Marcus Engert von BuzzFeed News hat sich in der aufwändigen Recherche um die FinCen-Files mit den dubiose Geldquellen von Großbanken beschäftigt.
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Marcus Engert von BuzzFeed News hat sich in der aufwändigen Recherche um die FinCen-Files mit den dubiose Geldquellen von Großbanken beschäftigt.

Exklusive Recherche

Reporter zu Enthüllung der FinCEN-Files: „Ohne die Banken könnten Kriminelle ihre Geschäfte nicht machen“

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
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Banken verdienen mit an den dubiosen Geschäften von Oligarchen, Drogendealern und Terroristen - das hat nun ein Netzwerk um BuzzFeed News aufgedeckt. Im Interview berichtet Reporter Marcus Engert von der Recherche.

Internationale Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank, profitieren von den Geschäften Krimineller. So sollen sie verdächtige Überweisungen im Wert von mehr als zwei Billionen Dollar bewegt und sie teilweise gar nicht oder erst lange danach an die Behörden gemeldet haben. Das haben mehr als 400 Journalisten und Journalistinnen aus 88 Ländern 16 Monate lang ausgewertet: Die Enthüllung der „FinCEN-Files“. Beteiligt war auch das Deutschland-Büro von BuzzFeed News*, das zum Ippen-Digital-Netzwerk gehört. Wir haben mit Marcus Engert über die Recherche-Arbeit gesprochen.

Marcus, die sogenannten FinCEN-Files offenbaren große Lücken bei der Bekämpfung von Geldwäsche. Wie seid ihr an die Dokumente gekommen?

Wer uns die Unterlagen zugespielt hat, sagen wir natürlich nicht, das unterliegt dem Quellenschutz. Was wir offenlegen können ist, dass es sich um geheime Dokumente der US-Finanzbehörde handelt, die BuzzFeed News im Mai 2019 mit dem ICIJ und 108 weiteren Redaktionen geteilt hat. Seitdem arbeiten hunderte Journalisten an der ganzen Welt daran.

FinCEN-Files: Banken verdienen an dubiosen Geschäften mit - Reporter Engert: „Das ist zu krass, das schaffen wir nie alleine, uns da durchzuwühlen“

Wie ist Buzzfeed News dann vorgegangen?

Wir haben schnell gemerkt: Das ist zu krass, das schaffen wir nie alleine, uns da durchzuwühlen. Es geht hier wohlgemerkt um 22.000 Seiten. Also haben wir das Internationale Netzwerk investigativer Journalisten und Journalistinnen, das ICIJ, mit einbezogen. Das ICIJ hat etwa durch die Aufarbeitung der Panama Papers große Erfahrung mit so heiklen Recherchen und die technischen Ressourcen, damit umzugehen. Das ICIJ hat erst einmal geprüft, ob Journalist*innen diesen Datensatz überhaupt anfassen sollten, obwohl dessen Weitergabe nicht legal ist. Es geht hier schließlich um als geheim klassifizierte Dokumente, die zudem dem Bankgeheimnis unterliegen. Das ICIJ fand, wie wir auch, dass das öffentliche Interesse an den Vorgängen Vorrang hat. Mehr als 400 Journalisten aus 88 Ländern wurden dann in die Recherche involviert.

Wie können denn so viele Journalist*innen zusammenarbeiten?

Das ICIJ richtet online eine Plattform ein, dort liegen alle Dokumente. Man sollte sie nicht ausdrucken oder abspeichern – das gilt auch dem eigenen Schutz. Auf dieser Plattform gibt es viele Untergruppen, etwa eine, die sich mit illegalem Goldhandel beschäftigt oder eine andere mit Rüstungsgeschäften. Dort kann man dann Fragen loswerden, etwa: „Da taucht immer wieder der Namen einer Firma aus Saudi-Arabien auf. Kennt die jemand?“ Es ist eigentlich wie Facebook, nur eben alles gut verschlüsselt und abgesichert.

Konntet ihr euch denn auch externe Hilfe holen, etwa von ehemaligen Bankern, die sich mit Geldwäsche auskennen?

