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Dopingskandal im Wintersport: Alle Wege führen nach Thüringen

"Operation Aderlass"

Dopingskandal im Wintersport: Alle Wege führen nach Thüringen

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Thüringen ist nicht nur ein Hort des Weltklasse-Wintersports - sondern auch einer von Ärzten und Juristen, denen Erfolg und Geld wichtiger sind als Fairness und Recht. 

Thüringen - Doping wird in Thüringen bitterernst genommen. Als sich die Suhler Tageszeitung „Freies Wort“ einst in einem Kommentar wunderte, dass die deutschen – und also oft Thüringer – Biathletinnen in ARD und ZDF einen Winter lang bejubelt wurden, aber niemand beim Deutschen Skiverband nachfragte, ob ihre drückende Überlegenheit nicht stutzig machen müsse: Da reagierte der DSV prompt. Und hart.

Er verlangte ein „Sühnegespräch“ und dass die Redaktion sich zu entschuldigen habe. Der Thüringer Sport, dekretierte die aus Zella-Mehlis stammende damalige DSV-Vizepräsidentin Sabine Reuß, sei über jeden Zweifel erhaben.

Sportmediziner mutmaßlich in internationales Dopingnetzwerk verwickelt

Schon im Jahr 2010 war das eine kühne Behauptung. Denn der Sportmediziner Dr. Mark Schmidt – der gestern in Erfurt wegen des Verdachts verhaftet wurde, ein internationales Dopingnetzwerk zu beliefern, vielleicht sogar zu steuern – war da im Zusammenhang mit Doping nicht nur Insidern bereits ein Begriff. Der österreichische Radsportler Bernhard Kohl hatte im Jahr zuvor Schmidt schwer belastet. Der Arzt sei in sein Blutdoping involviert gewesen.

Wenn ein Dopingsünder auffliegt, tun alle pflichtschuldigst entsetzt. Und machen weiter wie bisher. Ein Kommentar von unserer Berlin-Korrespondentin Cornelie Barthelme.

Kohl war die Tour de France 2008 für das Team Gerolsteiner gefahren, das von Schmidt medizinisch betreut wurde. Nach der Rundfahrt, die er als Dritter abschloss, war Kohl positiv auf Epo getestet worden und hatte außerdem zugegeben, sein Blut auch mit anderen Praktiken behandelt zu haben. Schon während der Tour war sein außerordentlicher Leistungsanstieg aufgefallen.

Schmidt bestritt, irgendetwas mit dem Doping von Kohl und dessen ebenfalls überführtem Teamkollegen Stefan Schumacher zu tun zu haben. „Ich habe keine Dopingmittel besorgt, weitergeleitet oder selbst verabreicht“, sagte er im Mai 2009 in einem Interview mit der „Thüringer Allgemeinen“. Und fügte hinzu, als Mediziner sehe er seine Aufgabe so: „Ich kann nicht jeden Athleten nur wegen seiner herausragenden sportlichen Leistungen des Dopingmissbrauchs verdächtigen.“

Vier Jahre später aber belastete auch Schumacher seinen einstigen Team-Arzt bei einem Prozess in Stuttgart. Obwohl Kohl inzwischen öffentlich von einer Eigenbluttransfusion während der Tour in Schmidts Hotelzimmer berichtete, bestritt er 2013 als Zeuge vor Gericht erneut kategorisch, von dem Doping auch nur gewusst, geschweige denn daran mitgewirkt zu haben. Juristisch vertrat ihn damals sein Vater Ansgar Schmidt.

In Thüringen sind Sport und Politik in einem Netzwerk miteinander verbunden

Schmidt senior ist Teil eines sehr speziellen Netzwerks, das den Thüringer Sport mit der Thüringer Politik in Form der 24 Jahre lang regierenden CDU verbindet – und in dem Doping ebenfalls eine Rolle spielt. Als Jurist arbeitete er bis mindestens Mitte 2017 in der Kanzlei von Heinz-Jochen Spilker. Der erfand einst das „Hammer Modell“: Spilker und ein weiterer Trainer dopten in den 1980er Jahren junge Sprinterinnen mit männlichen Hormonen bis auf Welt-Niveau. Zur Belohnung machte der Deutsche Leichtathletikverband ihn zum Bundestrainer. Das Amtsgericht Hamm allerdings verurteilte Spilker 1994 „wegen Inverkehrbringens von Fertigarzneimitteln entgegen §21 des Arzneimittelgesetzes ohne Zulassung“ zu einer Geldstrafe. Eines von zwei anabolen Steroiden, mit denen Spilker die Sprinterinnen versorgt hatte, war in der Bundesrepublik nicht zugelassen. Mehr gaben die Gesetze in Sachen Doping damals noch nicht her.

