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Präsident Jens Weidmann vor der im Architekturstil des ?Brutalismus? gestalteten Bundesbank-Zentrale an der Grenze zwischen Ginnheim und Bockenheim.

Geldpolitik

Bundesbank ist für die Wende gewappnet

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Noch verdient die Bundesbank gut an dem hierzulande heftig kritisierten, billionenschweren Anleihen-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB). Aber die Risiken, die sich die Frankfurter mit diesen Anleihen gezwungenermaßen aufbürden, bereiten ihnen große Sorgen. Denn irgendwann werden die Leitzinsen wieder steigen.

Der künftige Bundesfinanzminister kann zufrieden sein: 1,9 Milliarden Euro hat ihm die Bundesbank gestern zur freien Verwendung überwiesen, wie deren Präsident Jens Weidmann in Frankfurt bekanntgab. Das sind 1,9 von insgesamt zwei Milliarden Euro Gewinn, die die Zentralbank im vergangenen Jahr erwirtschaftet hat – rund 100 Millionen Euro hat sie sich erlaubt, für Altersvorsorge-Verpflichtungen ihrer knapp 10 000 Beschäftigten abzuzweigen. Zwar hatte der Bund fürs vergangene Jahr mit einem 2,5 Milliarden- Euro schweren Scheck aus Frankfurt gerechnet – aber in Zeiten rekordhoher Haushaltsüberschüsse kann die designierte Bundesregierung diese kleine Enttäuschung sicherlich verschmerzen. Zumal der Bund in den vergangenen Jahren von der Niedrigzinspolitik in der Eurozone profitiert hat: Als sicherer Hafen für Investoren aus aller Welt erhält Deutschland für geliehenes Geld ja zum Teil heute noch Zinsen, statt Zinsen zu zahlen. Ohne den „Nullzins“ wäre die „schwarze Null“ von Ex-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) denn auch nicht möglich gewesen, zeigt eine Kalkulation des Ministeriums.

Und im Gegensatz zu den hiesigen Sparern und Geschäftsbanken kann auch die Bundesbank mit der ultralockeren Geldpolitik der EZB bislang ganz gut leben, wie die gestrige Bilanzvorlage zeigt: Von 3,7 Milliarden auf knapp 5,2 Milliarden Euro sind demnach die Zinserträge – die traditionell wichtigste Gewinnquelle der Zentralbank – im vergangenen Jahr gestiegen. Nicht etwa weil die Geschäftsbanken sich bei der Notenbank viel Geld geliehen hätten, um dieses dann als Kredit an Firmen und Privathaushalte weiterzureichen – damit hat die Bundesbank früher das Gros ihres Gewinns erwirtschaftet, als Geld noch ein hohes Gut war. Nein, fast die gesamten Zinserträge stammen von den Strafzinsen, die Geschäftsbanken nach wie vor zahlen müssen, wenn sie bei der Notenbank über Nacht Geld hinterlegen. „Ausdruck der verkehrten Welt, in der wir heute leben“, so Weidmann mit Blick auf diesen sogenannten Einlagensatz, den die EZB auf minus 0,4 Prozent festgesetzt hat – damit die Banken ihr Geld nicht horten, sondern in Kredite investieren, die die Konjunktur in der Eurozone ankurbeln und so die Inflation auf einen Wert von knapp zwei Prozent hieven sollen.

Dass gleichwohl die Kreditinstitute der Währungsgemeinschaft 2017 im Schnitt fast doppelt so viel Geld bei der EZB hinterlegten als im Vorjahr, führte gestern auch Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele auf die hierzulande heftig kritisierten Anleihen-Käufe der Europäischen Zentralbank zurück. Im Kampf gegen die frühere Mini-Inflation kauft das Eurosystem aus EZB und nationalen Zentralbanken – gegen den Widerstand der Bundesbank – schon seit dem Frühjahr 2015 in großem Stil Wertpapiere, vor allem Staatsanleihen. 2,3 Billionen Euro sind auf dieser Einkaufstour schon zusammengekommen und damit zusätzlich in den Finanzmarkt geflossen. „Dieses Geld muss ja irgendwo hin“, sagte Thiele. So hat die Bundesbank nach eigenen Angaben allein über den Strafzins 3,2 Milliarden Euro verdient. 129 Millionen Euro hat beispielsweise die Commerzbank berappen müssen, wie sie gestern bestätigte. Und aus ihren Anleihe-Käufen im Auftrag der EZB hat die Bundesbank ebenfalls Profit geschlagen.

Aber was ist, wenn die Leitzinsen wieder steigen? Das ist die Frage, die auch Weidmann &Co. längst umtreibt. Sparer und Banken sehnen diese Zinswende herbei: „Wenn die Leitzinsen parallel um einen Prozentpunkt steigen, bringt uns das im ersten Jahr zusätzliche Erträge von 500 bis 550 Millionen Euro“, heißt es bei der Commerzbank. Die Deutsche Bank rechnet in diesem Szenario mit zusätzlichen 1,4 Milliarden Euro. Für die Bundesbank stellt die Zinswende laut Weidmann dagegen „ein erhebliches Zinsänderungsrisiko“ dar. Der Grund: Mit den erworbenen Anleihen hat die Bundesbank sehr viele Ausstände, deren extrem niedrige Zinsen für sehr lange Laufzeiten fixiert sind. Aber steigende Zinsen würde sie sehr schnell zu spüren bekommen: Statt einen Strafzins für das bei ihr über Nacht geparkte Geld zu erhalten, müsste sie einen Zins zahlen.

Von den 2,3 Billionen Euro, die das Eurosystem für die Anleihen-Käufe ausgegeben hat, entfällt rund ein Viertel auf die Bundesbank – gemäß Deutschlands Anteils an der Bevölkerung und am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone. So hat sich die Bilanzsumme der Bundesbank seit 2015 mehr als verdoppelt. Dabei ist ihre offene Zinsposition auf 526 Milliarden Euro gewachsen. „Bei dieser Summe führt ein Anstieg der Leitzinsen um einen Prozentpunkt zu jährlichen finanziellen Belastungen von rund fünf Milliarden“, rechnete Weidmann vor. Deshalb habe die Bundesbank 2017 die sogenannten Wagnisrückstellungen um 1,1 Milliarden Euro auf 16,4 Milliarden Euro aufgestockt. Das ist die höchste Risikovorsorge in der Geschichte der Institution. Damit sieht sich die Bundesbank zunächst gegen die Zinswende gewappnet.

Dass diese kommen wird, ist auch sicher. Die Frage ist nur, wann. EZB-Präsident Draghi wiederholt gebetsmühlenartig, dass die Leitzinsen bis weit nach Ende der Anleihen-Käufe auf den aktuellen Rekordtiefs verharren sollen. Die Käufe sind vom EZB-Rat im vergangenen Herbst aber erneut verlängert worden: bis mindestens Ende September 2018. Und anders als von Weidmann gefordert, hat der Rat kein Enddatum gesetzt. „Auf Basis der heutigen Daten sehe ich auch wenig Chancen, dass die Zinsen in diesem Jahr noch angehoben werden“, sagte Draghi Ende Januar. Eine Prognose wollte Weidmann gestern nicht wagen. Aber die Erwartungen von Anlegern und Investoren, dass die EZB die Zinsen Mitte 2019 erhöhen könnte, seien „nicht komplett unrealistisch“, so der Bundesbank-Präsident.

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