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Ein Flüchtling aus Eritrea arbeitet in Frankfurt am Schraubstock.

Job-Boom übertrifft alle Erwartungen

Viele rechneten mit einem anhaltenden Job-Aufschwung – dass sich 2017 aber zu einem Top-Arbeitsmarktjahr entwickeln würde, erwartete kaum ein Experte. Selbst für die Bundesagentur für Arbeit ist indes klar: Ein solcher Boom dürfte sich vorerst nicht wiederholen.

Mit einer historisch niedrigen Arbeitslosigkeit ist 2017 selbst der Job-Boom der beiden Vorjahre noch übertrumpft worden. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren 2017 im Jahresschnitt 2,553 Millionen Männer und Frauen bundesweit ohne Arbeit, dies sind 158 000 weniger als im Jahr davor. Damit sank die durchschnittliche Jahresarbeitslosigkeit im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Wert seit der deutschen Wiedervereinigung: Die Arbeitslosenquote lag 2017 bei 5,7 Prozent – und damit um 0,4 Prozentpunkte niedriger als im Jahr davor.

Der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, zeigte sich mit der Entwicklung zufrieden: „Das ist aus unserer Sicht außerordentlich bemerkenswert“, sagte er. Schließlich habe der Arbeitsmarkt im Vorjahr in größerem Umfang arbeitslose Flüchtlinge zu verkraften gehabt. Für 2018 rechnet er dagegen mit einer Abkühlung des Booms. Die Zahl der Arbeitslosen werde zwar erneut sinken - voraussichtlich aber nur noch um 60 000. „Arbeitssuchende Flüchtlinge werden die Entwicklung etwas dämpfen“, prognostizierte Scheele.

Als seine Hauptaufgabe für 2018 sieht Scheele es an, „die rund 600 000 entstehenden Arbeitsplätze zeitnah zu besetzen“. Zudem werde man dafür sorgen müssen, dass auch benachteiligte Gruppen am Arbeitsmarkt beteiligt werden. Dazu gehöre, nicht nur mehr Frauen für das Arbeitsleben und EU-Zuwanderer für den deutschen Arbeitsmarkt zu gewinnen, sondern auch Langzeitarbeitslose unterzubringen. „Über dem Jahr 2018 wird aus meiner Sicht stehen: Gute Besetzung der zusätzlichen Arbeitsplätze – unter Beachtung jener Menschen, die es etwas schwerer haben,“ sagt Scheele.

Der BA-Chef ist zuversichtlich, die Zahl der Langzeitarbeitslosen 2018 weiter kräftig drücken zu können. „Wir sind ja seit einigen Monaten bei weniger als 900 000 Langzeitarbeitslosen. Es wäre schon schön, wenn wir im Laufe des Jahres auf unter 800 000 kämen“, sagte er. Im Dezember waren bei der Bundesagentur 852 000 Männer und Frauen registriert, die länger als ein Jahr arbeitslos waren. Dies waren 84 000 weniger als vor einem Jahr. Über viele Jahre hinweg hatte die Zahl der Langzeitarbeitslosen bei rund einer Million verharrt.

Insgesamt waren im Dezember 2,385 Millionen Männer und Frauen ohne Arbeit. Das waren zwar wetterungsbedingt 17 000 mehr als im November, aber 183 000 weniger als im Jahr davor. Der Dezember-Anstieg fiel damit ungewöhnlich moderat aus. Dadurch verharrte zum Jahresende die Quote bei 5,3 Prozent. Ohne die jahreszeitlichen Effekte – die in Außenberufen übliche Winterarbeitslosigkeit – wäre die Zahl der Erwerbslosen gar um 29 000 gesunken, gab Scheele zu bedenken. Rechnet man allerdings auch jene Arbeitslosen hinzu, die am Jahresende 2017 Trainingskurse und Fortbildungen absolvierten, lag die Zahl der Jobsucher um gut 100 000 höher bei 3,377 Millionen.

Trotz der guten Arbeitsmarktlage mahnen Politik und Arbeitgeber Reformen an, um das Ziel Vollbeschäftigung zu erreichen. „Zentrale Aufgabe und Herausforderung für das neue Jahr bleibt das Thema Qualifizierung, insbesondere von Personen ohne Berufsabschluss“, sagte der Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Thorben Albrecht. „Denn eines zeigen die Zahlen des zurückliegenden Jahres ebenfalls deutlich: Je geringer die Qualifikation, desto höher das Risiko, in Arbeitslosigkeit zu fallen.“ Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) forderte angesichts von Globalisierung und Digitalisierung mehr Flexibilität. „Unternehmen und Beschäftigte wollen und sollen die Möglichkeit haben, die vereinbarte Arbeitszeit flexibler über die Woche zu verteilen“, appellierte BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter an Union und SPD, die derzeit die Bildung einer neue Koalition ausloten.

Leicht entspannt hat sich im Dezember die Situation bei der Flüchtlingsarbeitslosigkeit. Der seit zwei Jahren andauernde Anstieg ist seit dem Spätherbst zum Stillstand gekommen, die Zahl der als arbeitslos registrierten Flüchtlinge geht inzwischen sogar leicht zurück. Ihre Zahl lag im Dezember bei 171 000. Zählt man jene hinzu, die Integrations- und Förderkurse der Bundesagentur absolvieren, betrug die Zahl der Job suchenden Flüchtlinge im Dezember 414 000. Inzwischen fänden immer mehr Menschen aus den acht nichteuropäischen Asyl-Herkunftsländern eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung; im Oktober waren es nach BA-Angaben 202 000.

Die Menschen haben dabei offensichtlich von dem weiter wachsenden Jobangebot profitiert. Denn die Zahl der Erwerbstätigen stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamtes allein im November um 50 000 auf 44,74 Millionen. Das waren 613 000 Arbeitsplatze mehr als vor einem Jahr. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nahm nach Hochrechnungen der Bundesagentur im Oktober saisonbereinigt um 69 000 zu. Damit hatten 32,79 Millionen Menschen in Deutschland zuletzt einen regulären Job – 743 000 mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der offenen Stellen lag im Dezember bei 761 000.

Steigende Beitragseinnahmen und sinkende Kosten für die Arbeitslosigkeit machen sich positiv in den Kassen der Bundesagentur bemerkbar. 2017 dürfte der Haushalt einen Überschuss von etwa 5,5 Milliarden Euro aufweisen. Der Jahresabschluss ist für 10. Januar geplant. Für dieses Jahr wird ein Plus von etwa 2,5 Milliarden Euro angepeilt. In der Union werden deshalb die Rufe nach einer Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung lauter.

(dpa,rtr)

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