Ein Traumtor als Türöffner

Es gab viele besondere Momente in der Pokalsieger-Saison der Frankfurter Eintracht, einige waren wegweisend über den Tag hinaus. Wir stellen sie in einer Serie in loser Folge vor – diesmal das Traumtor von Sébastien Haller.

Volker Bouffier hatte es gewusst. „Der Ministerpräsident hat vor dem Spiel gesagt, wir gewinnen 2:1, und das entscheidende Tor fällt kurz vor dem Ende“, zeigte sich Axel Hellmann, der Marketingvorstand der Frankfurter Eintracht, hinterher beeindruckt von den hellseherischen Fähigkeiten des ranghöchsten Hessen in den Katakomben der heimischen Arena, die gerade vor lauter Ekstase in letzter Minute fast explodiert wäre. Dass dieser bis dahin furchtbar zähe 30. September noch eine solche Schlusspointe bieten würde, war kaum zu erwarten gewesen: Sébastien Hallers Kunstschuss in der dritten Minute der Nachspielzeit schien aus einer anderen Welt zu sein als der ganze Kampf und Krampf zuvor. Dieses Traumtor gegen den VfB Stuttgart war ein Moment von besonderer Schönheit – und der Türöffner für weitere Erfolge in einer Saison, die für die Eintracht mit dem größten Coup seit 30 Jahren enden sollte.

„Es war ein Reflex, der Instinkt, den du im Strafraum brauchst. Ich weiß gar nicht, wie der Ball zu mir kam“, berichtete Haller. Da konnte ihm geholfen werden: Einen eigentlich eher harmlosen Freistoß von Jetro Willems hatte der Stuttgarter Stürmer Daniel Ginczek versehentlich in seine Richtung geköpft – und der Hüne Haller schwang sich zu einer für seine stämmigen 1,90 Meter erstaunlich akrobatischen Luftnummer auf, für einen Seitfallzieher, mit dem er den Ball ins VfB-Tor drosch, zu einem dramaturgisch perfekten Zeitpunkt: In letzter Minute dieses Aufeinandertreffens, zum ersten Heimsieg der noch jungen Saison. „Das Team und ich haben dieses Tor gebraucht, wir wollten den Sieg unbedingt“, erklärte der 23-jährige Franzose ein paar Tage später im Interview mit dieser Zeitung. „Das war eine Befreiung für jeden. Es verschafft uns etwas Ruhe, nachdem die Ergebnisse vielleicht nicht immer so gut waren, wie wir uns das erhofft hatten“, schloss Haller.

„Der erste Heimsieg muss her. Sonst kippt die Stimmung“, hatte Eintracht-Ikone Charly Körbel vor dem Spiel in seiner Kolumne für diese Zeitung beschrieben, wie wichtig der ersehnte Erfolg im dritten Anlauf in eigener Arena war. Auch für den Hauptdarsteller selbst. Sieben Millionen Euro hatte die Eintracht für Haller an den FC Utrecht bezahlt, so viel wie nie zuvor in ihrer Vereinsgeschichte. Der Geniestreich an diesem 30. September war dann eine Erlösung für ihn, der außer einem Elfmetertor gegen Köln bis dahin nicht getroffen hatte. „Darauf habe ich gewartet“, gestand er freimütig.

Der im Sommer zuvor wieder kräftig umgekrempelten Eintracht sollten die Mühen des Findungsprozesses auch nach dieser traumhaften Trendwende anzumerken sein. Ohne große Kunst, aber mit viel Kampfkraft und Behauptungswillen fuhr sie indes Punkt um Punkt ein. Nicht zuletzt dank Haller. In den nächsten Spielen traf er regelmäßig, ebenso wie Ante Rebic, der gegen Stuttgart schon das 1:0 erzielt hatte – mit seiner draufgängerischen Art, mit der er im Pokalfinale gegen den FC Bayern zum Matchwinner werden sollte.

Bei Haller indes war lange vor diesem sensationellen Triumph irgendwie ein Stecker gezogen worden. Im Januar erzielte er beim 3:1 in Wolfsburg in bester Mittelstürmer-Manier sein achtes Ligator, eine bis dahin achtbare Bilanz. Es sollte aber nur noch eines hinzukommen. Seine Schwächen in Sachen Tempo und Kombinationsspiel überwogen zunehmend seine Stärke im Abschluss – und seinen Stammplatz verlor Haller an den jungen Luka Jovic.

Ob der Rekordeinkauf in der neuen Saison noch einmal so auftrumpft wie im September gegen Stuttgart? Dieser Moment wird so oder so in Erinnerung bleiben. Dass Seitfallzieher seine Spezialität sind, bewies er ein paar Tage darauf bei einem Testspiel mit einer fast originalgetreuen Kopie. „Mich haben solche akrobatischen Sachen schon als Kind fasziniert, und ich habe das immer wieder geübt“, erklärte Sébastien Haller sein spezielles 2:1 – mit dem er nebenbei auch noch die Prophezeiung des Ministerpräsidenten erfüllte.

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