Fußball-Nationalmannschaft

Löw zeigt Reformwillen und wird wohl bleiben dürfen

Die taktisch und personell veränderte sowie verjüngte deutsche Mannschaft überzeugt trotz der 1:2-(1:0)-Niederlage gegen Frankreich.

Der Hinweis für die über die Seine geschipperten Paris-Touristen fehlt nie, wenn die Schiffe unter der Pont Marie hindurchfahren. Notre Dame, Louvre und Eiffelturm sind längst besichtigt, ehe freundliche Damen darauf hinweisen, dass jetzt der Nachbar geküsst werden könne. Weil unter besagter Marienbrücke alle Wünsche in Erfüllung gehen. Der Frankreichaufenthalt war für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nicht ausgedehnt genug, um in den Ablaufplan noch eine Flussfahrt einzubauen. Aber irgendeine Eingebung in der Stadt der Liebe schien Joachim Löw gekommen, der sich auch ohne Bussi-Bussi auf dem Boot instinktsicher für einen Jugendstil entschied, der die Sehnsüchte seiner Fans und Kritiker erfüllte.

„Manchmal sind Aufstellungen falsch in einer Trainerkarriere. Bei mir waren sie häufig richtig, manchmal nicht. Daraus muss man dann Lehren ziehen: Es war klar, wir mussten andere Lösungen, andere Reize, andere Impulse setzen“, dozierte der Bundestrainer im Pressesaal des Stade de France. Vielleicht hat ihn das gediegene Ambiente in der Herberge im 16. Arrondissement am Parc des Princes bestärkt, auf der anderen Stadtseite die Flucht nach vorne anzutreten. Mit insgesamt sechs Spielern im Alter von 22 oder 23 Jahren.

, obwohl „Les Bleus“ lange nicht wussten, wie sie diese flinken Deutschen packen sollten, war Löw fast unwichtig. „Die Leistung der Mannschaft war großartig. Eine unglaubliche Leistungssteigerung. Sie hat ihr Herz in die Hand genommen.“ Fazit: „Wir waren auf Augenhöhe mit der im Moment besten Mannschaft der Welt.“

Der 58-Jährige kritisierte zudem den serbischen Referee Milorad Mazic, der nach einem Zweikampf zwischen Mats Hummels und Blaise Matuidi den entscheidenden Elfmeter pfiff (80. Spielminute). „Mats berührt ihn nicht. Er (Matuidi, Anm. d. Red.) tritt ihm auf den Fuß.“ Gemeinhin ist bei Löw verpönt, sich über solche Gemeinheiten zu echauffieren, aber die Anmerkung passte in seinen Kontext. Arbeitsthese: Seine Auswahl hatte mehr verdient.

Zumindest eine Stunde lang lieferte die DFB-Elf ihre Jahresbestleistung ab. Beflügelt von einem durch Toni Kroos verwandelten Handelfmeter (14.) legte der taktisch und personell veränderte und verjüngte Trupp eine reife Leistung hin. Drei Sprintertypen in vorderer Reihe – Timo Werner (22), Leroy Sané (22) und Serge Gnabry (23) – vermittelten dem deutschen Spiel eine ganz neue Geschwindigkeitsstufe. Allerdings merkten die Arrivierten, Hummels, Kroos und der mit einem Minieinsatz abgespeiste Müller im Nachgang bei aller Lobpreisung spitz an, dass dem Trio auch Tore gut zu Gesicht stünden. Ganz grün sind sich die Fraktionen offensichtlich immer noch nicht. Gleichwohl: Die Formation mit der Dreierachse Manuel Neuer, Hummels und Kroos und ein Dreierangriff der jungen Wilden weist den Weg in die Zukunft. Taktgeber Kroos, an dessen Seite erneut Joshua Kimmich eine starke Darbietung als neue Leitfigur bot, fand sogar: „Das war eine der Niederlagen, die am meisten Spaß gemacht hat.“ Für das abschließende Nations-League-Duell gegen die Niederlande am 19. November in der Schalker Arena hängt es indes von der vorausgehenden Begegnung Niederlande gegen Frankreich ab, ob der Weltmeister von 2014 überhaupt den Abstieg aus eigener Kraft abwenden kann.

Der Bundestrainer muss zudem mit einem halben Dutzend Niederlagen in 2018 leben, was noch keinem anderen Kollegen passiert ist. Aber weil Löw erstmals Reformwillen gezeigt hat, darf er bleiben. Seine Einsicht für tiefergreifende Veränderungen kam spät, aber vielleicht nicht zu spät. „Ich finde, dass wir ein Stück Umbruch gesehen haben, der Mut macht für die Zukunft. Was diese junge Mannschaft heute gezeigt hat, darauf lässt sich aufbauen“, teilte DFB-Präsident Reinhard Grindel mit. Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff erfreute sich an „Energie, Mut und Willen“. Ergo: „Das war ein wichtiges und gutes Zeichen.“ Bei der Bewertung dürften nicht allein Ergebnisse zählen: „Vor allen Dingen will man eine Entwicklung sehen.“ Verschleißerscheinungen mag Bierhoff im 13. Amtsjahr des Trainers nicht erkennen, was der 50-Jährige auch am Freitag bei der DFB-Präsidiumssitzung vortragen wird: „Jogi will das angehen und weiß, dass das ein Weg und Arbeit ist. Wenn er das Gefühl hat, dass es nicht mehr weitergeht, wäre er der Erste, der zurücktreten würde.“

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