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Ausbildungsplätze für Flüchtlinge bei Stitch by Stitch in Frankfurt: Esraa Ali (2. von r.) und Mansoureh Kazimi (r.) mit Kolleginnen an der Nähmaschine.

Integration von Flüchtlingen in den hessischen Arbeitsmarkt

Fünf Jahre für den halben Weg

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Auf schnelle Erfolge bei der Eingliederung syrischer oder afghanischer Flüchtlinge in Hessens Arbeitsmarkt sollte niemand hoffen. Die Aufgabe wird Jahre dauern.

Esraa Ali (21) hatte in Syrien Design studiert, Mansoureh Kazimi (25) in Afghanistan in der Schneiderwerkstatt ihrer Familie gearbeitet. Beide kamen als Flüchtlinge nach Hessen, machten zunächst einen Sprachkurs – und haben nun Ausbildungsplätze zur Damen-Maßschneiderin bei der Firma Stitch by Stitch im Frankfurter Nordend gefunden. Die Arbeit mache Spaß, allerdings wünschen sie sich in der Berufsschule manchmal etwas mehr Zeit, vor allem bei Prüfungen. Gegründet haben das – auch über Crowdfunding finanzierte – Unternehmen, das mit noch drei weiteren Schneiderinnen in Kleinserie für lokale Modelabels produziert, die Maßschneiderin und Mode-Designerin Claudia Frick und die Kommunikations-Designerin Nicole von Alvensleben.

„Die Frauen bringen häufig wertvolle traditionelle Techniken mit, haben das Nähen in der Familie gelernt. Bei uns können sie arbeiten und gleichzeitig einen anerkannten Ausbildungsabschluss erwerben“, sagt von Alvensleben. Die Nachfrage nach den Produkten „made in Germany“ sei riesig, es gebe bereits mehr als 80 Anfragen potenzieller Kunden. Frick: „Wir sind wie eine kleine Familie geworden.“ Bei der Zusammenarbeit habe sich gezeigt, dass man zu Beginn keine allzu großen Sprachkenntnisse verlangen müsse. Von Alvensleben fordert: „Nun muss die Politik auch nachziehen – wer eine Ausbildung macht, darf nicht abgeschoben werden.“ Als Nächstes planen die beiden, auch Männern eine Chance zu geben.

Rund 122 000 Flüchtlinge sind in den Jahren 2014 bis 2016 nach Hessen gekommen – und immer mehr von ihnen drängen nach Anerkennung als Asylbewerber und Sprachkurs mittlerweile auf den Arbeitsmarkt. 43 000 dürften kurz- bis mittelfristig für eine Erwerbstätigkeit in Betracht kommen, schätzt Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Bei den Bemühungen zur Integration in Arbeit lege die Wirtschaft in Hessen ein „weit, weit höheres Tempo“ vor als in allen anderen Bundesländern, sagt Martin. Dennoch liege vor den Beteiligten ein langer Weg: „Schnelle Lösungen sind wünschenswert, aber nur in Einzelfällen zu realisieren. Wir werden schätzungsweise fünf Jahre brauchen, um die Hälfte dieser Menschen am Arbeitsmarkt unterzubringen.“ Bei den übrigen – die zum Teil erst einmal eine Schule besuchen – könne es auch erheblich länger dauern, meint Martin.

Die Herausforderung sei, die im Schnitt sehr jungen Syrer, Afghanen oder Eritreer in eine Ausbildung zu bringen, obwohl viele lieber sofort in Helfertätigkeiten Geld verdienen möchten – was aber mit einem hohen Risiko späterer Arbeitslosigkeit verbunden ist.

Dabei haben nach bisherigen Erfahrungen nur rund acht Prozent eine akademische oder berufliche Ausbildung vorzuweisen. Nun werden Praktikumsplätze knapp: Im Sommer vergangenen Jahres habe man für 250 Flüchtlinge leicht Plätze gefunden – dieses Jahr werden aber 2000 bis 3000 benötigt.

Aktuell beziffert die BA die Zahl der arbeitsuchenden Flüchtlinge in Hessen auf gut 30 000, von denen im März knapp 12 800 als Arbeitslose gemeldet waren. Die Zahl derjenigen, die bereits einen Job gefunden haben, könne man nur grob anhand der Herkunftsländer schätzen, sagt Martin. Er gehe davon aus, dass jedes Quartal rund 800 Flüchtlinge eine Stelle finden.

Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände (VhU), Dirk Pollert, vergleicht die Aufgabe mit einem Marathonlauf: „Bei einer Strecke von 43 Kilometern sind wir also gerade mal bei Kilometer 8 angelangt.“ Vor allem im Handwerk bleiben aktuell Lehrstellen frei: „Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus einem Bewerberrückgang auch für Großunternehmen ein Besetzungsproblem wird.“

Allerdings sei das deutsche System der dualen Ausbildung in den Heimatländern der Flüchtlinge völlig unbekannt, Verständnis dafür müsse erst geweckt werden, sagt Pollert: „Was die Wirtschaft im Angesicht des Fachkräftemangels forderte, war die gesteuerte Zuwanderung von gut ausgebildeten Fachkräften. Was wir bekommen haben, war eine politisch gewollte ungesteuerte Zuwanderung von Flüchtlingen, die die üblichen Arbeitsmarktkriterien in den seltensten Fällen erfüllen; in den meisten Fällen fehlen Sprachkenntnisse.“ Dennoch habe die hessische Wirtschaft das Beste aus dieser Situation gemacht – beispielsweise mit dem Landesprojekt „Wirtschaft integriert“ (vom Hessischen Wirtschaftsministerium und dem Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft koordiniert), mit den von der VhU angebotenen Integrations-Camps der Wirtschaft, den zwei „Willkommenslotsen“ oder der Gemeinschaftsinitiative „Berufliche Integration von Flüchtlingen in Frankfurt (BIFF)“.

Solche Initiativen können auch den beteiligten Firmen mehr Flexibilität beibringen – und sie zum Beispiel ermutigen, es häufiger mal mit einem Bewerber zu probieren, der die Anforderungen nicht vollständig erfüllt.

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