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In Lörzweiler kippt Marcel Fritz vom Weingut Wolf einen Eimer frisch gelesene Solaris-Trauben in den Maischewagen.

Landwirtschaft

Das ist die früheste Weinlese aller Zeiten

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Es ist die früheste Weinlese aller Zeiten: Gestern fiel der offizielle Startschuss für die Lese der frühen Trauben, schon nächste Woche wird es den ersten deutschen Federweißen geben. Und die Aussichten sind hervorragend: 2018 könnte ein Ausnahmejahrgang werden.

Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel, das Thermometer in Lörzweiler nähert sich der 30 Grad-Marke – und im Weinberg erntet Mathias Wolf die ersten Weintrauben. „Mr. Wolf“ ist nicht nur ein Mainzer Hofsänger, sondern betreibt auch in dritter Generation ein kleines Weingut im rheinhessischen Lörzweiler. „Ich habe nie erlebt, dass man am ersten Augustwochenende Trauben erntet“, sagt der 52-Jährige. Es ist der 6. August, und in den Weinanbaugebieten hat die Ernte der ersten Federweißer-Trauben begonnen.

„Wir haben die früheste Weinlese aller Zeiten“, bestätigt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut. 2014, 2011 und 2007 waren ebenfalls frühe Jahre, bislang war das früheste Startdatum der Weinlese aber der 8. August. Der 6. August sei „außergewöhnlich früh“ und keineswegs ein PR-Gag, betont Büscher: Die Zuckerkonzentration in den Trauben sei schon so hoch, „dass so früh gelesen wird, ist keine Show, sondern notwendig.“

90 Grad Oechsle haben die Solaris-Trauben bei Winzer Wolf an diesem Morgen bereits – im Durchschnitt. Bis über 100 Grad Zuckerkonzentration misst der Winzer an diesem Morgen, das sind Auslese-Werte. Süß, frisch und süffig ist der Saft, der anschließend im Weingut aus der Presse quillt und üppig die Saftwanne füllt. Fast 900 Liter Ertrag aus vier Rebzeilen, da staunt selbst Mr. Wolf: „Alles richtig gemacht“, sagt er glücklich.

Während Landwirte vor allem im Norden und Osten der Republik unter Hitze und Dürre stöhnen und Milchviehhaltern das Futter knapp wird, gibt es bei den Winzern im Westen der Republik strahlende Mienen. „Wir sind mit dem Stand sehr zufrieden“, sagt der rheinhessische Weinbaupräsident Ingo Steitz. Die Trauben seien kerngesund, und weil kein Regen fiel, gebe es bislang weder Fäulnis noch die gefürchtete Kirschessig-Fliege. Mit dem geringen Niederschlag kamen die Reben zumeist Dank ihrer langen Wurzeln auch gut klar. „Das Jahr 2018 wird als Ausnahmejahr in die Annalen eingehen“, ist sich Steitz schon jetzt sicher.

Die Grundlage dafür legte „der wärmste April seit Beginn der Wetteraufzeichnung“, wie Büscher erklärt, gefolgt von einer frühen Rebblüte Anfang Mai. „Wir liegen ähnlich wie 2003“, sagt Büscher mit Blick auf den Jahrhundertsommer. Auch damals sprachen die Winzer vom Jahrhundertjahrgang, doch in den Kellern folgte die große Ernüchterung. Den Trauben fehlte die Säure, den Weinen anschließend die Stabilität und die Ausgewogenheit im Geschmack. „Wir haben aus 2003 gelernt“, betont Winzer Wolf, man achte jetzt viel mehr auf die Säure – und ernte die Trauben eben früher. „Die Säuremessung wird in diesem Jahr wichtiger als die Mostgewichte“, sagt auch Steitz. Die Aussichten sind gut: Messungen zeigten, dass der Säuregehalt in den Trauben noch höher sei als 2003, sagt Büscher.

Kühlere Temperaturen, vor allem kühle Nächte, verbunden mit ein bisschen Regen, das wäre deshalb jetzt die Traumvorstellung der Winzer. Eine gute Erntemenge im Durchschnitt der 8,8 Millionen Hektoliter wäre ein weiterer Wunsch – durch die Miniernte 2017 mit gerade einmal 7,5 Millionen Hektoliter seien „die Keller gut geräumt“, sagt Büscher. Die Federweißer-Lese werde nun wohl nahtlos in die Hauptlese übergehen, und das noch im August.

„Klar ist das Klimawandel“, sagt Steitz, doch ein heißer Sommer lasse die Winzer nicht gleich zu anderen Rebsorten greifen. Südliche Sorten wie Merlot oder Syrah werden bislang nur auf einem Prozent der bundesdeutschen Rebflächen angebaut – beim Spätburgunder hingegen ist Deutschland der drittgrößte Produzent weltweit. „Es gibt noch kein Temperaturmaximum für Weißweine“, sagt Büscher, allerdings würden wegen der steigenden Temperaturen auch wieder höhere Randlagen oder Seitentäler interessant.

Mr. Wolf freut sich nun erst einmal darauf, dass er mit seinem frühen Federweißer endlich den italienischen Kollegen Paroli bieten kann. Bislang machten den Start in die Saison die südlichen Produzenten unter sich aus. Von den rund zehn bis elf Millionen Litern Federweißer, die jedes Jahr über den Handel vertrieben werden, stammte bislang nur rund die Hälfte von deutschen Winzern. Die frühe Lese sei „ein Marktvorteil“, freut sich Wolf, „sobald es unter 30 Grad werden, ist die Nachfrage da.

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