Interview

Messechef Jörgen Golz sieht Frankfurt wieder international aufgestellt

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Mit dem Chef der Frankfurter Kunstmesse „Discovery Art Fair“, Jörgen Golz, sprach unser Reporter Dieter Hintermeier über erschwingliche Bilder, reiche und arme Künstler und das Comeback Frankfurts auf dem Kunstmarkt.

Herr Golz, nach elf Jahren gab es mit der Discovery Art Fair wieder eine Kunstmesse. Was ist Ihr Fazit?

JÖRGEN GOLZ: Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen. Über 10 000 Besucher haben die Messe besucht. Damit steht fest, dass die Messe wieder im nächsten Jahr stattfindet. Frankfurt, mit seiner lebendigen Kunstszene, hat nun endlich wieder eine zeitgenössische Kunstmesse, und die Stadt ist auf dem internationalen Kunstparkett wieder da.

Wie wertvoll ist denn der internationale Kunstmarkt?

GOLZ: Der weltweite Kunstmarkt hat im vergangenen Jahr rund 64 Milliarden Euro umgesetzt. In Deutschland waren es lediglich knapp 2,2 Milliarden Euro. An diesen Zahlen erkennt man, dass der deutsche Markt nicht so eine große Rolle spielt. Übrigens werden 80 Prozent des Kunstumsatzes nicht in dem hochpreisigen Segment erwartet.

Aber in den Medien tauchen immer wieder die spektakulären Verkäufe auf, bei denen Hunderte Millionen von Euro den Besitzer für ein Kunstwerk wechseln. Wie tickt der Markt?

GOLZ: In Asien und den arabischen Ländern gibt es derzeit ein sehr großes Interesse an westlicher Kunst. Geld, um immense Summen für Bilder auszugeben, ist genug da. Das wird schon daran deutlich, dass es im Jahr 2001 „nur“ 497 Milliardäre auf der Welt gab, mittlerweile sind es über 2200. Ich gehe davon aus, dass sich die Zahl der Millionäre ähnlich entwickelt hat. Hieraus speist sich dieser Markt für Kunst.

Was versprechen sich reiche Menschen von dem Kauf teurer Kunstwerke?

GOLZ: Die wollen sich offenbar abheben von anderen „Reichen“. Sie haben vielleicht schon alles: Zum Beispiel eine Millionenvilla, teure Autos und eine Super-Yacht. Da bleibt nicht mehr viel übrig, um sich abzugrenzen. Und an dieser Stelle macht sich das Werk eines Säulenheiligen der Kunst im Wohnzimmer schon gut. Für mich ist dieser Markt aber ein abgehobene Blase, der ein Luxusbedürfnis bedient.

Wie viele Künstler „arbeiten“ denn für diesen Hochpreismarkt?

GOLZ: Weltweit sind es 100 Künstler, die diesen Markt bedienen. Darüber hinaus dürfte es noch 2000 Künstler geben, die von ihrer Arbeit sehr gut leben können. Das Gros der Künstler kann aber von der künstlerischen Arbeit vermutlich nicht leben, sondern muss noch einer anderen Beschäftigung nachgehen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Was braucht es denn für „Zutaten“, damit ein Kunstwerk im Wert steigt?

GOLZ: Bei den hochpreisigen Kunstwerken gibt es meiner Meinung nach eine „Verabredung einer Gruppe“, dass der Preis für ein bestimmtes Werk stabil bleibt. Um diesen Preis abzusichern, gibt es notfalls auch Stützkäufe bei Versteigerungen. Eine Korrelation zwischen Preis und Qualität eines Kunstwerkes gibt es nicht. Die Begehrlichkeit der Nachfrager und die Knappheit machen das Produkt teuer.

Aber wer sind die Protagonisten, die das Kunstwerk in diesen „Rang“ befördern?

GOLZ: Das ist natürlich erst einmal der Künstler, darüber hinaus ein Journalist, der über das Werk des Künstlers berichtet, ein Galerist, der den Künstler und seine Werke vermarktet, und ein Museumsdirektor, der den Künstler mit einer Ausstellung adelt.

Und wer sind nun die Verlierer in einem solchen Markt?

GOLZ: Das sind zu allererst die Museen, diese können sich wegen ihres geringen Etats teure Künstler nicht leisten. Diese sind bei ihren Ausstellungen auf Gelder von Stiftungen und Leihgaben angewiesen. Kunstmäzene könnten hier Positives bewirken, wenn sie ihre Sammlung einem Museum zur Verfügung stellen. Der Mäzen hätte hier den Vorteil, dass seine Werke im Preis steigen, und für das Thema „Versicherung“ wäre dann das Museum oder eine Kommune verantwortlich.

Wie sieht es bei den Künstlern aus?

GOLZ: Die „normalen“ Künstler gehören auch zu den Verlierern, denn das Geld, das für hochpreisige Werke ausgegeben wird, landet nicht mehr bei ihnen.

Und die Galerien?

GOLZ: Kleine und mittelständische Galerien haben es immer schwerer, zu überleben. Das liegt auch an den horrenden Ladenmieten die mittlerweile in den Innenstädten aufgerufen werden. Die Folge: Der Mittelstand bei den Galerien schrumpft immer mehr. Und die wenigen Blue-Chip-Galerien möchten am liebsten unter sich bleiben.

Was macht den Galerien noch zu schaffen?

GOLZ: Die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 7 auf 19 Prozent unter dem damaligen Finanzminister Wolfgang Schäuble. Das hat viel zum Galeriesterben in Deutschland beigetragen.

Aber mit dem Internet verfügen die Künstler jetzt auch über ein Instrument für die Selbstvermarktung . . .

GOLZ: Das stimmt. Hinzu kommt, dass die heutigen Künstler einiges von Marketing verstehen und sich so auch selbst vermarkten können, ohne zwingend die Hilfe einer Galerie in Anspruch zu nehmen. Die Selbstvermarktung kostet aber auch Zeit, die dem Künstler dann für die Produktion fehlt.

Lassen Sie uns zum Schluss die Frage klären, was ein kunstinteressierter Zeitgenosse für ein Kunstwerk mit Perspektive ausgeben muss?

GOLZ: Hier dürfte eine Edition wohl am günstigsten zu erwerben sein. Die ist natürlich nicht so wertvoll wie ein Unikat. Um aber ein Kunstwerk mit Perspektive zu erwerben, sollte man mindestens 2000 Euro investieren. Besser aber noch zwischen 4000 und 6000 Euro. Bei diesen Preisen ist davon auszugehen, dass der Künstler vom Verkauf seiner Werke leben und sein künstlerisches Schaffen nachhaltig weiterentwickeln kann.

Rubriklistenbild: © Discovery Art Fair

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