Digitalisierung

Heftige Kritik am digitalen Führerschein: „Rohrkrepierer“ oder Mehrwert für Autofahrer?

  • Yannick Wenig
    VonYannick Wenig
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Der digitale Führerschein soll Autofahrern langfristig vieles vereinfachen. Kaum gestartet, häufen sich aber die Probleme. Der Entwickler zieht die Konsequenzen.

Frankfurt – Verkehrsteilnehmer in Deutschland sollen ihren Führerschein künftig auch von ihrem Smartphone nutzen können. „Der digitale Führerschein kommt. Die Technik steht - jetzt geht es in die Anwendungen“, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) hat die erste Stufe des digitalen Führerscheins gemeinsam mit dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) und der Bundesdruckerei entwickelt. Der digitale Führerschein basiert auf den Daten aus den Zentralen Registern des KBA. Auto- und Motorradfahrer können die digitale Variante auf ihrem Smartphone speichern und in verschiedensten Bereichen anwenden. Damit das Ganze funktioniert, benötigen Nutzerinnen und Nutzer eine App. Doch bereits zum Start gibt es erhebliche Probleme.

Laut CSU-Politiker Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, habe der digitale Führerschein „das Potenzial, den Alltag von Autofahrern deutlich zu erleichtern.“ Demnach könne die digitale Version des Dokuments aufwändige Video-Überprüfungen des Führerscheins, beispielsweise für Carsharing oder Mietauto, überflüssig machen. „Zwischen App laden und losfahren liegt dann nur noch ein Klick auf den digitalen Führerschein“, so der Verkehrsminister. „So sieht die digitale Zukunft aus: smart, bürgerfreundlich und sicher.“ Aber gilt der digitale Führerschein auch als offizieller Nachweis der Fahrerlaubnis?

Digitaler Führerschein: Probleme bei der „ID Wallet“-App lösen heftige Kritik aus

Die Antwort: Noch nicht! Allerdings erklärt Andreas Scheuer, dass auf EU-Ebene bereits daran gearbeitet wird, den digitalen Führerschein langfristig auch als offiziellen Nachweis der Fahrerlaubnis – und damit zum vollwertigen Ersatz für die physische Variante des Führerscheins – zum Beispiel in Polizeikontrollen anzuerkennen. Nach Paragraph 4 Absatz 2 der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV) müssen Kraftfahrer bislang bei jeder Fahrt einen gültigen Führerschein mit sich führen und diesen auf Verlangen der zuständigen Personen vorweisen können. Ist dies nicht der Fall, wird im Fall einer Polizeikontrolle aufgrund einer Ordnungswidrigkeit ein Verwarnungsgeld von 10 Euro fällig.

Nutzbar ist der digitale Führerschein auf dem Smartphone über die App „ID Wallet“, die in den gängigen Anwendungs-Stores für Android- oder iOS-Geräte zum Download bereitsteht. Entwickelt wurde die App im Auftrag der Bundesregierung von der Firma Digital Enabling GmbH. Allerdings: Bei der derzeitigen Digitalversion des Führerscheins handelt es sich noch um einen Prototyp. An weiteren Anwendungen und Optionen des digitalen Führerscheins wird derzeit mit Autobauer BMW und Autovermietungs- und Carsharing-Anbieter Sixt gearbeitet. Schrittweise sollen die Funktionen noch weiter ausgebaut werden. Dorothee Bär. Staatsministerin für Digitalisierung nennt die Einführung des digitalen Führerscheins einen „wichtigen Meilenstein im Aufbau unseres Ökosystems digitaler Identitäten“. Soweit die Theorie: Doch schon kurz nach der Einführung hagelt es Kritik. Mit drastischen Konsequenzen.

Der digitale Führerschein soll unter anderen die Anmietung von Mietwagen oder auch die Inanspruchnahme von Carsharing-Angeboten erleichtern.

Denn einige Interessierte konnten das neuartige Angebot bisher nicht nutzen. Laut dem Portal Chip.de, war die „ID Wallet“-App zwar ohne Probleme herunterzuladen und zu öffnen, bei der Einrichtung der Anwendung kam es aber vermehrt zu Systemabstürzen. Die Probleme führten schnell zu zahlreichen schlechten Bewertungen der App. Im Google Play Store erhielt „ID Wallet“ nur 1,1 von möglichen 5 Sternen. Auf Twitter häufte sich die Kritik. Auch Mitglieder des Chaos Computer Clubs (CCC), Europas größter Hackervereinigung, äußerten bereits Sicherheitsbedenken. Die Folge: Plötzlich taucht die App in den Stores nicht mehr auf.

Nach Startproblemen des Digitalen Führerscheins: Entwickler zieht drastische Konsequenzen

Wie der Entwickler, die Digital Enabling GmbH, auf ihrer Webseite mitteilt, sei die hohe Nachfrage für die Systemausfälle verantwortlich. Dadurch „haben sich unerwartete Lastspitzen ergeben, die temporär die Nutzung der ID Wallet App beeinträchtigt haben“, heißt es. Doch damit nicht genug: Auch die Kritik im Hinblick auf Sicherheits- und Vertrauensfragen einiger Nutzerinnen und Nutzer zum digitalen Führerschein greift der Hersteller auf. „Dafür sind wir dankbar. Wir gehen mit Blick auf den nächsten Release all diesen Hinweisen nach.“ Wie drastisch die Maßnahme ist, zeigt die Tatsache, dass die App nun nicht mehr zum Download bereitsteht. „Um das System auf höhere Nutzlasten auszulegen und den Sicherheitshinweisen nachzugehen, werden wir in den nächsten Wochen umfangreiche weitere Tests durchführen. In dieser Zeit werden wir die App aus den Stores nehmen“, heißt es vonseiten der Firma. Die App „ID Wallet“ soll nach einigen „Tests und Weiterentwicklungen in einigen Wochen“ wieder verfügbar sein. Bis dahin bittet das Unternehmen um „ein wenig Geduld.“

In Deutschland laufen viele Führerscheine bald ab. 43 Millionen Auto- und Motorradfahrer sind von dem Pflichtumtausch betroffen.

Wenig Geduld zeigen aber zahlreiche User im Netz. Dort sorgt die Mitteilung nämlich erneut für teils heftige Kritik. „Digitaler Sondermüll. Es ist nichts anderes. Digitalschrott. Fast jedes Digitalthema, das unsere Regierung in den letzten 16 Jahren angepackt hat, ist Schrott“, schreibt ein Nutzer bei Twitter. Ein weiterer macht direkt die CDU und Verkehrsminister Andreas Scheuer für das Desaster um den digitalen Führerschein verantwortlich. „Die #IDWallet App und der digitale Führerschein zeigen die geballte digitale Kompetenz der @CDU und @CSU. Sie ist Defekt und Offline...“, schreibt er. Ein weiterer bezeichnet den digitalen Führerschein bereits als „Rohrkrepierer“. (yw)

Rubriklistenbild: © Christoph Dernbach/dpa

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