Corona-Pandemie

Dritte Corona-Impfung – Biontech rät zu schneller Auffrischung

  • Anna Charlotte Groos
    VonAnna Charlotte Groos
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Vor dem Hintergrund der Delta-Variante empfehlen Biontech und Pfizer eine dritte Corona-Impfung. Fachleute sehen dies kritisch.

Mainz/New York – Der Impfstoff-Hersteller Biontech und Pharma-Partner Pfizer plädieren für eine baldige Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus*. Hintergrund ist vor allem die weltweite Verbreitung der hochansteckenden Delta-Variante. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP am Freitag (23.07.2021).

Anfang Juli hatten Biontech/Pfizer* angekündigt, „in den kommenden Wochen“ – unter anderem in der EU und den USA – die Zulassung für eine Notfallzulassung für eine dritte Dosis ihres Impfstoffs zu beantragen. Laut dem Nachrichtenportal heise online soll dies noch im August geschehen.

Verbreitung der Delta Variante: Biontech und Pfizer raten zur dritten Corona-Impfung

Nach den Angaben von Biontech/Pfizer schützen zwei Dosen sechs Monate lang gut vor schweren Verläufen einer Covid-19-Erkrankung. Mit der Zeit sowie mit dem Auftreten neuer Virus-Varianten sei aber damit zu rechnen, dass die Wirksamkeit abnehme. Auch sei eine nachlassende Immunität bei geimpften Personen beobachtet worden, teilten die Unternehmen laut dem Nachrichtenportal mit. Deshalb könnte eine dritte Dosis nach sechs bis zwölf Monaten erforderlich sein, „um das höchste Schutzniveau aufrechtzuerhalten“.

Die Aussagen von Biontech und Pfizer stützen sich auf aktuelle Daten des israelischen Gesundheitsministeriums. Demnach sei der Schutz gegen eine Ansteckung seit der Delta-Variante nur noch zu 64 Prozent gegeben*, wie die Tagesschau berichtete. Eigentlich liegt die Wirksamkeit von Biontech/Pfizer bei 95 Prozent. Gegen schwere Verläufe biete die Impfung aber immer noch einen guten Schutz. Diese Informationen stimmten mit den Ergebnissen aus ihren eigenen Phase-3-Studien überein, teilten Biontech/Pfizer mit. Daten aus einer Booster-Studie deuteten außerdem darauf hin, dass eine dritte Dosis die Konzentration der neutralisierenden Antikörper um den Faktor fünf bis zehn erhöhen könne, so heise online.

Empfehlung zur dritten Corona-Impfung: Fachleute halten Entscheidung für verfrüht

Fachleute sind sich über die baldige Verabreichung einer dritten Corona-Impfung jedoch uneins und stufen die Entscheidung darüber für zu verfrüht ein.

Der medizinische Berater des Weißen Hauses, Anthony Fauci, bezeichnete den Antrag von Biontech/Pfizer zwar als angemessenen Schritt, um sich rechtzeitig darauf vorzubereiten, dass eine Auffrischung nötig werden könnte. Das bedeute aber nicht, dass eine Auffrischungsimpfung tatsächlich nötig sei und jeder sie bekommen würde. Noch seien zu viele Menschen nicht einmal vollständig geimpft. In vielen ärmeren Ländern haben die Menschen noch nicht einmal eine erste Dosis* erhalten.

Der Impfstoff-Hersteller Biontech und Pharma-Partner Pfizer plädieren für eine dritte Corona-Impfung. (Symbolbild)

Warnung vor dritter Corona-Impfung – Auffrischung wird „Ungleichheit verschärfen“

Der Vorsitzende des Corona-Notfallkomitees der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Didier Houssin, warnte ebenfalls vor einer verfrühten Drittimpfung: Auffrischungsimpfungen könnten „die Ungleichheit beim Zugang zu Impfstoffen verschärfen“, indem sie Ländern Dosen vorenthielten, die es schon jetzt kaum schafften, die Menschen ein erstes Mal zu impfen.

Auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA und das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) betonen, dass es zu früh für eine Aussage darüber sei, ob und wann eine dritte Dosis nötig ist. Für eine Entscheidung über Auffrischungsimpfungen gebe es noch nicht genug Daten. Die Gesundheitsbehörden planen daher bisher nicht, eine dritte Dosis für alle vollständig Geimpften zu empfehlen.

Corona-Pandemie: Einige Länder impfen bereits zum dritten Mal

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO haben jedoch bereits mindestens vier Länder Booster-Programme angekündigt. Nach Frankreich begann auch Israel in der vergangenen Woche damit, Menschen mit geschwächtem Immunsystem eine dritte Dosis zu verabreichen. Beide Länder wiesen auf zunehmende Erkenntnisse hin, wonach Patient:innen mit geschwächtem Immunsystem nach zwei Impfdosen nicht ausreichend Antikörper entwickeln.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ging in der vergangenen Woche noch einen Schritt weiter und kündigte ab September Auffrischungs-Impfungen für früh in diesem Jahr geimpfte Risikogruppen an. Seine wissenschaftlichen Berater verwiesen auf erste Studien, wonach ältere Menschen nicht nur weniger Antikörper bilden als junge, sondern diese auch schneller wieder zurückgehen.

WHO betont bestehenden Schutz vor schweren Corona-Verläufen auch ohne Drittimpfung

Ungarns Regierungschef Viktor Orban hat sich ebenfalls dafür ausgesprochen, dass ab August alle Bürger:innen, deren Zweitimpfung mindestens vier Monate zurückliegt, eine Auffrischungsimpfung bekommen sollen. Auch Deutschland bereitet sich schon auf dritte Corona-Impfungen für Risikogruppen vor. Gleichzeitig arbeitet Biontech an der Entwicklung einer an die Delta-Variante angepassten Version des Corona-Impfstoffs.

Wenn alle reichen Länder damit beginnen, Auffrischungsimpfungen anzubieten, „wird dies zusätzliche 800 Millionen Dosen Impfstoff erfordern“, sagte WHO-Chefwissenschaftlerin Soumya Swaminathan laut Heise online bei einer Pressekonferenz. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte, dass die Daten zeigten, dass eine vollständige Impfung einen guten Schutz gegen schwere Verläufe biete. Die Priorität sollte daher sein, „diejenigen zu impfen, die bislang gar keine Dosis und damit keinen Schutz erhalten haben.“ (Anna Charlotte Groos mit AFP) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Fabian Sommer/dpa

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