Derzeit benutzt jeder Einwohner Deutschlands im Jahr im Durchschnitt 71 Tüten. Foto: Franziska Kraufmann
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Derzeit benutzt jeder Einwohner Deutschlands im Jahr im Durchschnitt 71 Tüten. Foto: Franziska Kraufmann

Geld für Plastiktaschen

Das kommt nicht in die Tüte!

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
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Barbara Hendricks Drohung mit der staatlichen Knute war laut und deutlich: „Wenn die Branche sich nicht auf eine Selbstverpflichtung einigen kann, dann ist eine Regelung per Ordnungsrecht unausweichlich“,

Barbara Hendricks Drohung mit der staatlichen Knute war laut und deutlich: „Wenn die Branche sich nicht auf eine Selbstverpflichtung einigen kann, dann ist eine Regelung per Ordnungsrecht unausweichlich“, wetterte die Bundesumweltministerin (SPD) schon im vergangenen Sommer – nur wenige Monate, nachdem die EU-Staaten in Brüssel einvernehmlich beschlossen hatten, die Zahl der verwendeten Kunststoffbeutel in der EU auf durchschnittlich 40 Tüten pro Verbraucher im Jahr zu senken. Und halbe Sachen wollte die Umweltministerin da lange Zeit nicht akzeptieren. Schließlich sollte die avisierte Vereinbarung mit dem Handel gleich darauf abzielen, dass 80 Prozent der abgegebenen Plastiktüten Geld kosten. „Jedwede Maßnahme zur Reduzierung von Plastiktüten muss alle relevanten Handelszweige gleichermaßen erfassen“, forderte die Ministerin deshalb noch Ende vergangenen Jahres – reichlich frustriert von den Schwierigkeiten, die Deutschlands Handel damit hatte, ihrer Forderung nach schnellen Fortschritten nachzukommen.

Zuvor hatte sie das Konzept , das der deutsche Einzelhandelsverband (HDE) ihr zur freundlichen Prüfung zugeschickt hatte, in Bausch und Bogen verdammt. Der Grund: Das Papier unterschreiben wollten so wenige Unternehmen, dass damit nur 20 Prozent der rund sechs Milliarden Plastiktüten, die in Deutschland jährlich in Umlauf gebracht werden, kostenpflichtig würden. Das war Hendricks viel zu wenig. Also musste der Verband noch mal ran und weitere Überzeugungsarbeit leisten.

Was der Verband nun gestern präsentiert hat, bleibt zwar immer noch unter den ursprünglichen Zielvorgaben der Bundesregierung. Aber immerhin: Wenn 260 Unternehmen keine Plastiktüten mehr gratis über die Theke reichen, entspricht das knapp der Hälfte der Tüten auf dem gesamten deutschen Markt. Ein erster Schritt also. Und mit dem kann Hendricks leben – vorerst zumindest: „Wir werden höchstens zwei Jahre lang testen, ob sich so die Zahl der Tüten deutlich verringern lässt. Sonst kommt eine andere Lösung“, hieß es gestern. Im Klartext: Ansonsten greift die Ministerin doch noch zur Keule, um sicherzustellen, dass die Bundesbürger statt der derzeit 71 Tüten bis zum Jahr 2025 nur noch 40 Tüten im Jahr verbrauchen. Dieses umweltpolitische Ziel zu verfehlen, wäre in den Augen der Bundesregierung eine Riesen-Blamage für Deutschland, das sich so gerne als Musterschüler Europas präsentiert. Am liebsten wäre es der Umweltministerin, wenn Deutschland lange vorher mit Irland gleichziehen würde – dort kommen auf jeden Bürger jetzt schon nur 21 Tüten pro Jahr.

Aber danach sieht es derzeit nicht aus. Denn selbst innerhalb des HDE wollen nicht alle mitziehen. Zum Beispiel die Textilhändler. Viele von ihnen halten es prinzipiell für falsch, alle Plastiktüten aus dem Verkehr zu ziehen. „Niemand will bei Schneeregen mit zwei neuen Hosen über dem Arm durch die Stadt gehen und kaum jemand kommt mit einem Kleidersack zum Einkaufen“, meint Jürgen Dax, Geschäftsführer des Bundesverbandes des deutschen Textileinzelhandels. Und selbst wenn die Verbraucher grundsätzlich mit Tasche, Korb und Klappbox aus dem Kofferraum einkaufen gingen, sei das beim Aussuchen und Anprobieren von Bekleidung hinderlich. „Spontankäufe, die im Modebereich einen zweistelligen Anteil am Umsatz haben, wären da schwierig“, sagt Dax.

