Geldpolitik

EZB lässt Sparer zappeln

  • Panagiotis Koutoumanos
    VonPanagiotis Koutoumanos
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Europäische Notenbank nimmt lediglich etwas PEPP aus ihren Anleihen-Käufen

Frankfurt -Habenzinsen? Zumindest für junge Sparer dürfte der Begriff ein Fremdwort sein. Werfen doch Sparbuch, Tagesgeld, Festgeld und andere konservative Anlageformen seit rund fünf Jahren praktisch nichts mehr ab. Im Gegenteil: Inzwischen berechnen hierzulande fast 500 Banken ihren Kunden Strafzinsen, wenn deren Guthaben die 100 000- oder die 50 000-Euro-Grenze überschreiten. Die Folge: Seit Mai fällt die Durchschnittsverzinsung bei Girokonten und anderen Sichteinlagen negativ aus. Damit nicht genug, werden die Guthaben zusätzlich von der lange Zeit totgeglaubten, aber nun mit Macht zurückgekehrten Inflation entwertet: Im August ist die deutsche Teuerungsrate auf 3,9 Prozent geschnellt und damit auf den höchsten Stand seit Ende 1993. In der gesamten Eurozone ist die Inflationsrate auf 3,0 Prozent gestiegen. Damit liegt auch sie über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB), dass seit Anfang Juli bei glatt 2,0 Prozent liegt.

Wobei mit konservativen Anlagen derzeit auch zwei Prozent Rendite nicht zu erzielen sind: Die richtungsweisende zehnjährige Bundesanleihe liegt mit minus 0,33 Prozent im negativen Bereich; selbst die zehnjährigen italienischen und griechischen Staatsanleihen bringen viel weniger ein. Inzwischen ist der Anlage-Notstand so groß, dass sogar europäische Schrottanleihen mit einer Durchschnittsrendite von 2,34 Prozent unter der aktuellen Euro-Inflationsrate notieren - und somit real ebenfalls eine negative Rendite einbringen, wenn die Papiere bis zum Ende der Kaufzeit gehalten werden.

Höchste Zeit also für die EZB, die Inflationsgefahr ernstzunehmen und endlich den Einstieg in den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik einzuläuten, könnte man meinen. Das hieße für die Währungshüter: ihre Wertpapierkäufe im Rahmen des im März 2020 aufgelegten Pandemie-Notkaufprogramms PEPP deutlich zu reduzieren; bestätigen, dass PEPP planmäßig im März 2022 ausläuft, und ankündigen, dass das seit 2015 laufende, kleinere Wertpapier-Kaufprogramm APP im Gegenzug nicht aufgestockt wird; vielleicht sogar genauer darlegen, unter welchen Bedingungen auch APP eingestellt werden kann, so dass im Anschluss eine erste Zinserhöhung erfolgen könnte. Schließlich hält die EZB den Leitzins seit März 2016 auf dem Rekordtief von null Prozent. Und Geschäftsbanken müssen 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken.

"Die Lady steigt nicht aus!"

Nicht wenige Beobachter hatten gehofft, dass EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der gestrigen Sitzung des 25-köpfigen EZB-Rats einen solchen Exit-Plan grob skizzieren würde. Sie wurden enttäuscht: Wie Lagarde gestern Nachmittag bekanntgab, beschloss der EZB-Rat lediglich, die Anleihen-Käufe im Rahmen von PEPP "gegenüber den vorangegangenen beiden Quartalen moderat zu reduzieren" - als Reaktion auf die kräftige Erholung der Wirtschaft und des deutlichen Inflationsanstiegs in der Eurozone. Eine exakte Zahl nannte die EZB-Präsidentin nicht. Aber nachdem die Notenbank in den vergangenen Monaten jeweils zwischen 70 und 80 Milliarden Euro für den Erwerb von Wertpapieren ausgegeben hat, dürften es nun bis Jahresende zwischen 65 bis 70 Milliarden Euro pro Monat werden.

Das reicht nicht, um die Renditen etwa von Bundesanleihen spürbar nach oben zu bewegen. Was die EZB aber auch tunlichst vermeiden will, denn dann würden zugleich die Anleihen-Kurse deutlich sinken und die Finanzmärkte durcheinander gewirbelt. "Dies ist nur eine Nachjustierung", betonte Lagarde denn auch, um mit Blick auf den vieldiskutierten Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik hinzuzufügen: "Die Lady steigt nicht aus!"

Nach zwei Verlängerungen und Aufstockungen hat PEPP ein Volumen von 1,85 Billionen Euro. Davon sind rund 1,3 Billionen Euro investiert worden, vor allem für Staatsanleihen. Lagarde bekräftigte gestern, dass PEPP wie geplant "mindestens bis Ende März 2022" weiterlaufen werde und "in jedem Fall so lange, bis die Corona-Krise überstanden ist". Parallel zu PEPP kauft die EZB nach wie vor im Rahmen von APP jeden Monat Anleihen von 20 Milliarden Euro.

Hohe Inflation vorübergehend

Wie es nach dem März kommenden Jahres weitergehen soll, will die EZB nach Angaben von Lagarde erst bei ihrer übernächsten Sitzung im Dezember beschließen und verkünden. Dann soll eine Grundsatz-Entscheidung über die verschiedenen Kaufprogramme fallen.

Die Französin hat immer wieder betont, dass PEPP während der Corona-Pandemie günstige Finanzierungsbedingungen ermöglichen soll. "Aber selbst wenn dies im kommenden März sichergestellt sein sollte, wäre unser Job noch nicht erledigt", sagte Lagarde gestern. "Was uns auch nach PEPP antreiben wird, ist das Erreichen unseres Inflationsziels von 2,0 Prozent." Diese Marke ist in den vergangenen Monaten zwar deutlich überschritten worden - doch der EZB-Rat nimmt laut Lagarde immer noch an, dass die jüngste Teuerung nur ein vorübergehendes Phänomen ist, das schon Anfang kommenden Jahres verschwunden sein wird. Zumal sich diese Teuerung nicht in Form höherer Tariflohn-Abschlüsse niederschlage, so Lagarde.

Und die Notenbank sieht ihr Ziel der Geldwert-Stabilität nun mal erst erreicht, wenn sich die Inflationsrate auch "mittelfristig bei 2,0 Prozent stabilisiert". Davon ist die Eurozone gemäß der EZB-Prognosen allerdings noch weit entfernt - auch wenn die Volkswirte der Notenbank nun etwas optimistischer geworden sind. In ihre neuen Prognose haben sie ihre Inflationserwartungen angehoben: Für 2023 erwarten sie nun eine Teuerungsrate von 1,5 Prozent, nachdem sie im Juni 1,4 Prozent erwartet hatten. Und für 2022 rechnen sie mit 1,7 statt 1,5 Prozent. Im Dezember wird die EZB erstmals eine Prognose für das Jahr 2024 abgeben. Für den weiteren Verlauf ihrer Geldpolitik wird viel davon abhängen, ob der entsprechende Wert an der Zwei-Prozent-Marke kratzt.

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