Eine Forscherin schaut durch ein Mikroskop.
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Durchbruch in der Krebsforschung? Ein Antidepressivum könnte gegen Tumore im Verdauungstrakt helfen (Symbolbild).

Neue Studie

Wie ein Antidepressivum gegen Krebs wirken könnte

  • Julian Dorn
    VonJulian Dorn
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Ein Antidepressivum könnte auch gegen gefürchtete Krebsarten wirken. Eine neue Studie aus Zürich kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.

Zürich/Frankfurt – Ob sich der Mensch wohlfühlt und guter Stimmung ist, hängt nicht nur vom Wetter und seinem Umfeld ab. Seine Gemütslage wird nicht zuletzt von einem bestimmten Hormon bestimmt: Serotonin, auch als „Glückshormon“ bekannt, spielt für die psychische Gesundheit eine wichtige Rolle. Ist die Konzentration von Serotonin im Gehirn zu gering, kann das eine Depression auslösen.

Doch zu viel Serotonin kann offenbar auch schaden – und sogar Krebs* wachsen lassen. Zu diesem Ergebnis kommen Schweizer Forscher in einer aufsehenerregenden Studie. Und noch mehr: Sie wollen diese Erkenntnis nun für einen neuen Ansatz in der Therapie von Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs nutzen.

Was viele nicht wissen: Serotonin findet sich nicht nur im Gehirn. Der Körper stellt das „Glückshormon“ vor allem in der Darmschleimhaut her. Dort wird es dann von den Blutplättchen aufgenommen und gespeichert. Dieses sogenannte periphere Serotonin hat unter anderem Auswirkungen auf den Verdauungstrakt und das Herz-Kreislaufsystem.

Antidepressivum auch gegen Darmkrebs wirksam? Serotonin kann Tumorwachstum fördern

Und nicht nur das: Laut aktueller Forschung können bestimmte Krebszellen das periphere Serotonin wohl ebenfalls gebrauchen. Das legt zumindest eine neue Studie der Universität Zürich nahe, über die das Wissenschaftsmagazin Scinexx berichtet. Die Zellbiologen fanden in Untersuchungen heraus, dass Tumorzellen das Serotonin unter anderem dafür nutzen, Abwehrzellen des Immunsystems, die ihnen gefährlich werden könnten, auszuschalten. „Das periphere Serotonin schwächt die Aktivität der zytotoxischen T-Zellen in den Tumoren“, schreiben die Forscher in ihrer Abhandlung.

Serotonin und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Serotonin ist ein Hormon. Es kommt unter anderem im Zentralnervensystem, Darmnervensystem, Herz-Kreislauf-System und im Blut vor. Es hat dort jeweils unterschiedliche Aufgaben: Im Blut reguliert es die Spannung der Blutgefäße und trägt zur Blutgerinnung bei. Es wirkt außerdem auf die Magen-Darm-Tätigkeit und die Signalübertragung im Zentralnervensystem. Gleichzeitig reguliert es verschiedene Gehirnfunktionen wie Appetit, Lernen, Schlaf, Gedächtnis, Wahrnehmung und unsere Stimmung.

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind Antidepressiva. Sie blockieren die Serotonintransporter und können dadurch die Konzentration von Serotonin in der Gewebsflüssigkeit des Gehirns erhöhen. Ein zu niedriger Serotoninsiegel im Gehirn kann eine Depression auslösen.

Gleichzeitig hat das Serotonin noch einen zweiten Effekt, der Krebsgeschwulsten nützt: Die Tumorzellen bilden mit Serotonin das immunhemmende Molekül PD-L1. Dieses bindet sich wiederum an die T-Zellen des Immunsystems, die eigentlich dafür da sind, Krebszellen zu zerstören oder „Alarm“ zu schlagen. So können diese Abwehrzellen entartete Zellen nicht mehr erkennen und abtöten.

Die Krebszellen entkommen also mit Hilfe des peripheren Serotonins den Attacken des Immunsystems und können weiter wuchern. Das „Glückshormon“ ist in diesem Fall, das legen zumindest die Untersuchungen der Universität Zürich nahe, eher schädlich. „Dieser doppelt immunhemmende Effekt des Serotonins begünstigt damit das Tumorwachstum“, schreiben die Forscher um den Mediziner Marcel Andre Schneider vom Universitätsklinikum Zürich.

Mit Antidepressivum gegen aggressiven Darmkrebs: Große Hoffnungen ruhen auf Wirkstoff Fluoxetin

Diese Erkenntnis ist nun aber gleichzeitig der Ansatzpunkt einer neuen Therapie, den die Schweizer an Mäusen erprobt haben. Im Zentrum steht ein altbewährtes Medikament, das Mediziner allerdings bislang nicht in der Krebstherapie einsetzen, sondern zur Behandlung von Depressionen: Die Hoffnungen der Forscher ruhen nun auf dem Antidepressivum mit dem Wirkstoff Fluoxetin und dem Handelsnamen „Prozac“.

