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Suche auf Telegram: Mann traut Corona-Impfung nicht und will sich absichtlich infizieren

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Von: Nail Akkoyun

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Auf Telegram sucht ein Mann nach einer Corona-Infektion, weil er sich nicht impfen lassen möchte.
Auf Telegram sucht ein Mann nach einer Corona-Infektion, weil er sich nicht impfen lassen möchte. © Thomas Trutschel/Imago

Auf Telegram suchen Ungeimpfte eine Möglichkeit, sich mit Corona anzustecken. Aus der Politik können sich kritische Stimmen sogar ein Verbot der App vorstellen.

Hamburg/Kassel – Obwohl seit rund einem Jahr mehrere Corona-Impfstoffe* in Deutschland zugelassen sind, haben sich Millionen von Menschen noch nicht gegen Covid-19 impfen lassen. Einer von ihnen ist Martin, ein junger Mann, der sich absichtlich mit dem potenziell tödlichem Virus angesteckt hat. Für ihn die „smarteste Lösung“, heißt es in einem Bericht von faz.net.

Martin vertraut demnach der Politik nicht, ebenso wenig wie den offiziellen Fallzahlen des Robert Koch-Instituts (RKI). Es habe „auch schon andere Lügen in der Politik“ gegeben. „Alternative Informationen“ aus diversen Telegram-Kanälen, wo es von Verschwörungstheorien nur so wimmelt, ergeben für ihn mehr Sinn.

Corona-Infektion auf Telegram gesucht: Hamburger misstraut Aussagen von Bürgermeister

Der 32-Jährige war dem Bericht von faz.net zufolge vor der Corona-Pandemie ein geselliger Mensch, hat zudem ein kleines Kind und arbeitet in einer Behörde. Doch die vielen Maßnahmen machen ihm das Leben als Ungeimpfter immer schwieriger. Als eine flächendeckende 2G-Regelung eingeführt wird, bekam er „richtig Angst“. Anstatt sich daraufhin noch einmal mit der Impfung auseinander zu setzen, dachte Martin fortan aufgrund eines Vorfalls in Hamburg allerdings in die gegensätzliche Richtung.

Mitte November 2021 sagte Peter Tschentscher, Erster Bürgermeister von Hamburg, dass 90 Prozent aller Neuinfektionen von Personen ohne vollen Impfschutz ausgingen. Etwa einen Monat später korrigierte sich Tschentscher und erklärte, dass bei knapp 63 Prozent der Infizierten der Impfstatus nicht gänzlich klar war, diese jedoch zu den Ungeimpften gezählt worden. Er bedauerte die „Verunsicherung“, Martin vermutete dahinter aber pure Absicht.

Eine Impfung war für Martin damit vom Tisch, doch welche Lösung blieb ihm? Einen gefälschten Impfpass fand er „moralisch nicht vertretbar“, zudem wollte er auch nicht als Geimpfter gesehen werden. Ein Bekannter habe ihm dann erzählt, dass er sich über Telegram einen gefälschten positiven PCR-Test gekauft habe und seitdem als genesen gelte. Doch auch diese Lüge wollte Martin nicht mitmachen, weshalb in seinen Augen nur eines übrig blieb: eine absichtliche Infektion mit Covid-19.

Corona-Infektion dank Telegram: „Her mit den Erkrankten“

Auf der Messenger-App Telegram fand Martin eine Gruppe, in der Gleichgesinnte ebenfalls nach Corona-Infizierten suchen. Zwischen freundlichen Gesprächen und Nutzern mit AfD-Masken als Profilbild lassen sich konkrete Anfragen finden: „Hab einen hohen Vitamin-C und -D-Spiegel im Blut. Also, her mit den Erkrankten... ;-)“ schreibt ein Mann Ende 50. Er sei „Drittbester seines Unijahrganges“ gewesen und halte sich nur an die Fakten. Als seine Frau aus dem Impfzentrum kam, habe er kurz darauf Bauchschmerzen bekommen. Dies könne man „durchaus als Impf-Reaktion auf die von ihr ausgeatmeten Spike-Proteine“ sehen, glaubt der Mann.

Als jemand aus der Schweiz von einem tagesaktuellem positiven Test berichtet, bittet User „Timur“ um ein Treffen. Als er „an einem abgelegenen Ort“ ein Wattestäbchen erhält, was der Infizierte zuvor in der Nase hatte, reibt er es sich ebenfalls ins Nasenloch. Ihm ist unklar, ob das reicht. Dem Tipp eines anderen Nutzers, sich das Stäbchen anal einzuführen, folgt er nicht. Ein späterer PCR-Test kommt positiv zurück, dann bietet „Timur“ selbst eine Infektion an. „Danke, dass du an die Gruppe denkst, schreibt ein User.

Mann sucht nach Corona-Infektion – und wird auf Telegram fündig

Martin wurde schließlich bei einer Frau auf Telegram fündig, berichtet faz.net. Sie schrieb dem Hamburger, dass er einen infizierten Bekannten von ihr besuchen und mit ihm aus demselben Glas trinken könne. Eine Woche nach dem Treffen meldeten sich Martins Bekannte bei ihm, sie alle seien positiv, die Symptome mild. Zuvor trafen sie sich an mehreren Tagen. „Aus Respekt gegenüber den anderen Menschen“ isolierten sie sich anschließend.

Doch Martins Corona-Tests blieben negativ. Daraufhin arrangierte er einen PCR-Test und wischte sich kurz davor seine Nase mit einem Taschentuch seiner positiv getesteten Freundin – diesmal fiel der Test positiv aus, Martin war „total erleichtert“. Einige Tage später folgten die ersten Symptome.

App vor Verbot? Telegram unter Rechtsextremen und Corona-Leugnern beliebt

Telegram gilt besonders unter Rechtsextremen und Corona-Leugnern als beliebter Messenger. Das Unternehmen sitzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten und sieht sich im Gegensatz zu Whatsapp und Co. nicht in der Pflicht, bei Hass und Hetze einzugreifen. Zudem ist unklar, wo sich die Telegram-Server befinden. Daher können Falschnachrichten, Mobilisierungsaufrufe und sogar Morddrohungen problemlos im großen Stil geteilt werden. Kein Wunder, dass in der Politik mittlerweile schon laut über ein mögliches Verbot der App nachgedacht wird.

„Insbesondere Anhänger der verfassungsschutzrelevanten Corona-Leugner-Szene nutzen die Plattform zur Verbreitung der eigenen Agenda sowie zur Mobilisierung für Demonstrationen und Veranstaltungen“, erklärte das Bundesamt für Verfassungsschutz gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Der neue Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) erklärte im Dezember 2021 in den ARD-Tagesthemen, dass man über alle Möglichkeiten nachdenken müsse – darunter Einschränkungen für den Messenger oder gar ein Verbot. Auch Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) fand deutliche Worte im Gespräch mit dem ZDF: „Dort wird geworben für Demonstrationen, dort wird auch zu Gewalt aufgerufen, dort werden Adressen veröffentlicht von Politikerinnen und Politikern. Also, hier muss durchgegriffen werden“. (Nail Akkoyun) *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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