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Flüchtlinge und ihre verborgenen Fähigkeiten

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Von: Thomas Baumgartner

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Carola Burkert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Hessen.
Carola Burkert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Hessen. © Kay Nietfeld (dpa)

Kein Zeugnis und trotzdem Erfahrung im Beruf? Die Qualifikationen von Flüchtlingen offenzulegen ist eine Herausforderung.

Wie sieht es mit den beruflichen Qualifikationen von Flüchtlingen aus, die nach Deutschland gekommen sind? „Die Bildungs- und Qualifikationsstrukturen sind sehr heterogen, je nach Herkunftsland – es gibt Unterschiede zwischen Syrern und Afghanen“, sagt Carola Burkert, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Hessen. Das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (BA) hat in einer großangelegten Flüchtlingsbefragung die Schulbildung der volljährigen Asylbewerber untersucht – wobei sich herausstellte, das viele keinen Abschluss vorweisen können.

Burkert rät allerdings zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse. Schließlich seien viele der Betroffenen schon jahrelang unterwegs gewesen, über Zwischenstationen wie den Libanon oder die Türkei nach Deutschland gekommen – und eventuell noch nach langem Bürgerkrieg aufgebrochen, der schon zuvor den Schulunterricht beeinträchtigt habe: „Wir haben es also mit unterbrochenen Bildungsverläufen zu tun.“

Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld: Viele Flüchtlinge haben eine Schule besucht, können aber kein Abschlusszeugnis vorweisen. Oder sie haben direkt per „Training on the job“ berufliche Kenntnisse erworben, ohne das mit einer Ausbildungsbestätigung nachweisen zu können. Denn eine duale Berufsausbildung wie in Deutschland gibt es in den Herkunftsländern nicht – wer nicht an einer Hochschule studiert und abgeschlossen hat, den stuft der deutsche Berufsberater in der Regel als Ungelernten ein. „Die Herausforderung ist nun, Kompetenzen sichtbar zu machen.“ Mit einem neuen Test wollen BA und Bertelsmann-Stiftung „My Skills“ dabei helfen: In rund vier Stunden und für derzeit acht Berufe können Arbeitsuchende per Computer ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen, indem sie rund 120 berufsspezifische Fragen beantworten; 22 Berufe sollen bis Jahresende hinzukommen. Der Test kann nicht nur in Deutsch, sondern auch in Englisch, Russisch, Türkisch, Farsi und Arabisch absolviert werden.

Baustein-Verfahren

Allerdings gesteht IAB-Expertin Burkert zu, für viele Berufe (wie etwa Arzt oder Rechtsanwalt) sei ein formeller Qualifikationsnachweis zwingend notwendig. Zumindest müsse die Gleichwertigkeit der Ausbildung im Heimatland nachgewiesen werden. Anfangs hat die BA vor allem darauf gesetzt, erst Sprach- und dann Berufsqualifikation zu vermitteln, bevor der Einstieg in den Arbeitsmarkt folgte. Mittlerweile hat man diesen Einstieg erleichtert und setzt eher auf ein Baustein-Verfahren, wobei fehlende Kenntnisse nach und nach berufsbegleitend erworben werden. Burkert: „Man hat wirklich dazugelernt seit 2015. Es hat keinen Sinn, die Menschen Trockenübungen machen zu lassen.“ Ausreichende Deutschkenntnisse seien allerdings unerlässlich – selbst für Helfer-Jobs, da Flüchtlinge auch dort zum Beispiel Gefahrenhinweise verstehen müssten. Allein mit Englisch komme man nur in sehr wenigen Berufen weiter.

Trotz Sprachunterricht seien die Hürden für den Zugang zum Arbeitsmarkt nach wie vor erheblich, sagt auch eine Studie des Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität Berlin und des Institut für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Köln. Eine flexiblere Praxis der Anerkennung von formalen und informellen Qualifikationen würde Geflüchteten eher die Aufnahme von Arbeit erlauben. Prof. Johannes Giesecke: „Aktuelle migrationspolitische Entwicklungen wie Wohnsitzauflagen und die Verlängerung der Aufenthaltspflicht in Erstaufnahmeeinrichtungen sind kontraproduktiv, da Mobilitätsbeschränkungen den Zugang zu Arbeitsmärkten und Integration erschweren.“ Auch Geduldete und Menschen, die möglicherweise mittelfristig in ein anderes EU-Land abgeschoben werden, sollten Zugang zu Arbeitsmarkt oder Ausbildungsangeboten erhalten, fordern die Autoren der Studie.

Probleme bei Frauen

An der rechtlichen Situation habe sich allerdings schon viel verbessert, hebt IAB-Forscherin Burkert hervor – unter anderem seien vielfach die sogenannten Vorrangprüfungen abgeschafft worden, bei denen die BA bescheinigen muss, dass eine Stellenbesetzung mit einem Deutschen (oder EU-Ausländer) nicht möglich ist. Was ihr jedoch Sorgen mache, sei die Situation der geflüchteten Frauen – aus nicht-europäischen Ländern sind die Beschäftigungsquoten sehr niedrig. Zudem seien Helfer-Tätigkeiten zwar ein geeigneter Einstieg ins Berufsleben, wobei der aktuell extrem aufnahmefähige Arbeitsmarkt helfe. Es müsse aber darauf geachtet werden, dass es zu Weiterbildung und beruflichem Aufstieg komme, da ansonsten später Arbeitslosigkeit drohe. Und wichtig sei auch, dass die nachwachsende Generation – also die als Kinder nach Deutschland gekommenen Syrer, Iraker oder Afghanen – Schulabschlüsse erwerbe.

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