Michael Kullmann, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Hessen, kann diese Sorgen nachvollziehen. „Wir unterstützen zwar die freiwillige Selbstverpflichtung und geben dies an unsere Mitgliedsunternehmen weiter. Aber natürlich ist es nachvollziehbar, dass der Händler seinen Kunden, die vielleicht sogar für mehrere hundert Euro Kleidung kaufen, nicht auch noch eine Tasche berechnen will.“ Auch bei Juwelieren finde aus demselben Grund die Idee einer tütenlosen Gesellschaft insgesamt keine positive Resonanz. Tatsächlich ist in der Liste der 260 Unternehmen kein hessischer Juwelier zu finden. Und aus dem reinen Textilhandel finden sich nur drei Bekleidungsketten wieder, die eher im Niedrigpreis-Segment tätig sind: C&A, H&M sowie die Adler Modemärkte. Bei der Peek & Cloppenburg KG Düsseldorf, zu der die Filialen in Hessen gehören, hieß es gestern: „Aktuell verstehen wir die kostenlose Zugabe einer Plastiktüte als Serviceleistung dem Kunden gegenüber. Selbstverständlich nehmen wir unser Verpackungsmaterial auch zurück, wenn der Kunde es wünscht, wobei die bei P & C verwendeten Tragetaschen aus Plastik zu hundert Prozent recyclingfähig sind.“

Es mag zunächst verwundern: Aber dem Gros der Textilhändler ist die gesetzliche Keule lieber als der freiwillige Verzicht: Er präferiere „ein für alle geltendes Gesetz“, sagt Dax. Einer der wichtigsten Gründe dafür sei, dass, wer Kleidung kaufe, nicht verstehe, warum er in dem einen Laden für die Tüte zahlen solle, in dem anderen aber nicht. „Für viele Geschäfte wäre daher als letzter Ausweg eine staatliche Regelung, die in allen Läden gleich gilt, und die dem Kunden nicht als mangelnder Service des einzelnen Geschäftes erscheint, vorzuziehen“, sagt der Chef des deutschen Textileinzelhandels. Dax glaubt, ein Gesetz würde Wettbewerbsgleichheit herstellen, eine Selbstverpflichtung hingegen Verwirrung stiften.

Textilhändler und Juweliere sind indes nicht die einzigen, die sich gegen den umweltpolitischen Vorstoß sperren: Auch Apotheken, Bäckereien und Tankstellenshops tun sich schwer, auf die Tüte zu verzichten. Von ihnen stammt aber fast ein Drittel der Kunststoffbeutel.

„Wir beteiligen uns nicht“, sagt Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. „Wir haben uns dagegen entschieden, weil wir diese Form für unsere Mitglieder nicht als zielführend erachten.“ Zum einen könne der Verband aus rechtlichen Gründen keine Verpflichtungen für die gut 12 000 selbstständigen Bäcker eingehen, zum anderen würden neue Dokumentationspflichten viele kleine Betriebe bereits überfordern.

Die Tankstellen-Lobby sieht ebenfalls keinen dringlichen Handlungsbedarf. „Wir sind noch nicht angesprochen worden“, sagt Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbands des Tankstellengewerbes. In den Tankstellenshops würden zudem wenig Tüten benutzt

Und die Apotheker zeigen sich zwar grundsätzlich willig, aber schwach. „Wir unterstützen die gesellschaftlichen Ziele Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Unser gemeinsames Ziel ist deshalb klar: Der Verbrauch an Kunststofftragetaschen soll sinken“, sagt der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände (ABDA), Friedemann Schmidt. „Aber die ABDA als Dachorganisation der Apotheker will und kann dem einzelnen Apothekenleiter keine Vorschriften machen. Deshalb haben wir unsere Mitglieder, die Apotheker-Organisationen auf Landesebene, darum gebeten, die Apotheken entsprechend zu informieren. Das hat erfreulicherweise bundesweit flächendeckend funktioniert.“ Ohnehin würden in den gut 20 200 Apotheken in Deutschland meist nur kleine Plastikbehälter verwendet.

Entsprechende Kritik kam gestern von den Umweltverbänden, die eine gesetzliche Regelung fordern. Hendricks sei vor den Konzernen „eingeknickt“, teilte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) mit. Von den 60 Prozent der Tüten, die über die Vereinbarung abgedeckt seien, seien die meisten schon jetzt kostenpflichtig. Die DUH fordert eine Abgabe von 22 Cent, die dem Staatshaushalt zugute kommen soll – wie in Irland. In Deutschland gehören die Einnahmen den Händlern; aber einige unterstützen damit Umweltorganisationen.

Zu mehr Gelassenheit fordert dagegen Joachim Stoll auf, Inhaber von „Koffer 24- Leder Stoll“ in der Frankfurter Schäfergasse, der die Selbstverpflichtung unterschrieben hat: „Ich denke, in ein bis zwei Jahren wird sich die Aufregung um die Abschaffung der Plastiktüte gelegt haben. Dann wird das Thema so selbstverständlich sein wie heute das Rauchverbot in öffentlichen Räumen“, meint Stoll. Seinen Optimismus bezieht der Geschäftsinhaber aus den eigenen Erfahrungen. Seit dem 1. April – da sollte ursprünglich die Selbstverpflichtung in Kraft treten – stellt er seinen Kunden 20 Cent pro Tüte in Rechnung. „Und wir sind sehr überrascht, wie positiv die Kunden auf die neue Situation reagieren“, berichtet Stoll. „Bei uns ist der Verbrauch von Plastiktüten schon um 30 Prozent zurückgegangen.“ Ähnliches höre er von anderen Laden-Inhabern in der Republik. Stoll zeigt sich überzeugt: „Wir schaffen das!“

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