Bald 800 Mitarbeiter in der "Digitalfabrik"

Deutsche dreht im Online-Banking auf

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Die Deutsche Bank hat am nordwestlichen Stadtrand Frankfurts ihre Ideenschmiede für die Digitalisierung des Geschäfts eröffnet.

Ledersessel und Konferenztische gibt es nicht, stattdessen gruppieren sich flauschige Sitzkissen in quietschbunten Farben wie Lila und Giftgrün um niedrige Plexiglaswürfel, es gibt Tafeln und Tischkicker wie im Café, und die Mitarbeiter duzen sich: In Frankfurt-Sossenheim ist vieles ganz anders als in den Doppeltürmen der Deutschen Bank. Hier hat das Institut seine neue „Digitalfabrik“ eingerichtet. 400 Mitarbeitern aus 14 Nationen arbeiten bereits daran, eine, wie Privatkunden-Vorstand Christian Sewing sagt, „einfachere und bessere Bank zu schaffen“.

Die Branche stehe vor einem Umbruch, der mindestens so tiefgreifend sei wie in der Finanzkrise, kündigt Sewing an: „Ein heftiges Auf und Ab ist die neue Realität, und ich glaube nicht, dass sich das auf absehbare Zeit ändern wird.“ Er stellt klar: „Viele Banken in Europa waren lange zu sehr mit sich selbst beschäftigt – und lassen Sie mich ehrlich sein, das gilt auch für uns.“ Vor allem online zählte die größte deutsche Bank lange zu den Nachzüglern, Sewing gibt die „Lücke zum Markt“ offen zu. Nun aber will das Institut das Tempo deutlich steigern und bis 2020 rund 750 Millionen Euro in die Digitalisierung stecken. Diese biete die Chance, neue Kunden zu gewinnen in einer Branche, in der die Marktanteile bisher relativ starr verteilt gewesen seien. Und vor allem: Zu Online-Kunden hat die Bank fast doppelt so häufig Kontakt, auch die Erträge fallen höher aus.

Die Investitionen sind auch nach Aussage von Vorstandschef John Cryan dringend notwendig. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt im Juli 2015 nannte der Brite die marode IT der Bank „lausig“. Im Online-Banking gab es in den vergangenen Monaten wiederholt Pannen bei einfachen Buchungen. Daher wurden Innovationslabore im Silicon Valley, in London, Tel Aviv und Berlin eingerichtet, die an Geschäftsmodellen der Zukunft forschen – und die „Digitalfabrik“ in Sossenheim, wo Produkte in den Markt eingeführt oder auch einfach einmal ausprobiert werden sollen.

Zunächst soll noch dieses Jahr die Online-Kontoeröffnung kommen, wie sie beispielsweise bei der Commerzbank längst Standard ist. Neue Apps werden das kontaktlose Bezahlen per Smartphone oder einen Überblick über alle Konten bei anderen Banken ermöglichen, es soll ein elektronisches Schließfach für wichtige Dokumente und eventuell einen Chat mit einem digitalen Assistenten geben.

Die Bank kooperiert mit dem Fonds des Axel-Springer-Verlags, der junge Technologiefirmen finanziert, und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT, USA) sowie mit sechs Start-ups aus der Finanzbranche („Fintechs“). Sewing: „Fintechs haben oft Lösungen, die wir nur mit hohem Aufwand selbst entwickeln könnten.“ Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem Hamburger Fintech Deposit Solutions („Zinspilot“), wodurch von 2017 an Deutsche-Bank-Kunden direkt Tages- und Festgelder bei anderen europäischen Banken anlegen können – also quasi „Zins-Hopping“ betreiben, ohne jedes Mal ein neues Konto eröffnen zu müssen. Man will auch selbst über einen Fonds zweistellige Millionenbeträge in Fintechs investieren.

Bis 2018 sollen 800 Software-Entwickler, IT-Spezialisten und Finanzfachleute in der „Digitalfabrik“ arbeiten. Der Weg soll wegführen von der Konzentration auf eigene Produkte und hin zum Plattform-Gedanken – so wie auch Airbnb oder Uber weder Wohnungen noch Autos besitzen, sondern nur den Zugang zu den Kunden. Sewing spricht von der Transformation zum Technologie-Unternehmen, das auch mit den Daten, die es besitze, Geld verdienen könne.

Für Banker in Anzug und Krawatte hat der Vorstand eine klare Botschaft aus Sossenheim: „Auf Dauer werden Orte wie dieser die Arbeit in der gesamten Deutschen Bank grundlegend verändern.“

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