+
Landwirt Karl Heinz Fluck vom Marienstätter Hof in Villmar hat die Milchvieh-Wirtschaft aufgegeben. Er hält nur noch einige Rinder und wenige Ammenkühe.

Ex-Milchbauer beklagt Heuchelei

"Bauernverband hat Misere verursacht"

  • schließen

Die Bruchlandung auf dem Boden der Tatsachen ist für die Milchbauern brutal. Seinen Mitgliedern hatte der Bauernverband für die Zeit nach der Milchquote stets eine „sanfte Landung“ versprochen. Nicht nur für falsche Versprechungen steht der Verband in der Kritik.

Als Global Player hatten sich viele Milchbauern vor wenigen Jahren bereits gesehen. Als Teil der Milchbranche blickten die Landwirte plötzlich auf den Weltmarkt – wenn auch nur als Zulieferbetrieb der Molkereien, die ihrerseits den Weltmarkt für Milchpulver und andere Molkereiprodukte im Visier hatten. Es herrschte Aufbruchsstimmung: Milchpreise von zum Teil 35 Cent pro Liter versprachen gute Zeiten. Viele Höfe investierten in größere Kuhställe und moderne Melktechnik. Befeuert wurde der Optimismus vom Bauernverband. Der musste es ja wissen.

„Der Bauernverband hat seinen Mitgliedern stets geraten, die Bestände zu vergrößern und in die Modernisierung der Melkstände zu investieren, um die Betriebskosten zu senken“, sagt Landwirt Karl Heinz Fluck aus Villmar. „Nur so könnte ein landwirtschaftlicher Betrieb zukunftsfähig sein, hieß es. Das erklärte Ziel war es, mehr Milch zu produzieren.“

Den Mitgliedern wurde erzählt, in Deutschland könne gar nicht so viel Milch produziert werden, wie der Weltmarkt aufnehmen könne. Um den Milch-Hahn kräftig aufdrehen zu können, wurde jahrelang darauf hingearbeitet, aus der Milchquoten-Regelung auszusteigen.

Im April 2015 fiel schließlich die Mengen-Begrenzung. Seither kann jeder Landwirt so viel Milch produzieren, wie er will. Dumm nur, dass die Milchbauern blindlings das befolgt haben, was ihnen der Berufsverband über Jahre hinweg als Allheilmittel eingebläut hatte.

Fluck aber hatte schon vor vier Jahren genug von den faulen Heilsversprechungen und kündigte seine Mitgliedschaft. „Die Milchkrise kam nicht wie eine biblische Plage über uns. Die Misere hat der Bauernverband verursacht“, kritisiert der Landwirt vom Marienstätter Hof in Villmar. „Wenn der Bauernpräsident nun Aldi & Co als die Bösen darstellt und nach Subventionen ruft, ist das geheuchelt.“

Nach dem Aus der Milchquote hatte der 59-Jährige wegen der Beschleunigung der Milchpreis-Talfahrt die Reißleine gezogen. Im August vergangenen Jahres hat er schweren Herzens seine 80 Milchkühe abgegeben. Mit Blick auf den für Montag von der Bundesregierung angekündigten Milchgipfel in Berlin platzt Fluck der Kragen: „Der Landwirtschaftsminister wird den Milchbauern Hilfen in Höhe von 100 Millionen Euro zusagen und der Bauernverband lässt sich feiern. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter ist gar nicht eingeladen“, kritisiert Fluck, der die Milchbauern im Landkreis Limburg-Weilburg beim BDM vertritt.

Auf die aktuell noch 70 000 deutschen Milchbauern umgerechnet, erhalte jeder Hof durch die Soforthilfen gerade einmal 1430 Euro. Das sei lediglich ein kleiner Teil dessen, was Milchbauern aktuell monatlich wegen der schlechten Milchpreise verlören.

Fast wehmütig erinnert sich Fluck an die alten Zeiten: Nachdem aufgrund zunehmender Lagerbestände bei Butter und Milchpulver – man sprach von Butterbergen und Milchseen – und der EG-Agrarministerrat 1984 die Einführung der Milchquote beschlossen hatte.

Bis 2015 verfügte jeder Milcherzeuger über eine Referenzmenge (Milchquote) pro Quotenjahr. Wurde mehr Milch gemolken, wurde eine Strafabgabe fällig. Da die Molkereien zudem die produzierten Milchmengen abnehmen müssen, war die wirtschaftliche Situation der Milchbauern trotz schwankender Preise einigermaßen im Lot und vor allem kalkulierbar.

„Die Milchquote war zwar teuer, aber sie hat Sicherheit gegeben“, erläutert Karl Heinz Fluck. „Seit dem Auslaufen der Milchquote sind die Preise für Milch aber im freien Fall. Mit der fatalen Konsequenz, dass die Bauern immer mehr Milch an die Molkereien liefern – gut fünf Prozent mehr als im vergangenen Jahr.“

Das Milch-Überangebot auf dem deutschen Markt ist umso dramatischer, weil alle europäischen Milchbauern zudem gleichermaßen vom Russland-Embargo und von der eingebrochenen Nachfrage aus China betroffen sind. Dänische, holländische und auch polnische Großmolkereien wittern zudem ihre Chance, ihren Absatz in Deutschland zu erweitern und drücken den Preis zusätzlich.

Die Lebensmittel-Einzelhändler sind in einer formidablen Situation: Da die Molkereien aufgrund der Abnahmepflicht in Milch schwimmen, akzeptieren sie bei den Preisverhandlungen jeden Preis und unterbieten sich gegenseitig: Hauptsache die Milch ist weg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare