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Kommentar zur Bahn: Außer Kontrolle

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ICE Berlin-Hamburg am Donnerstag: Der Zug rast durch die vollkommene Mobilfunknetzfreiheit – und das zuginterne WLAN bleibt eine reine Behauptung.

Cornelie Barthelme

ICE Berlin-Hamburg am Donnerstag: Der Zug rast durch die vollkommene Mobilfunknetzfreiheit – und das zuginterne WLAN bleibt eine reine Behauptung. ICE Hamburg-Berlin am Samstag: Kein Koch, keine Thekenkraft im Speisewagen. S-Bahn Berlin am Montag früh: Zehn nach fünf stoppt der Lokführer nach zwei Haltestellen den Zug, Endstation, alles aussteigen – obwohl es hieß, anders als die Regios werde die S-Bahn trotz EVG-Streiks fahren. Und nein, das sind keine Ausnahmen – sondern nur die Highlights der aktuellen Woche.

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All die Millionen täglichen individuellen Frustrationen in Zügen und auf Bahnhöfen haben ein und dieselbe Ursache: Die Bahn des Jahrgangs 2018 ist in einem katastrophalen Zustand. Im Schienengüterverkehr schreibt sie desaströse Verluste, im Regionalverkehr ist sie kaum mehr wettbewerbsfähig und verliert Ausschreibung um Ausschreibung, die Infrastruktursparte verbucht nur Gewinne, weil die Bundesnetzagentur die Trassenpreise nicht wirksam reguliert. Personal fehlt überall – und die Pünktlichkeitsquote liegt nur noch bei 70 Prozent.

Man muss sich das vorstellen: In Zeiten des Klimawandels und der Luftverpestung durch jedes verbrennungsmotorgetriebene Fahr- und Flugzeug könnte die längst ausschließlich Ökostrom nutzende Bahn die Republik zukunftsgerecht in Bewegung halten. Könnte… Konjunktiv.

Die Wirklichkeit nämlich ist, dass die Bahn nichts auf die Reihe kriegt. Macht sie Schlagzeilen, sind die negativ: Für immer mehr Verspätungen darf der Kunde seit Sonntag wieder mal mehr bezahlen. Der Vorstandsvorsitzende fordert fast zeitgleich vom Alleinaktionär Bund, die horrende jährliche Subvention aufzustocken. Und der Bundesrechnungshof wirft pünktlich dazu dem Bundesverkehrsminister vor, sich kein bisschen dafür zu interessieren, wofür die Bahn und ihre vielen Töchter die Milliarden eigentlich ausgeben.

Natürlich behaupten sowohl der Bahn-CEO Richard Lutz als auch Ressortchef Andreas Scheuer von allem das genaue Gegenteil. Die Beziehung Bahn-Bundesregierung ist ohnehin so eng, dass der Merkel-Vertraute Ronald Pofalla direkt aus dem Kanzleramt in den Bahnvorstand wechseln konnte. Ausgerechnet der CDU-Mann ist nun zuständig für die marode Infrastruktur, die sein Unionsfreund, der CSU-Mann Andreas Scheuer, so lässig verrotten lässt. Zusammengenommen ist die Diagnose kurz. Die Bahn ist außer Kontrolle.

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