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Vor allem die Insel Kos schwimmt derzeit auf der griechischen Erfolgswelle.

Touristik

Eitel Sonnenschein über der Schönwetter-Branche

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91 Milliarden Euro haben die Bundesbürger im vergangenen touristischen Jahr für ihre Urlaubsreisen ausgegeben – ein erneuter Rekord. Und schon jetzt ist klar: Dieses Jahr werden es noch mehr werden.

Der deutsche Urlauber ist ein anspruchsvolles Wesen, das am liebsten alles auf einmal hätte: Er sehnt sich nach Exotik – in verdaubarer Verpackung. Er wünscht sich Abenteuer – mit doppeltem Boden. Er will etwas erleben – aber nicht zu viel. Krisen, Kriege, Terrorismus sind in diesem Szenario des unbekümmerten Lebens so willkommen wie Dauerregen beim Strandurlaub. Es hat einfach nicht zu sein – zumindest nicht dort, wo man gerade ist. Da trifft es sich gut, dass es die hiesige Reisebranche meisterhaft versteht, mit Kapazitätsverlagerungen die Urlauberströme zu Sorglos-Destinationen umzuleiten. So mochte in der Türkei, in Ägypten und Tunesien auch jahrelang die Welt wanken – den Touristikern haben diese Krisen nicht viel anhaben können. Ihre Einnahmen sind Jahr für Jahr gestiegen.

Und so verwundert es kaum, dass nun – wo im östlichen Mittelmeer der politische Frühling erblüht – die Sonne breiter über der deutschen Schönwetter-Branche lacht denn je. Zumal in Deutschland noch nie so viele Menschen in Lohn und Brot standen, die Reallöhne gestiegen sind und die Bundesbürger angesichts historisch niedriger Zinsen bereit sind, weniger zu sparen und mehr auszugeben. So haben bis Ende Januar die Reisebuchungen für den Sommerurlaub um stolze 16 Prozent zugenommen, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Und weil die Preise insgesamt angezogen haben, sind dabei die Umsätze sogar um 18 Prozent gestiegen. Ein verheißungsvoller Wert mit Blick auf das laufene touristische Jahr, wenn man bedenkt, dass die Deutschen mit Blick auf Frühbucher-Rabatte mittlerweile rund ein Viertel ihrer Haupturlaube schon sechs oder mehr Monate im Voraus buchen und dabei der mit Abstand stärkste Monat der Januar ist.

„Im Moment läuft es richtig gut“, bestätigte gestern Norbert Fiebig, Präsident des Branchenverbandes DRV, der die Zahlen zusammen mit der Marktforschungsgesellschaft GfK in Frankfurt präsentierte. Und das heißt: Die Branche – die sich von großen Touristik-Konzernen wie TUI und Thomas Cook über eigenständige Flug- und Hotelgesellschaften und Reisebüros bis hin zu den reinen, Veranstalter-unabhängigen Online-Vertriebsportalen erstreckt – steuert dieses Jahr auf einen erneuten Umsatzrekord zu. Dabei rechnet der DRV-Präsident nach eigener Aussage für die Reiseveranstalter mindestens mit einem Umsatzplus im mittleren einstelligen Bereich.

Im vergangenen touristischen Jahr (Stichtag 31. September) hat die hiesige Gesamtbranche ihre langjährige Rekordserie mit einem ungewöhnlich starken Umsatzplus von 8,2 Prozent fortgesetzt – und so 64,7 Milliarden Euro eingenommen. Addiert man hinzu, was die reisenden Bundesbürger im Urlaubsland ausgegeben haben, waren es zusammen 91 Milliarden Euro – ein Anstieg um 5,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. So viel Geld haben die Deutschen noch nie in ihre schönsten Wochen des Jahres investiert.

Verbracht haben die meisten von ihnen diese Wochen wieder in Spanien, vor allem auf den Balearen: Die Zahl der Gäste aus Deutschland erreichte erstmals die Zehn-Millionen-Marke. „Dabei ging jeder vierte Umsatz-Euro, den die Deutschen für ihre Urlaubsreisen investierten, in spanische Zielgebiete“, wie Dörte Nordbeck von der GfK berichtete. Aber am stärksten legte Griechenland zu: 3,8 Millionen Bundesbürger begrüßte das krisengeschüttelte Land – ein Plus von 19,4 Prozent im Vergleich zum schon guten Vorjahr, als 14,2 Prozent mehr Bundesbürger Hellas bereist hatten. Dabei gaben die Deutschen laut DRV sogar 30 Prozent mehr Geld für ihren Griechenland-Urlaub aus, so dass sich das Land auf der hiesigen Beliebtheitsskala auf Platz zwei vorgeschoben hat. Kein anderes Land hat stärker von den politischen Krisen in der Türkei, Ägypten und Tunesien profitiert.

Zwar reisen die Bundesbürger inzwischen wieder verstärkt in die Türkei: Buchungs- und Umsatzzahlen haben sich laut Fiebig auch aufgrund der dort niedrigen Preise bis Ende Januar verdoppelt, im Vergleich zum Vorjahr; und auch Ägypten ist es gelungen, wieder aus der Rolle des touristischen Paria-Staates zu schlüpfen – das Land am Nil liegt laut DRV derzeit mit 64 Prozent im Plus. Aber beide Reiseländer liegen den Angaben nach noch weit unter ihren Vorkrisen-Niveaus.

Währenddessen ist Griechenland in der Gunst der deutschen Urlauber weiter gestiegen: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Buchungs- und Umsatzzahlen bis Ende Januar um fast 50 Prozent gestiegen. „Griechenland-Urlaube verzeichnen derzeit einen mehr als doppelt so hohen Umsatz wie die Türkei“, so Nordbeck, „früher war dieses Verhältnis genau umgekehrt.“ Derzeit sei Griechenland sogar beliebter als die Balearen, die kaum zulegten. Fiebig führte dies vor allem auf das bessere Preis-Leistungsverhältnis zurück. „Griechenland ist wirklich kein billiges Urlaubsland“, so der DRV-Präsident, „aber im Zuge der Türkei-Krise haben die Spanier die höhere Nachfrage für kräftige Preissteigerungen genutzt.“ Hinzu kommt, dass nach Ansicht vieler Spanier die Wanne – wie das Mittelmeer gerne genannt wird – voll ist. Auf Mallorca oder in Barcelona erlaubten die politisch Verantwortlichen bewusst keine zusätzlichen Hotelkapazitäten, nachdem der dortige Massentourismus zu Protesten der Einheimischen geführt habe, so Fiebig. Dort waren im Sommer vergangenen Jahres tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Auswüchse des Reisebooms zu protestieren: gegen Umweltprobleme, überfüllte Strände, Trinkwasserknappheit und teure Wohnungen. Die Branche hat sich für das Problem schon einen Fachbegriff ausgedacht: „Overtourism“ Ihr dämmert inzwischen, dass sie Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden droht. Deshalb steht das Thema auch auf der Agenda der Internationalen Tourismusbörse (ITB), die vom 7. bis zum 11. März in Berlin stattfindet.

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