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Prof. Dr. med. Frank Kandziora

Einheitliche Qualitätsstandards in der Wirbelsäulenchirurgie

Operationen auf aktuellstem Kenntnisstand

Prof. Dr. Kandziora operiert an der BGU Unfallklinik Frankfurt rund 500 Mal im Jahr an der Wirbelsäule. Dort bündeln sich Experten der unterschiedlichen Fachdisziplinen, um Patienten mit Bandscheibenvorfall, Verschleiß und Rückenproblemen im Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie ganzheitlich zu betreuen.

Prof. Dr. Kandziora, Sie operieren selbst rund 500-mal im Jahr an der Wirbelsäule. Tendenz steigend. Was hat sich verändert bei Deutschlands Volkskrankheit Nummer eins? 

Verändert hat sich vor allem die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft. Je älter wir werden, desto kaputter wird unser Rücken.

Manche Patienten haben eine Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich, bevor sie eine genaue Diagnose erfahren. Was machen Sie hier im Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie an der BGU anders?

Bei uns finden die Patienten die unterschiedlichen Fachdisziplinen unter einem Dach. Von Beginn an bündeln wir bei jeder Behandlung alle medizinischen Kräfte. Das bedeutet, bei uns werden alle Patienten von allen Ärzten im Team gesehen. Der Neurochirurg, der sich um den Rückenmarkskanal und damit um die Nerven kümmert, kommt nun mal von einer anderen Denke als der Orthopäde. Der befasst sich typischerweise mit dem Verschleiß der Wirbelsäule, während sich der Unfallchirurg mit Wirbelsäulenverletzungen auskennt. Diese optimale Zusammenarbeit der Spezialisten aus unterschiedlichen Fachrichtungen garantiert den Patienten die bestmögliche Behandlung. Und wenn es nötig ist, stehen wir alle gemeinsam am OP-Tisch.

Sie operieren in einem OP mit dem ausgefallenen Namen Brain Suite? Was verbirgt sich dahinter? 

Die Brain Suite ist ein integrierter Operationsaal, in dem modernste Technik den Chirurgen während der OP alle verfügbaren Informationen zustellt. Die Wirbelsäulenchirurgie ist eine sehr technikaffine Disziplin. Dazu gehören Röntgenbilder genauso wie endoskopische und mikroskopische Informationen. Zusätzlich ermöglicht uns das Neuromonitoring, während der OP ständig die Nervenströme zu messen. Mit Hilfe von Navigationstechnologie operieren wir auf aktuellem Kenntnisstand. Das heißt, aufgrund permanent erneuerten Informationen können wir während des Eingriffs flexibel reagieren und ggf. den OP-Verlauf ändern. Sie müssen sich das vorstellen wie ein Navi in Ihrem Auto. Allerdings funktioniert das auf zehn Meter, während unser OP-Navi auf einen Millimeter genau arbeitet.

Die OP beim Bandscheibenvorfall ist ein Routineeingriff, dem sich rund 140.000 Menschen jährlich in Deutschland unterziehen. Wie verläuft diese Operation? 

Wir operieren nur dann einen Bandscheibenvorfall, wenn konservative Therapien nicht mehr ausreichen. Eine weitere Indikation für eine OP liegt vor, wenn die Schmerzen für Patienten unerträglich werden oder eine Lähmung besteht. Beim Bandscheibenvorfall zerreißt die Bandscheibe. Dabei tritt Bandscheibengewebe in Richtung Rückenmarkskanal aus. Dort drückt dieses gelartige Gewebe auf die Nerven. Das tut richtig weh. Bei einem minimal-invasiven Operationsverfahren setzen wir kleine, etwa einen Zentimeter lange Schnitte. Durch diese führen wir ein Röhrchen in den Rückenmarkskanal ein und schauen dann unterm Mikroskop in die Bandscheibe hinein. Dann nehmen wir den Vorfall raus, das bedeutet, wir entfernen das ausgetretene Gel.

Prof. Dr. Kandziora, Sie gehören zu Deutschlands ausgezeichneten Top-Medizinern, und vor gut einem halben Jahr wurde Ihrem Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie die höchste Versorgungsqualität in Europa attestiert. Was nützen solche Auszeichnungen den Patienten? 

Für Patienten sind derartige Auszeichnungen immens wichtig! Denn nur, wenn wir als Klinik unsere Qualität abbilden, wissen Patienten, dass sie eine verlässliche und kompetente Behandlung bekommen. Leider ist das in der Öffentlichkeit noch zu wenig bekannt. Vergleichbar sind die Zertifizierungen mit dem TÜV. Ein Auto bekommt die Plakette nur, wenn alle Kriterien erfüllt sind. Genauso funktioniert es bei den Kliniken. Da werden bis zu 300 Parameter abgefragt, die ein Krankenhaus erfüllen muss. Ganz wichtig dabei ist die Zertifizierung der Ärzte. Wenn ein Chirurg abrutscht, kann der Patient unter Umständen nie wieder aufstehen. Das darf nicht passieren. Deswegen sind Qualitätsstandards so wichtig.

Das Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie der BGU war 2017 auch das erste Level 1-Zentrum in Hessen. Was bedeutet das? 

Die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft hat überlegt, wie man Qualität für Patienten besser sichtbar machen kann, denn lange Zeit war es für Betroffene undurchsichtig und schwierig, eine geeignete Klinik zu finden. Was Freunde empfehlen, muss ja nicht unbedingt ideal für einen selbst sein. Ein gutes Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie zeichnet sich dadurch aus, dass nicht nur Routineeingriffe funktionieren, sondern mittelschwere und schwere Operationen auf hohem Niveau gemacht werden. Um als Level 1-Zentrum qualifiziert zu werden, muss eine bestimmte Punktzahl erreicht werden. Dabei zählen sowohl die Anzahl der Operationen als auch der Schweregrad der Eingriffe. Den Level 1-Status mit einer extrem hohen Punktzahl erreicht ein Krankenhaus nur, wenn es sehr viele, sehr komplizierte Operationen nachweisen kann. Diese Transparenz der Qualitätsnachweise ermöglicht es jedem Patienten, die für ihn beste Klinik mit der besten Behandlung zu finden. Mit drei Klicks im Internet (www.dwg.org) kann man sehen, wie viele Level 1-Zentren es in Deutschland gibt.

Sie setzen sich für eine Zusatzqualifikation für Rücken-Operateure ein. Warum? 

Erfahrung zählt zu den wichtigsten „Werkzeugen“ eines Mediziners. Je mehr Routine ein Arzt hat, umso besser, denn die Fehlertoleranz in unserem Beruf tendiert gegen null. Gemeinsam mit der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft setze ich mich dafür ein, den Titel des Wirbelsäulenchirurgen zu etablieren, denn wir wollen die Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen weiter optimieren. Zusätzlich zur Facharztausbildung könnte eine zweijährige Berufsausbildung erfolgen, die die Absolventen zu qualifizierten Wirbelsäulenchirurgen macht. Damit hätten wir ein weiteres, nachweislich transparentes Qualitätsmerkmal, das den Patienten zugutekommt.

Kontakt: 

Prof. Dr. med. Frank Kandziora
BG Unfallklinik Frankfurt am Main
Friedberger Landstraße 430
60389 Frankfurt am Main
Tel.: 069 475-2020
Fax.: 069 475-2018
E-Mail: wirbelsaeule.neurotrauma@bgu-frankfurt.de
Internet: www.bgu-frankfurt.de

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