Verdacht auf Missbrauch bei SOS-Kinderdörfern in 20 Ländern.
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Verdacht auf Missbrauch bei SOS-Kinderdörfern in 20 Ländern.

Gewalt und sexueller Missbrauch

SOS-Kinderdörfer: Skandal-Verdacht auf Missbrauch in 20 Ländern - auch Deutschland betroffen

  • Marcella Moschini
    VonMarcella Moschini
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In 20 Ländern sollen Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der SOS-Kinderdorf-Hilfe Missbrauch erlebt haben. Eine unabhängige Kommission soll die Vorfälle klären.

Wien - „In einer Atmosphäre von Vertrauen und Verlässlichkeit“ sollen Kinder und Jugendliche in SOS-Kinderdörfern aufwachsen. So heißt es zumindest auf der Webseite der Organisation. In 20 Ländern in Asien und Afrika sollen Jugendliche aber in Einrichtungen und Projekten Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch geworden sein. Die Kinderschutzverletzungen machte die Hilfsorganisation am Donnerstag in Österreich publik und setzte eine unabhängige Kommission ein, die die Vorfälle aufarbeiten soll. Nach eigenen Angaben soll auch Hinweisen auf Misswirtschaft und Veruntreuung von Geldern nachgegangen werden.

Um welche Länder es sich genau handelt, wurde zunächst nicht bekannt. Die Teilorganisation in Deutschland gab aber am Donnerstag in einer Pressemitteilung bekannt, dass es auch Vorwürfe gegen Mitarbeiter:innen einer Einrichtung in Bayern gebe. Diese beziehen sich auf Vorfälle in den 2000er Jahren. Eine Aufarbeitung sei in die Wege geleitet worden. „Die vorliegenden Hinweise sowie die Ergebnisse aus ersten, bereits erfolgten Gesprächen zeigen, dass es gravierende Vorfälle pädagogischen Fehlverhaltens und Missbrauchsvorwürfe gab“, erklärt Prof. Dr. Keupp, der die Untersuchung leitet. Ergebnisse sind für den Herbst 2021 geplant.

SOS-Kinderdörfer entschuldigen sich bei mutmaßlichen Missbrauchsopfern

Die Zahl der Opfer soll weltweit gesehen aber eher klein sein. Die Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf in Österreich, Elisabeth Hauser, sprach von „schwerem Fehlverhalten von Mitarbeitern und schwerwiegenden Vorwürfen“. Den betroffenen Kindern sei „Gewalt angetan“ worden, es sei „zu Misshandlungen bis hin zu sexuellem Missbrauch“ gekommen. Hauser sicherte eine „schonungslose und transparente Aufarbeitung“ der Vorfälle zu.

Auch die Geschäftsführerin des internationalen Dachverbandes, Ingrid Maria Johansen, entschuldigte sich bei den Opfern.  Sie sei „zutiefst betrübt, dass es innerhalb der Organisation Fälle gegeben hat, in denen einige von uns unser Versprechen, die Kinder zu schützen, nicht erfüllt haben“. Sie kündigte „neue Maßnahmen“ an, um die Probleme anzugehen. Die Vorfälle sollen bis in die 1990er Jahre zurückreichen. Die jüngsten Fälle haben sich allerdings wohl erst kürzlich ereignet.

Aufklärung unterdrückt? Ein Teil der Führungsriege könnte schon lange informiert gewesen sein

Bekannt wurden die Fälle durch eine externe Überprüfung im November 2020. Allerdings ist möglich, dass einige Personen intern schon länger informiert waren. Nach eigenen Angaben starteten die SOS-Kinderdörfer bereits vor drei Jahren eine erste Untersuchung. „Es gibt auch Vorwürfe, dass Führungskräften von SOS-Kinderdorf International ein Teil der Vorfälle bekannt war und die Aufarbeitung und Verfolgung unterdrückt wurde“, sagte Hauser. Bei SOS-Kinderdorf International habe es eklatante „Schwächen in der Organisation gegeben“.

Die von einer Politikerin geleitete Untersuchungskommission soll nun klären, in welchen Fällen personelle Konsequenzen gezogen oder strafrechtliche Ermittlungen angestoßen werden müssen. Außerdem soll die Kommission Empfehlungen für strukturelle Veränderungen erarbeiten. Ergebnisse sollen in der zweiten Jahreshälfte 2022 vorliegen. Für die Opfer wurde den Angaben nach ein Entschädigungsfonds „in Millionenhöhe“ eingerichtet. (mam/AFP)

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