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Commerzbank-Experte zieht verheerende Bilanz der Finanzmarkt-Richtlinie MiFID II

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Seit einem Jahr gilt die neue europäische Finanzmarkt-Richtlinie „MiFID II“. Die Bilanz für Anleger fällt nach Ansicht eines Commerzbank-Experten verheerend aus.

„Die Zahl der Beratungsgespräche ist in diesem Jahr um über ein Drittel zurückgegangen. Dagegen sehen wir einen deutlichen Anstieg der Online-Aktivitäten.“ Diese Bilanz der neuen europäischen Finanzmarkt-Richtlinie„MiFID II“ zieht Olaf Lorenz, Bereichsleiter Wertpapier bei der Commerzbank. Seit knapp einem Jahr ist die Regelung in Kraft. Dabei ist der englische Titel „Markets in Financial Instruments Directive“, kurz „MiFID II“, nicht weniger sperrig als der Inhalt: 7000 Seiten umfasst die EU-Richtlinie samt aller Zusätze.

Das ist sechs Mal so lang wie Thomas Pynchons Roman „Die Enden der Parabel“ – und deutlich schlechter lesbar.

Umsetzung von MiFID II kostet Banken 25 Milliarden Euro

Die Banken hätten sehr viel Geld aufgewendet, um die Richtlinie umzusetzen, unterstreicht Lorenz: Allein bei der Commerzbank war es ein hoher zweistelliger Millionenbetrag, für alle europäischen Banken reichen die Schätzungen bis 25 Milliarden Euro.

Die Anforderungen an die Dokumentation eines Beratungsgesprächs seien durch „MiFID II“ enorm gestiegen, die gesamte Regulierung sei geprägt vom Bild des unmündigen Bürgers, der durch umfassende Aufzeichnungen geschützt werden müsse. „Den größten Nachteil sehe ich darin, alle Kunden über einen Kamm scheren zu wollen.“ Natürlich habe jeder Wertpapierkäufer das Recht, über die Kosten, über Chancen und auch Risiken umfassend informiert zu werden. Doch müssten diese Fakten auch verständlich sein und in angemessener Zeit zu lesen.

Finanzmarkt-Richtlinie bringt hohen Aufwand für Kunden und Bankberater

Und das sei eben nicht der Fall: „MiFID II hat Sand ins Getriebe gestreut.“ Das früher übliche „Beratungsprotokoll“ sei durch zahlreiche weiter Dokumente aufgebläht worden, sagt Lorenz. „Und was ist das Ergebnis beim Anleger? In der Fülle des Papiers übersieht man das Wesentliche, und der Wust schreckt viele ab.“ Die Aufzeichnung von Telefongesprächen sollte als vertrauensbildende Maßnahme wirken, aber „das Gegenteil ist der Fall“. Viele wollten die Aufzeichnung nicht, doch sei die Bank dazu verpflichtet – und die früher üblichen, kurzen und informellen Telefonate mit dem Berater („Was halten Sie von diesem Fonds?“; „ Soll ich Bayer-Aktien lieber verkaufen?“) fielen weg.

Jede Order müsse gefaxt werden, der Kunde häufig persönlich in die Filiale kommen. Vor allem unerfahrene Anleger blieben da lieber beim Sparbuch, statt in Wertpapiere zu investieren – und verschenken so Rendite bei der Altersvorsorge.

„Der Kreis der Wertpapier-Anleger bleibt klein. Vor allem die, die Beratung benötigen, lassen es. Erfahrene Anleger dagegen weichen ins Internet aus – die ungleiche Verteilung von Aktienbesitz wird gefördert.“ Manche Banken hätten, anders als die Commerzbank, die Wertpapier-Beratung komplett eingestellt, sagt der Bereichsleiter. In die verlustträchtigen und hochriskanten Bitcoins hingegen oder in intransparente Anlagen am „grauen“ Kapitalmarkt könne online jeder Anfänger investieren, ohne dass die Richtlinie greife.

Nicht mal erfahrene Anleger dürfen auf Aufklärung oder Aufzeichnung verzichten

Dabei gebe es Millionen Depotkunden, die regelmäßig Wertpapiergeschäfte tätigen und daher Kosten und Risiken kennen. Lorenz: „Das ist wie beim Autofahren: Natürlich muss es eine Führerscheinprüfung geben – aber doch nicht jeden Morgen.“ Ein weiteres Problem: Durch die Aufdeckung versteckter Kosten – von denen die Branche lange gut gelebt hatte – investierten Anleger zunehmend in günstige Produkte wie beispielsweise börsengehandelte Indexfonds (ETFs) – unabhängig davon, ob diese ins Depot passen.

Und welche Forderungen hätte Lorenz nun an den Gesetzgeber? „Das größte Problem ist, dass es keine Opt-Out-Möglichkeit gibt“, sagt er – dass der erfahrene Anleger also nicht auf Aufklärung oder Aufzeichnung verzichten kann.

Und für unerfahrene Sparer müsse es eine einfachere und verständlichere Variante geben, damit sie nicht Gefahr laufen, Opfer des „grauen“ Kapitalmarkts zu werden.

Auch die Definition von Risiko sei fragwürdig – dass Aktien riskant und Staatsanleihen sicher seien, stimme langfristig so nicht.

Zwar glaubt Lorenz nicht, dass bis zur Europawahl im Frühjahr 2019 noch etwas passiert, er hofft aber auf die Zeit danach: „Es geht nicht darum, den Anlegerschutz zurückzudrehen, sondern ihn praktikabel zu machen und die Instrumente nachzuschleifen.“

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