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Kanzlerin Angela Merkel zeigt sich auf der IAA gerne in der Nähe von umweltfreundlichen Elektroautos.

Schwache Nachfrage

E-Autos: Merkels Ziel wird klar verfehlt

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Deutschland sollte Vorreiter bei der Elektromobilität werden. Dies versprach Kanzlerin Angela Merkel und machte es konkret: Bis zum Jahr 2020 soll eine Million Elektroautos über deutsche Straßen rollen, sagte sie 2011. Die Bilanz ist ernüchternd: 30 000 sind es derzeit. Trotz Umweltbonus werden es höchstens 500 000 werden, prognostiziert die Beratungsfirma PwC Autofacts.

Noch keine 2000 Anträge auf Kaufprämie für Elektro-Pkw oder Plug-in-Hybride sind vier Wochen nach dem Start bis Anfang August beim zuständigen Bundesamt in Eschborn eingegangen. Die Nachfrage nach den emissionsfreien Automobilen ist trotz der Prämie von 4000 für E-Autos bzw. 3000 Euro für Plug-in-Hybride extrem schwach. Schlimmer noch: Die Zahl der neu zugelassenen E-Fahrzeuge ist in den ersten sieben Monaten in Deutschland sogar auf 5142 gesunken. Bei Plug-in-Hybriden ist allerdings ein Anstieg auf 7140 Pkw zu verzeichnen.

Eine Studie der Beratungsfirma PwC Autofacts zeigt nun auf, dass am Ende des Jahrzehnts nur rund 500 000 Stromer hierzulande zugelassen sein dürften. „Um das Millionenziel zu erreichen, müsste sich die Nachfrage bis 2020 jedes Jahr verdoppeln“, urteilt PwC-Experte Felix Kuhnert. „Dass dieses Szenario eintritt, ist selbst bei großem Optimismus unwahrscheinlich.“

Nicht ganz so drastisch, aber dennoch ausreichend deutlich, hat es inzwischen auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel ausgedrückt: „Das Ziel, eine Million Fahrzeuge 2020 mit der bisherigen Entwicklung erreichen zu wollen, ist, wie soll ich das sagen, sehr ambitioniert.“ Damit wollte er seiner Kabinettschefin, Bundeskanzlerin Merkel, nicht in den Rücken fallen. Doch deren Zielvorgabe von einer Million E-Autos bis 2020 wird nach PwC-Einschätzung klar verfehlt.

Als Gründe, weshalb Kunden das E-Auto bislang links liegenlassen, benennt PwC etwa die geringe Zahl an Ladestationen. Aktuell gebe es bundesweit nur 5800, ein Tropfen auf den heißen Stein verglichen mit 14 500 Tankstellen. Auch für den Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer ein Dorn im Auge: „Die Ladeinfrastruktur in vielen Großstädten ist katastrophal. Was soll ich mit einem E-Auto, wenn ich eine Mietwohnung habe und nicht laden kann. Außerdem ist die Ladezeit oft lang. Man braucht Schnellladestationen, so wie es Tesla vormacht, maximal 20 Minuten.“

Abhilfe hat Verkehrsminister Alexander Dobrindt versprochen. Der Bund will 300 Millionen Euro zur Verfügung stellen, um die Ladeinfrastruktur in Deutschland deutlich zu verbessern.

Weiteres Manko von Stromern: die mangelnde Reichweite und die höheren Anschaffungspreise. Derzeit legen Plug-ins rein elektrisch betrieben nur 50 Kilometer zurück, E-Autos rund 250 Kilometer. Um die Reichweite auf 500 Kilometer zu erhöhen und gleichzeitig den Fahrzeugpreis auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu senken, müssten nach PwC-Berechnungen die durchschnittliche Speicherkapazität um mehr als 250 Prozent steigen und die Batteriekosten von momentan 500 auf 100 Euro/kWh sinken. Diese Werte gelten in der Industrie jedoch frühestens bis Ende des Jahrzehnts als realisierbar. Da bei den Stromern rund ein Drittel der Kosten auf die Batterie entfalle, sei deren Kostenreduzierung ein „entscheidender Hebel, um die Elektromobilität mehrheitsfähig zu machen“, unterstreicht PwC-Analyste Christoph Stürmer.

Die Preise für ein E-Auto sind in der Regel höher als bei herkömmlichen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren. Für die Kompaktklasse hat PwC einen Preisaufschlag von 13 Prozent errechnet. Durch die Prämie schmilze die Differenz auf nur noch drei Prozent.

Trotz der vorsichtigen Prognosen bis 2020 sind die PwC-Experten überzeugt, dass sich der Anteil elektrischer Autos in den kommenden Jahren signifikant erhöhen werde – und zwar nicht nur in Deutschland. „Die automobile Zukunft ist autonom und elektrisch“, lautet ihr Fazit. Um die „Elektrifizierung der Masse“ voranzutreiben, seien nun weitere Investitionen in die Ladeinfrastruktur nötig. Zudem plädieren die Experten für flankierende Maßnahmen des Gesetzgebers. Dazu zählen sie etwa die Erlaubnis zur Benutzung von Bus-/Taxispuren, kostenlose Parkplätze in Innenstädten sowie kostenloses Laden an öffentlichen Ladestationen.

Für den Automobilstandort Deutschland sei das Thema Elektromobilität existenziell. Die deutschen Hersteller und Zulieferer haben das nach Einschätzung der Beratungsfirma auch inzwischen erkannt und richten ihre Strategien danach aus. In den nächsten Jahren werden etliche neue Elektromodelle auf den Markt kommen. VW habe den Start von mehr als 30 elektrifizierten Modellen angekündigt. BMW baue seine Marke „i“ deutlich aus, und Daimler liebäugele mit der Gründung einer Submarke für künftige E-Autos. Bis 2020 rechnet PwC herstellerübergreifend mit 97 neuen Elektro- und 183 neuen Plug-in-Varianten. Das trage wesentlich zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie im globalen Wettbewerb bei.

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