ich habe mich so darüber geärgert, dass ich daraus meine Lehren gezogen habe und schon gezielt darauf achte, dass mein Anzug regelkonform ist.

Sie waren Teil des Mixed-Teams bei Olympia. Zahlreiche Athletinnen und Athleten wurden disqualifiziert. Wie haben Sie diesen Wettkampf erlebt?

Schmid: Das habe ich so noch nicht erlebt und will es auch nicht mehr erleben. Ich ärgere mich bis heute über die Gesamtsituation. Man hatte im Vorfeld, beim letzten Wettkampf vor den Spielen in Willingen, die Möglichkeit, klare Grenzen zu ziehen. Das hat man nicht gemacht und hat dann auf der größtmöglichen Bühne dieses Chaos verursacht. Den Sportlern mache ich da keinen Vorwurf, die Versäumnisse lagen auf Seiten der verantwortlichen Funktionäre.

Constantin Schmid kam bei seinen ersten Olympischen Spielen bei allen Wettbewerben zum Einsatz.

In der kommenden Saison gibt es deutlich mehr Kompensationspunkte für Rückenwind. Wie finden Sie diese Änderung?

Schmid: Die finde ich sehr gut. Mit Rückenwind verliert man exponentiell viele Meter im Vergleich zu dem, was man bei Aufwind abgezogen bekommt. Durch die neue Regel wird man für guten Wind nicht bestraft, erhält bei schlechten Verhältnissen aber eine Hilfestellung.

Der Weltcup startet bereits im November, in Wisla kommt es zu einem ungewöhnlichen Saisonstart. Angefahren wird auf einer Eisspur, gelandet wird auf Matten. Wie stehen Sie dazu?

Schmid: Wir kennen diese Abläufe gut, im Oktober und auch November haben wir oft in dieser Konstellation trainiert und beispielsweise auch Deutsche Meisterschaften ausgetragen. Ich freue mich drauf und habe damit kein Problem. Für die Zuschauer werden das trotzdem ungewöhnliche Bilder. Ich bin noch etwas skeptisch, ob das wirklich als Weltcup-Auftakt wahrgenommen wird.

Schmid: „Jeder einzelne von uns kann und muss da einen Beitrag leisten“

Könnte das die Zukunft des Skispringens sein? Durch den Klimawandel droht in vielen Wintersportregionen Schneemangel . . .

Schmid: Wir haben im Skispringen den Vorteil, dass wir recht wenig Schnee benötigen, um den Aufsprunghang zu präparieren. Das sieht im Ski alpin beispielsweise ganz anders aus. Ich rechne nicht damit, dass wir unseren Weltcup-Winter in den kommenden Jahren auf Matten austragen werden. Eine Alternative um Ressourcen für die Schneeerzeugung zu sparen, ist es aber in jedem Fall.

Sie kommen aus Oberaudorf. Ein Ort, in dem der Winter und der Wintersport gelebt werden. Wie blicken Sie in Richtung Zukunft?

Schmid: Ich mache mir große Sorgen. Die klimatischen Veränderungen gefährden unsere Identität und Kultur. Ich erinnere mich noch gut, wie ich als kleiner Junge von meinem Vater wie selbstverständlich am Hocheck auf die Ski gestellt wurde. Inzwischen ist es mit sehr hohem Aufwand verbunden, den Hang zu präparieren. Es wäre tragisch, wenn dieser Teil unserer Identität verschwinden würde. Daher hoffe ich, dass Politik und Gesellschaft das Ruder noch herumreißen können. Jeder einzelne von uns kann und muss da einen Beitrag leisten.

Der Weltcup startet Anfang November und streckt sich bis in den April hinein. Ist der Kalender zu aufgebläht?

Schmid: Ich beschwere mich sicher nicht über unseren Kalender. Ich empfinde es als Privileg, so viele Wettbewerbe absolvieren zu dürfen. Ich liebe das Skispringen und freue mich auf jeden Wettkampf. Was nicht heißen soll, dass ich auch im Laufe der Saison gerne mal ein freies Wochenende hätte (lacht).

Blicken wir zurück auf die vergangene Saison. Wo befindet sich ihre Olympia-Medaille?

Schmid: Die liegt in meiner Wohnung und ist tägliche Motivation, wenn ich an ihr vorbeilaufe. Die zaubert mir immer wieder ein Lächeln auf meine Lippen.

Wie haben Sie Ihre ersten Olympischen Spiele erlebt?

Schmid: Es war ein sehr cooles Erlebnis. Mit Olympia ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Ich habe die die Zeit in China voll ausgekostet. Die Medaille war natürlich dann die Krönung, kurz vor Olympia hatte sich das nicht angedeutet.

Constantin Schmid (links) gewinnt mit Stephan Leyhe, Markus Eisenbichler und Karl Geiger die Bronzemedaille bei Olympia 2022.

Wie meinen Sie das?

Schmid: Ich habe mich erst kurz vor den Spielen qualifiziert und bin vor den Spielen nicht wirklich gut gesprungen. In Peking selbst lief es dann sehr gut für mich. Dass ich alle Wettkämpfe absolvieren konnte, hätte ich im Vorfeld auch nicht gedacht.

Die Heim-WM 2021 in Oberstdorf war das genaue Gegenteil. Da lief es aus Ihrer Sicht nicht gut. Haben Sie daraus die entsprechenden Schlüsse gezogen?

Schmid: Definitiv! Vor und während der WM habe ich mir großen Stress gemacht, wollte gute Leistungen erzwingen. Das funktioniert in unserem Sport aber nicht. Daraus habe ich viel gelernt und glücklicherweise vor den Spielen noch die Kurve bekommen.

Nach der starken Saison 2019/20 folgte im Folgejahr ein klarer Leistungsabfall. Welche Gründe haben Sie dafür ausgemacht?

Schmid: Ich habe zu viel nach hinten geblickt. Ich wollte die guten Ergebnisse der Saison 19/20 bestätigen, habe mich immer nur daran orientiert. Dadurch ist mir die Leichtigkeit abhanden gekommen. Nach der WM war mir dann endgültig klar, dass ich so nicht weiterkommen werde. Entsprechend habe ich das Mindset angepasst, schaue nicht mehr zurück und bin damit in der Saison 2021/22 auch gut gefahren.

Mit welchen Zielen gehen Sie in die neue Saison?

Schmid: Ich will bei der WM in Planica dabei und Teil des Teams sein. Dann will ich mit der Mannschaft auch eine Medaille gewinnen. Zudem habe ich mir einen Podestplatz in einem Einzelspringen als Ziel gesetzt.

Quelle: chiemgau24.de

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