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Frankfurts Aufstieg zur Fintech-City

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Berlin ist mit Abstand Deutschlands wichtigster Standort für Unternehmensgründungen. Die neue Gründerlust im Land hat aber auch die Rhein-Main-Region erfasst. In Frankfurt entwickelt sich vor allem für sogenannte Fintechs ein einzigartiges Öko-System. Dass der Aufstieg an die deutsche Spitze derzeit nicht gelingt, liegt vor allem an einem Problem: Es mangelt an Kapital.

Frankfurt ist mittlerweile in die Liste der weltweit 50 besten Start-up-Regionen vorgerückt. Für Oliver Schwebel ist das ein großer Fortschritt auf dem Weg hin zu einer international anerkannten Start-up-City. Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Frankfurt hat auch Ideen, wie die Metropolregion den deutschen Platzhirschen Berlin bedrängen kann. Im Bereich der Fintechs, also den Jungunternehmen, die die Finanzwelt auf den Kopf stellen möchten, habe Frankfurt zuletzt große Fortschritte gemacht. „Wir versuchen, eine eigene Kultur für Start-ups zu schaffen“, sagte er gestern auf einer Podiumsdiskussion im Verlagshaus der „FAZ“.

Ein überdurchschnittliches Angebot an Bildungseinrichtungen, geeignete Büroflächen, potente Finanzierungspartner und ein Image prägendes Netzwerk-Klima seien nötig, um noch mehr Gründergeist an den Main zu locken. „Wir sind auf gutem Weg“, so Schwebel, „wir sind aber noch nicht am Ziel.“ Wie groß der Rückstand Frankfurts noch immer ist, zeigt eine Studie der Commerzbank-Tochter Comdirect. Danach bleibt die Hauptstadt unangefochtene Nummer 1 der deutschen Fintech-Standorte. Dahinter herrscht jedoch viel Bewegung. „Vor allem Frankfurt kann Boden gutmachen“, sagt Arno Walter, Vorstandschef von Comdirect. Mit 84 Fintechs liegt die Finanzmetropole bei der Anzahl der Finanz-Start-ups mittlerweile gleichauf mit München auf Platz zwei. Als erster Verfolger Berlins taucht Frankfurt auch bei den Gründungen auf: 61 an der Spree und 25 am Main.

Bei der Vergabe von Wagniskapital hingegen fällt Frankfurt deutlich zurück: In zwölf Finanzierungsrunden konnten die dortigen Fintechs gerade 25 Millionen Euro einsammeln. Damit liegt die Bankenmetropole beim Investitionsvolumen sogar hinter Düsseldorf auf Platz fünf. Berlin brilliert mit 664 Millionen Euro, die Investoren zur Verfügung gestellt haben. Es folgen Hamburg (213 Mio.) und München (159 Mio.). Auch öffentliche Förderprogramme konnten bislang keine Trendwende herbeiführen.

An Gründern und Netzwerken mangelt es in Rhein-Main nicht, bilanziert Andreas Lukic, Vorsitzender der Investorenvereinigung Business Angels Frankfurt Rhein-Main. Von Top-Standorten wie San Francisco, Silicon Valley, London, Tokio oder Singapur unterscheide sich Frankfurt in erster Linie durch einen nur spärlich fließenden Kapitalstrom. „Das muss nicht so bleiben“, ist Lukic überzeugt. Um Frankfurt im Konzert der wichtigsten Start-up-Regionen voranzubringen, dürfe nicht zu kleinkariert, zu national gedacht werden, mahnte er. Es sei vielmehr erforderlich, bundesweit „mit einer Stimme zu sprechen“ und für den „Gründerstandort Germany“ zu werben. In Sachen Marketing könnten die Deutschen viel vom kalifornischen Silicon Valley lernen. Das Rhein-Main-Gebiet habe 20 Jahre verschlafen. „Doch die Lage bessert sich“, betonte Lukic.

Standortfaktoren wie Infrastruktur, zentrale Lage, Hochgeschwindigkeitsnetze, Hochschulen wie die TU Darmstadt oder die Frankfurt School of Finance hätten Frankfurt im globalen Wettbewerb nach vorn gebracht. Darin waren die beiden Gründer Matthias Kramer vom Start-up „Lizza“, und Lars Reiner vom Fintech „Ginmon“ einig. Kramer wie Reiner monierten jedoch die Zurückhaltung deutscher Geldgeber. In London herrsche ein anderes Klima. Da werde Risiko anders definiert und davon profitierten junge Unternehmen in besonderem Maß. Denn klar ist für Reiner: „Groß werden am Ende nur die, die auch das große Geld bekommen.“ Mit angezogener Handbremse Risikokapital zu vergeben, wie es in Deutschland üblich sei, hätte einem heute milliardenschweren Internet-Konzern wie Snapchat erst gar keine Chance zum Wachsen gegeben, so Reiner.

An geeigneten Flächen für Büros, Lager- oder Produktionshallen herrsche in Frankfurt kein Mangel. Allerdings müssten Immobilienbesitzer auf die sich ändernden Arbeitsweisen stärker eingehen und kleinere, flexiblere Bürobereiche schaffen, forderte auch Schwebel. Erste Ansätze seien zu erkennen. In etlichen neuen Hochhäusern am Main würden sogenannte „Co-working-Büros“ geplant, die für junge Unternehmen und flexible Unternehmer meist für kurze Zeiten angemietet werden. Der Markt reagiert langsam, aber er reagiert.

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