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Der ?Jungfrau-Marathon? ist eine der Attraktionen, die Gäste in die Schweizer Bergwelt locken.

Asiaten statt Deutsche am Jungfraujoch

Die rasante Aufwertung des Schweizer Franken nach der Kurs-Freigabe im Januar macht der Tourismus-Branche in der Schweiz zu schaffen.

Von Jürgen Dunsch

Das Jungfraujoch, das die Berge „Mönch“ und „Jungfrau“ im Berner Oberland verbindet, ist eines der bekanntesten Touristenziele in der Schweiz. Wer auf knapp 3500 Metern das grandiose Panorama bewundert, wähnt sich allerdings in Asien. Überall staunen, fotografieren und tauschen die Gäste aus jenen Ländern ihre Eindrücke aus. Aufgrund eines konsequenten Marketings gehört die Bahnfahrt auf das Jungfraujoch zum Pflichtprogramm vieler Reisegruppen aus Fernost. Ihr Anteil an den Besuchern des „Hotspots“ in den Bergen beträgt inzwischen mehr als 70 Prozent. Aus Europa, darunter nicht zuletzt aus Deutschland, kommt nur noch jeder Zehnte der Touristen. Seit die Schweizerische Nationalbank Mitte Januar die Kursgarantie von 1,20 Franken je Euro abschaffte, gibt es nur noch wenig mehr als einen Franken. Das setzt den Tourismus in der Schweiz kräftig unter Druck.

Der Europa-Anteil schrumpft weiter, deutet der Geschäftsbericht der börsennotierten Jungfraubahn Holding AG an. Er werde 2015 „tendenziell weiter abnehmen“, heißt es dort. Mit anderen Worten: Der weltberühmten Bergstation kommen die Europäer abhanden. 2014 fuhren 866 000 Besucher auf den Hochgebirgssattel, der unter der einprägsamen Marke „Top of Europe“ vermarktet wird. In diesem Jahr sollen es noch mehr werden. Doch die jüngste Franken-Stärke verteuert allein die Zugfahrt von Lauterbrunnen auf das Jungfraujoch für die Euro-Europäer von rund 153 auf 180 Euro. Das wirkt abschreckend.

Unabhängig davon birgt die Entwicklung der Touristendestination eine zweifache Botschaft für alle Ferienorte in der Schweiz. Erstens sollte man sich nicht nur auf die Schweizer und die angrenzenden Länder verlassen. Zweitens wollen Gäste aus Übersee mehr als den klassischen Dreiklang Berge, klare Luft und Schweizer Gerichte. Wandern und Skifahren bedeuten ihnen wenig, Fotografieren, Einkaufen und auf sie zugeschnittene Mahlzeiten dafür umso mehr.

Patrizia Bickel von der Jungfraubahn Holding erklärt, was darunter gemeint ist. In dem weitläufigen Areal winkt ein Restaurant mit internationaler Küche für die vielen Gruppen aus Asien sowie ein „Bollywood-Restaurant“ speziell für indische Touristen. Beide erstrahlen nach Investitionen von umgerechnet knapp 11 Millionen Euro in neuem Glanz. Die Gästeinformationen gibt es in acht Sprachen. Zugleich bietet das Unternehmen den Mitarbeitern kostenlose Sprachkurse unter anderem in Japanisch und Chinesisch an. Wer auf „Top of Europe“ ist, kann nicht nur den Aletsch-Gletscher bestaunen, sondern auch in mehreren Geschäften einkaufen. Jüngster Zuwachs ist ein Shop des Schokoladenherstellers Lindt & Sprüngli.

Auf dem Jungfraujoch herrscht geschäftlich eitel Sonnenschein. Ganz anders sieht es im Geschäftsfeld „Wintersport“ des Unternehmens aus, etwa auf der Kleinen Scheidegg. Hier schlägt sich die Zurückhaltung der vielen Euro-Europäer besonders deutlich nieder. In der abgelaufenen Wintersaison wedelten 7 Prozent weniger Skifahrer die Hänge herunter. Den Rückschlag teilen die Jungfraubahnen mit vielen anderen Skigebieten in der Eidgenossenschaft. Ein durchschlagendes Rezept gegen das Fehlen der Touristen aus den Euro-Ländern hat noch niemand gefunden. Zahlreiche Schweizer Touristengebiete bemühen sich ebenfalls vermehrt um Nicht-Euro-Gäste. Aber fast niemand tut dies so konsequent wie die Jungfrau-Region.

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