Mit Lebensqualität gegen Konkurrenten Frankfurt punkten

Finanzplatz Paris macht sich schick

In die Bestürzung über den Brexit mischt sich in Frankreich auch die Hoffnung, dass der Standort Paris aufgewertet werden könnte – man rollt Bankern und Unternehmen den roten Teppich aus.

Von BIRGIT HOLZER

Es sollte wohl wie ein selbstbewusster Willkommensgruß klingen, doch viele warfen Valérie Pécresse Häme und allzu voreiligen Opportunismus vor. „Die Schlacht der Metropolen beginnt“, hatte die Präsidentin der französischen Hauptstadtregion Île-de-France unmittelbar nach dem Brexit-Votum der Briten erklärt. „Sagen wir allen, die in Europa bleiben wollen ,Welcome to Paris Region’.“ Nach einem Aufschrei der Empörung erklärte sich die konservative Politikerin zwar zur „überzeugten Europäerin“, die der Brexit schwer enttäuscht habe. Zugleich sei die Großregion Paris bereit, Investoren aufzunehmen, die „in die EU zurück wollen“.

Tatsächlich erscheinen die Reaktionen in Frankreich zwiespältig. Zwar ist das Land betroffen über den Ausstieg seines bislang fünftgrößten Handelspartners aus der EU. Pécresses politische Gegner weisen deren frühes Frohlocken denn auch scharf zurück. „Der Brexit ist eine Katastrophe für das Vereinigte Königreich wie für Frankreich. Man kann nicht sagen: schick, schick, wir nutzen den Moment“, erklärte der stellvertretende Bürgermeister Jean-Louis Missika, während die sozialistische Rathauschefin Anne Hidalgo demonstrativ an der Seite des Londoner Bürgermeisters Sadiq Khan auftrat: Statt Konkurrenzkampf setze sie auf „Solidarität und Austausch“, ließ Hidalgo wissen.

Tatsächlich rivalisiert aber Paris im Wettbewerb als attraktivste europäische Metropole seit jeher mit London. So erhofft es sich nun eine Stärkung seiner Position als Finanzplatz und vorteilhafter Sitz für Unternehmen. Die Stadt verweist auf ihre Vorzüge: hoch qualifizierte Finanzexperten, das Gewicht der Pariser Börse und der französischen Großbanken, neue Initiativen zur Förderung von Start-ups. Die Steuern und Abgaben sind zwar vergleichsweise hoch, ebenso die Immobilienpreise. Doch sie liegen deutlich unter jenen in London. So geht Laurent Demeure, Chef der Luxusimmobilienagentur Coldwell Banker France et Monaco, von einem „echten Boom“ aus. Gegenüber Standorten wie Frankfurt oder Dublin könne Paris außerdem mit seinem Geschäftsviertel La Défense, dem größten der EU, sowie der hohen Lebensqualität einer lebendigen Weltstadt punkten.

Auch politisch wird der Brexit auf zweierlei Weise bewertet. Einerseits als großer Verlust, der laut Präsident Hollande einem „Erdbeben“ gleichkomme – andererseits als Chance, Frankreichs Einfluss in Europa zu stärken. Verbreitet sei die Meinung, dass das Ausscheiden des Vereinigten Königreichs der EU einen neuen Kurs ermögliche, erläutert Claire Demesmay, Leiterin des Frankreich-Programms beim Think Tank Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e. V. (DGAP).

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