Es gibt ganz klare Regeln für die beteiligten Journalist*innen. Den überwiegenden Teil der Zeit durften wir mit absolut niemanden über die Dokumente sprechen. Man ist da auf sich alleine gestellt. Es ist ja auch problematisch, anderen Leuten geleakte Unterlagen vorzulegen – wir wollen niemanden in juristische Probleme bringen. In den letzten Wochen haben wir dann aber schon Expertengespräche geführt. Auch diese wurden in dem Online-Forum von den Journalisten geteilt. Die Banken haben wir natürlich auch mit unseren Erkenntnissen konfrontiert. Soweit ich weiß, hat aber kaum eine Bank inhaltlich ausführlich Stellung genommen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn oftmals dürfen sie es auch nicht, da die Unterlagen dem Bankgeheimnis unterliegen.

Gab es einen Moment, wo Dir mulmig zumute war bei der Recherche? Da geht es ja auch um Bankkunden, die in hochgradig kriminelle Machenschaften verstrickt sind.

Diese Dokumente lesen sich unglaublich kompliziert und langatmig. Von daher wirkt das, was da offen gelegt wird, oftmals überhaupt nicht real, sondern wie ein bürokratischer Akt. Ich habe mich nie gefährdet gefühlt. Aber in den vergangenen Wochen ist mir klar geworden, dass das für Journalisten und Journalistinnen in einigen anderen Ländern anders aussieht – dass sie vielleicht schon befürchten müssen, dass plötzlich die Polizei vor ihrer Tür steht. Denn kürzlich hat die US-Finanzbehörde in einer Mitteilung erklärt, dass sie gehört habe, das Journalist*innen eine Veröffentlichung vorbereiten, dass das illegal sei und sie den Vorgang daher an die Strafverfolgungsbehörden weitergegeben habe.

Wonach konkret hast Du bei Deiner Recherche gesucht? Man braucht ja ein Ziel, wenn man vor so einem Wust von Unterlagen sitzt, oder?

Für viele klingt die Beteiligung an so einer großen Recherche wahnsinnig aufregend. Leider ist es aber so: Der Großteil davon ist gar nicht aufregend. Man sitzt alleine an seinem Schreibtisch und quält sich durch diese bürokratischen Dokumente. Wir haben monatelang nur gelesen und Namen und Sachverhalte in Excel-Tabellen eingetragen, um Verbindungen zu finden. Das Rechercheziel war herauszufinden, wie das System abläuft. Also etwa: Wie formulieren die Banken die Verdachtsmeldungen auf Geldwäsche? Wie rechtfertigen sie, dass sie fragwürdige Überweisungen trotzdem durchführen? Es ging erst einmal um den Überblick. Ich denke, nach und nach werden da noch ganz andere Geschichten rauskommen – über spezielle kriminelle Kunden und deren Machenschaften zum Beispiel. Den Schwerpunkt der eigenen Recherche hat sich ohnehin jeder beteiligte Journalist selbst ausgesucht.

FinCen-Files: „Die Banken werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung hier oft nicht gerecht“

Was war für Dich die Haupterkenntnis Deiner Recherche?

Ich finde es wahnsinnig krass, dass in den Banken Menschen sitzen, die solche Verdachtsberichte schreiben – und durchaus wissen, dass sie hier Gelder durchwinken, mit denen etwa Waffen gekauft werden. Ich weiß aber auch, dass diese Banker oft wahnsinnig frustriert in ihrem Job sind. Sie stehen in den Geldhäusern unter großem Druck – denn die Banken wollen die Geschäfte machen und wollen, dass ihre Mitarbeiter in den Geldwäsche-Abteilungen nach Argumenten suchen, warum das auch geht. Auf der anderen Seite gibt es von den Ermittlungsbehörden nur selten Nachfragen zu den Verdachtsberichten, die verschwinden einfach im Nichts. Ohne die Banken könnten Kriminelle ihre Geschäfte nicht machen. Die Banken werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung hier oft nicht gerecht. (Das Interview führte Nina Luttmer)

*BuzzFeed News Deutschland ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks und berichtet weiter über Korruption und Machtmissbrauch. Wer die Reporter*innen erreichen möchte: recherche@buzzfeed.com

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