Interview mit Wirtschaftshistoriker Plumpe

Gold glänzt nicht mehr

  • Dieter Hintermeier
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Obwohl der Goldpreis aufgrund weltweiter wirtschaftlicher Turbulenzen wieder steigt und sich Analysten mit positiven Prognosen überbieten, sind die goldigen Zeiten wohl vorbei. Das Edelmetall ist zu einem spekulativen Rohstoff geworden, der nicht mehr der „sichere Hafen“ ist, der er vor langer Zeit einmal war. Warum das so ist, erklärt der Wirtschaftshistoriker, Werner Plumpe, im Gespräch mit dieser Zeitung.

China-Krise, die Aktienmärkte und der Ölpreis auf Talfahrt und mit den Zinsen ist auch kein Staat mehr zu machen. Ist Gold in solchen Situationen wieder „der sichere Hafen“ für alle Zeitgenossen, die Sicherheit schätzen?

WERNER PLUMPE: Ein sicherer Hafen ist es nicht; eher derzeit eine Alternative, weil die Börsen unter dem niedrigen Ölpreis und den Turbulenzen in China sowie der konjunkturellen Abkühlung leiden und Zinsen nicht zu bekommen sind. Wie lange der aktuelle Trend anhält, ist nicht zu prognostizieren. Außerdem ist Gold selbst Gegenstand spekulativen Handelns und hat den Status als Münzmetall verloren. Zudem bringt es anders als Aktien oder früher Anleihen keinen Ertrag. Man kann es physisch unter das Kopfkissen legen, ist den Preisschwankungen aber trotzdem ausgeliefert.

Gold hat in den letzten Jahre viel an Wert verloren ...

PLUMPE: ... Ja, die starken Verluste beim Gold in den letzten Jahren zeigen, dass Gold keineswegs sicher, sondern, wie gesagt, ein spekulativer Rohstoff ist. Historisch hatte Gold die Aura der Sicherheit, weil es das Münzmetall schlechthin war. Und es besitzt in der Mythologie und im Schmuck, also symbolisch, einen großen Wert, der mit seiner Stofflichkeit zusammenhängt.

Was macht denn nun die besondere Faszination des Goldes aus?

PLUMPE: Nun ja, es wirkt dauerhaft, beständig, es schmückt und es wird in der Regel mit Schönheit, Reichtum und Festlichkeit assoziiert.

Das sind ja schöne Aussichten. Seit wann steht denn Gold so im Fokus der Menschen?

PLUMPE: Das tut es immer, nur nicht immer positiv. Bis 2011 gab es einen langen Aufwärtstrend, dann einen Rückgang, Stagnation, seit 2012 dann einen dauerhaften Kursrückgang. Zwischen 2011 und 2015 hat sich der Goldpreis fast halbiert, nun steigt er gerade wieder.

Ist Gold eigentlich immer noch das universale Zahlungsmittel schlechthin?

PLUMPE: Nein, heute nicht mehr. Als Zahlungsmittel spielt Gold keine Rolle mehr. Bis zum Ersten Weltkrieg 1914 war es das im Rahmen des Goldstandards unstrittig, zumindest in den großen Industrieländern. Und bis 1973, bis zum Ende der Währungsparitäten von Bretton Woods, waren die großen Währungen an den Dollar und dieser wiederum an das Gold gekoppelt. Doch seither spielt das Gold keine Rolle mehr. Unser Geld ist elektronisch und hängt allein vom Vertrauen der Nutzer ab.

Welche Blütezeiten hatte das Edelmetall?

PLUMPE: Historisch war Gold immer knapp, zumindest in Europa war Silber aufgrund eigener Funde und dann des Zustromes aus Lateinamerika verbreiteter. Erst Goldfunde des 17. Jahrhunderts machten es als Münzmetall attraktiv. Die Tatsache, dass England früh zum Goldstandard überging, das wirtschaftlich am meisten entwickelte Land, führte dazu, dass sich im 19. Jahrhundert immer mehr Länder dem anschlossen, zumal die Goldfunde in Kalifornien in den 1840er Jahren und später in Alaska, Südafrika und Russland die Goldknappheit milderten. Die jeweiligen „Goldräusche“ sind ja bis heute legendär. Das alles ist vorbei. Heute gibt es „normale“ Schwankungen, aber das Gold ist schwerlich noch der Stoff, aus dem die Träume sind.

Wurde dem Gold auch eine Philosophie wie dem Geld angedichtet?

PLUMPE: Von der Ästhetik abgesehen, ist Gold als universales Zahlungsmittel so wertvoll geworden. Mit Gold kann man zumindest das, was käuflich ist, erwerben. Es gibt zwar keine Philosophie des Goldes, aber dem sehr nahekommend eine Philosophie des Geldes von Georg Simmel, die genau dessen magische Eigenschaften benennt, nämlich Tauschmittel zu sein und Maßstab, dem sich alles unterordnet.

Von der Philosophie des Goldes zur pragmatischen Politik. Gab es politische Ereignisse, bei denen Gold eine wichtige Rolle spielte?

PLUMPE: Solange der Goldstandard herrschte, konnte mit Gold in der Tat Politik gemacht werden, doch ist es seither damit vorbei. In der Phase des Merkantilismus identifizierte die Politik den Reichtum eines Landes mit seinem Gold- und Silbervorrat, später entschied dieser Vorrat über die internationale Zahlungsfähigkeit und die eigene Geld- und Wirtschaftspolitik. Ohne Gold ging da wenig, und von daher musste die Politik ein Interesse daran haben, Goldvorräte anzusammeln. Das ist heute vorbei; Griechenland etwa wird von der EZB ohne ein Körnchen Gold zahlungsfähig gehalten: Das elektronische Gelddrucken genügt.

Welche bekannten Staatsmänner haben denn auf Gold gesetzt?

PLUMPE: Würden Sie Politikern empfehlen, auf Gold zu setzen? Nach 1918 etwa hat Winston Churchill mit allen Mitteln versucht, den Goldstandard der Vorkriegszeit wiederherzustellen, damit England seine alte Rolle als Weltfinanzzentrum zurückgewinnen kann. Das hat nicht funktioniert, sondern mit zur Weltwirtschaftskrise von 1929 beigetragen. Heute ist sich die Forschung relativ sicher: Gold und Goldwährungen funktionieren nur unter günstigen Bedingungen; ansonsten können sie zu einer schweren Last werden. Großbritannien jedenfalls hat Churchills Politik kein Glück gebracht. Heute ist eine Goldwährung schon rein mengenmäßig unvorstellbar.

Hat die Geldpresse über das Gold gesiegt?

PLUMPE: Gold war das klassische Zahlungsmittel, dessen Vorteil darin lag, dass es die Geldmenge effektiv auf den vorhandenen Goldvorrat begrenzte. Das disziplinierte die Staaten, nahm ihnen aber auch Handlungsmöglichkeiten. 1914 wurde er suspendiert, da einfach nicht genug Gold da war, um den Krieg zu finanzieren. Das Papiergeld hat das getan, mit desaströsen Folgen, die in Deutschland zur Hyperinflation und damit zur Enteignung der Menschen geführt haben. Heute ist ja wieder die Tendenz vorhanden, die Geldpresse in Gang zu setzen, um Probleme zu lösen. Solange die Geldmenge knapp gehalten wird, kann das gehen, doch droht immer das Gespenst der Inflation. Kurz gesagt: Gold diszipliniert, doch welcher Politiker will sich schon gern disziplinieren lassen?

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