Heinz-Jochen Spilker wird Vize im Landessportbund Thüringen

Der nun wegen Dopings gerichtsnotorische Jurist hatte sein Tätigkeitsfeld da längst von Nordrhein-Westfalen nach Thüringen verlegt. Im Erfurter Zentrum betreibt er seit 1990 eine Kanzlei, beriet schnell den im selben Jahr gegründeten Landessportbund und wurde rasch dessen Vizepräsident. In seiner Sozietät „Spilker & Collegen“ arbeiten bis heute die beiden früheren CDU-Landesminister Andreas Birkmann und Manfred Scherer; als Verantwortliche für Justiz und Inneres waren sie zusammengerechnet zwölf Jahre zuständig für das Thema Doping.

Engagiert bei der Thüringer Sporthilfe

Ihr Kanzleikollege Ansgar Schmidt engagierte sich unterdessen bei der Thüringer Sporthilfe, die sich rühmt, „besonders talentierte Nachwuchsathleten und Spitzenathleten auf ihrem Weg vom Talent zum Olympiasieger/Weltmeister“ zu unterstützen. Im April 2017 verabschiedete sie Schmidt senior mit Blumen aus dem Vorstand. Sohn Mark betreute derweil, wie er 2014 dem „Deutschen Ärzteblatt“ verriet, „etwa 50 bis 60 Sportler regelmäßig: vor allem Schwimmer, Radsportler, Fußballer, Handballer und Leichtathleten“ in der gemeinsam mit seiner Mutter Heidrun betriebenen Hausarzt-Praxis im Erfurter Norden. Der Landessportbund führte die Doktores Schmidt mindestens bis Ende 2018 als „lizenzierte sportmedizinische Untersuchungsstelle“. Dem „Deutschen Ärzteblatt“ sagte Schmidt junior, der „auf dem Gebiet der Leistungsdiagnostik promoviert“ hat, vor fünf Jahren: „Mein Herz hing als ehemaliger Leistungssportler an der Sportmedizin.“

Und eventuell hing der Erfolg der Leistungssportler an Doktor Schmidt und dem, was „die Freiräume der eigenen Praxis“, wie das „Ärzteblatt“ schrieb, möglich gemacht haben könnten. Anlass für Schmidts Festnahme im Zuge der „Operation Aderlass“ jedenfalls ist die Aussage des österreichischen Langläufers Johannes Dürr. Er war kurz vor Olympia 2014 in Sotschi überführt worden – und hatte nun, Mitte Januar, der ARD berichtet, wie er Blutdoping betrieben hatte. Unter anderem hatten ihn seine Helfer in ihrem Auto versorgt. Da lief das Blut in seine Vene zurück. Auf einem Parkplatz vor seinem Wettkampfhotel. In Oberhof, Thüringen. Ein Mekka des Wintersports. Es liegt nur siebzig Kilometer von Erfurt entfernt.

In Seefeld, am Rande der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft, nahm die österreichische Polizei am Mittwoch Schmidt senior fest; er habe sich dort, so die Behörden, um die Versorgung von Athleten gekümmert.

Verfahren eingestellt

Möglicherweise kommt da ein Mandat auf Heinz-Jochen Spilker zu, seinen Juristen-Kollegen. Der vertrat vor sieben Jahren auch schon Andreas Franke – den Arzt also, der am Erfurter Olympiastützpunkt Athleten ihr UV-bestrahltes Blut zurück übertrug. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, weil sie nicht nachweisen konnte, dass Doping das Ziel der Re-Transfusionen war.

In Seefeld jedenfalls redet der Sprecher des österreichischen Bundeskriminalamts, Dieter Csefan, von einem „weltweit agierenden Dopingnetzwerk“. Und sagt, dass man Schmidt senior für dessen Kopf halte. Wie es aussieht, wird es für Thüringen jetzt bitterernst. Weil es beim Doping über gar keinen Zweifel mehr erhaben ist.

In Schweden beginnt am Donnerstag die Biathlon-Weltmeisterschaft. "Ich freu' mich drauf", sagt Ricco Groß, der deutsche Trainer der österreichischen Skijäger. Die Doping-Razzia in Tirol und Erfurt hat den viermaligen Olympiasieger schockiert.

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