Das Mittel ist ein sogenannter Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Das heißt, „Prozac“ hält die Konzentration von Serotonin im Gehirn zwar hoch, gleichzeitig, und das ist laut der Schweizer Forscher das Entscheidende, hindert es die Blutplättchen daran, Serotonin aufzunehmen. Ergo: Das Antidepressivum reduziert die Konzentration des peripheren Serotonins im Blut, das sich Tumorzellen zunutze machen, um das Immunsystem zu überlisten.

„Prozac“ könnte Gehalt von peripherem Serotonin senken, das Darmkrebs begünstigt

Mit diesem Wissen machten sich die Forscher ans Werk und testeten „Prozac“ zunächst an Mäusen. Welche Wirkung hat das Medikament auf das Wachstum von Darm- und Bauchspeicheldrüsentumoren bei den Nagern?

Und tatsächlich: Die Gabe des Wirkstoffs Fluoxetin ließ die Tumore bei den Mäusen deutlich langsamer wachsen, berichtet das Team aus Zürich in einer Pressemitteilung. Und die Forscher beobachteten noch einen weiteren Effekt. Die Konzentration von T-Zellen, die Tumorzellen bekämpfen, stieg in den Geschwulsten wieder an. Offenbar gelang es dem Mittel, den Serotoninspiegel in den Blutplättchen soweit abzusenken, dass die Tumorzellen das Hormon nicht mehr nutzen konnten, um das Immunsystem auszutricksen.

„Prozac“ konnte Tumorwachstum bei Mäusen verlangsamen - und sogar komplett stoppen

„Diese Klasse von Antidepressiva und andere Serotoninblocker führen dazu, dass die Abwehrzellen die Tumorzellen wieder erkennen und effizient eliminieren“, zitiert Scinexx den Seniorautor Pierre-Alain Clavien von der Universität Zürich. „Dadurch wurde in den Mäusen das Wachstum von Dickdarm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs gebremst.“

Das altbekannte Antidepressivum „Prozac“ könnte tatsächlich gegen Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs wirken. Das legen zumindest die Resultate der Forschung an Mäusen nahe. Die Wissenschaftler machten laut Scinexx noch eine weitere erstaunliche Entdeckung: Der tumorhemmende Effekt des Antidepressivums war noch stärker, wenn „Prozac“ zusammen mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren verabreicht wurde.

Wirksamkeit von „Prozac“ bei Krebs muss nun in klinischen Studien erprobt werden

Das sind Antikörper, die in der Immuntherapie eingesetzt werden und verhindern sollen, dass die Tumorzellen bekämpfenden, nützlichen T-Zellen des Immunsystems durch das immunhemmende Molekül PD-L1 ausgebremst werden. Wie Scinexx weiter berichtet, stoppte das Tumorwachstum in den Mäusen bei einer Kombi-Therapie mit einem anderen Serotonin-Hemmstoff sogar komplett.

Die Beobachtungen der Schweizer Forscher machen nun Hoffnung auf eine neue, wirksame Krebstherapie. Diese könnte dann vor allem gegen bislang nur schwer behandelbare Krebsarten im Verdauungstrakt, wie etwa Bauchspeicheldrüsenkrebs, helfen. Bislang sind Tumore im Darm und der Bauchspeicheldrüse im fortgeschrittenen Stadium kaum noch heilbar, auch wenn sich die Diagnosemethoden und Therapien inzwischen verbessert haben.* Darmkrebs wird aber oft zu spät entdeckt, da nicht jeder die Angebote zur Krebs-Früherkennung* wahrnimmt.

Klinische Studien zu „Prozac“ gegen Darm- und Bauspeicheldrüsenkrebs könnten rasch beginnen

Allerdings ist es noch viel zu früh, von einem Durchbruch in der Krebsforschung zu sprechen. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die Forschung an Mäusen erstmal noch nicht viel über die Wirksamkeit des Präparats beim Menschen aussagt. Deswegen sind klinische Studien nun der nächste Schritt, um zu überprüfen, ob diese Therapie tatsächlich den Krebspatienten einen Nutzen verspricht.

Doch auch hier machen die Forscher laut Scinexx Mut – zumindest, was den Start der klinischen Studien anbelangt: Die sollten nun rasch starten können, prognostizieren die Schweizer Wissenschaftler. Denn sowohl die Antidepressiva als auch die Checkpoint-Inhibitoren sind schon erprobt und zugelassen. „Da Sicherheitsprofile und Wirksamkeit bekannt sind, sollte es relativ rasch möglich sein, solche neuartigen Medikamentenkombinationen in einer klinischen Studie am Menschen zu prüfen“, erklärt Clavien.

Dann erst wird sich entscheiden, ob die Züricher Forscher hier tatsächlich auf eine Therapie gestoßen sind, die vielen Krebspatienten und ihren Angehörigen Hoffnung machen kann.

Auch Biontech ist in der Krebsforschung einen Schritt weitergekommen: Vor der Corona-Pandemie war es das Ziel, einen mRNA-Impfstoff gegen Krebs zu finden. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse in der mRNA-Krebsforschung der Mainzer Biotechnologiefirma. Damit es gar nicht erst zu einer Krebserkrankung kommt, lässt sich mit der Ernährung Einfluss auf das persönliche Krebs-Risiko nehmen – mit diesen Tipps zur Ernährung kann man sich sich schützen. (Julian Dorn) *fnp.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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