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Auch die Fluggesellschaft Icelandair profitiert von dem international wachsenden Interesse an Island-Reisen.

Island

Im Land von Feuer und Eis blüht der Tourismus

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Mit magischen Naturphänomenen und geheimnisvollen Legenden zieht Island immer mehr Touristen an – schaufelt es sich damit sein eigenes Grab?

Einst war sie von Wikingern besiedelt, von knallharten Kerlen, die Lava und Lawinen trotzten, Landstriche bevölkerten, den Atlantik beherrschten. Diesen Sommer standen sie auf europäischem Rasen, die bärtigen Burschen. Plötzlich waren sie zurück, die Wikinger, zeigten bei der Europameisterschaft (EM), was in ihnen steckt. Raubeinig beherrschten sie den Ball; leichtfüßig katapultierten sie England aus dem Wettkampf. Im Chorus mit wikingerbehelmten Fans kostete die stark tätowierte Elf Islands ihren Triumph aus. Mit grimmigen Blicken und gereckten Armen grölten die Spieler ihren Siegesruf in die Welt hinaus.

Der kraftvolle Schrei kam einem Lockruf gleich. Nach dem 2:1-Sieg gegen England steigerte sich die tägliche Aufrufzahl der Website Visiticeland.com von 5000 auf mehr als 12 000. Auch isländische Flugkonzerne konstatieren seither ein enorm gestiegenes Reiseinteresse. 45 Jahre ist es her, dass ein Flugzeug von Icelandair erstmals auf einem Rollfeld der Mainmetropole aufsetzte. „Seit 2010 hat sich die Zahl der von uns aus Frankfurt beförderten Passagiere um ein Drittel erhöht,“ verdeutlicht Pressesprecherin Stephanie Schwarz. Um den Bedarf zu decken, habe die Airline ihr Angebot erweitert: „Im Sommer 2010 starteten in der Woche neun unserer Flüge, im Winter vier. Nun bieten wir im Sommer zehn und im Winter sieben Reisen an.“

Seit Anfang Juni hat auch Wow Air einige seiner Maschinen am Fraport stationiert. „Wir freuen uns“, erklärt Unternehmensgründer Skúli Mogensen, „neben Berlin und Düsseldorf auch Deutschlands größten Flughafen darin zu unterstützen, der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden.“ 735 000 Passagiere habe Wow Air 2015 insgesamt befördert, für das laufende Geschäftsjahr erwarte das Unternehmen zwei Millionen Fluggäste.

Natürlich sei Island für viele nur eine Zwischenetappe in Richtung Nordamerika, geben beide Konzerne – Wow und Icelandair – zu bedenken. „Viele nutzen aber auch die Gelegenheit zu einem Stopover auf der Insel“, sagt Schwarz. Bis zu sieben Nächte sei ein solcher bei Icelandair ohne Flugaufpreis möglich.

Beide am Fraport vertretenen Fluggesellschaften sind sich einig: „Durch die EM spüren wir ein deutlich erhöhtes Interesse an Island. Die kleine Nation ist näher an Europa herangerückt.“

Profiteur der derzeit von vielen als unsicher wahrgenommenen weltpolitischen Lage ist Island zumindest nach Ansicht des in Oberursel ansässigen Reiseunternehmens Thomas Cook nicht. Die Vulkaninsel sei keine Alternative zu den sonnenverwöhnten, potenziell terrorismusgefährdeten Urlaubsoasen Türkei und Nordafrika. „Island ist ein individuelles Reiseziel, vor allem Naturfreunde und Aktivurlauber fühlen sich hier wohl“, erklärt Silke Hartmann, die als Troll-Tour-Managerin Cook-Nordland-Reisen propagiert. Womöglich ist es aber gerade diese Andersartigkeit vom krisenbelasteten Rest der Welt , diese idyllisch-harmonische Abgeschiedenheit Islands, die auf Reisende zunehmend ansprechend wirkt.

Eines steht fest: Seit nunmehr einer Dekade begeistern sich immer mehr Urlauber für die weitestgehend naturbelassenen Landstriche. Allein 2015 bereisten rund 1,3 Millionen Touristen den zweitgrößten Inselstaat Europas, der nur zu einem Fünftel bevölkert ist. Im Vorjahr waren es noch knapp 998 000 – die Zahl der Besucher hat sich also binnen eines Jahres fast um ein Drittel gesteigert, in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Auch die Deutschen sind gegen die Anziehungskraft des Nordlandes nicht gefeit. So erreichten vergangenes Jahr 10 3384 deutsche Touristen den größten Flughafen Islands, Keflavík. Im Jahr 2014 waren es noch 85 915, rund zwanzig Prozent weniger. Nach Angaben des isländischen Fremdenverkehrsamtes sind bereits in der ersten Hälfte dieses Jahres 44 492 Deutsche nach Island gereist – und dabei fallen die tourismusstärksten Monate Juli und August noch nicht ins Gewicht. Das sind 6,5 Prozent aller weltweiten Besucher, die in diesem Zeitraum zur Vulkaninsel aufgebrochen sind. Die Deutschen stehen auf Rang drei der in Island meistvertretenen Touristennationen – nach Amerika und England.

Und dieses Jahr soll die nordische Insel noch mehr Urlauber beheimaten: Im November 2015 sprach die Flugsicherung Isavia eine Prognose von 1,5 Millionen Besuchern aus. Mittlerweile wurde sie bereits auf 1,7 Millionen nach oben korrigiert. In jedem Fall wird Island 2016 mehr als fünf Mal so viele Menschen beherbergen, als es heimische Landsleute zählt.

Um diesen Andrang zu bewältigen, muss ein Großteil der Bevölkerung mitanpacken: 2013 waren noch rund 19 000 Menschen in Tourismus-bezogenen Jobs tätig, 2014 bereits 21 600. Gut 60 Prozent der Berufe, die seit 2010 neu entstanden sind, hängen mit dem Tourismus zusammen. Im letzten Jahr wurde etwa die Hälfte aller in Island zugelassenen Autos von Autovermietungen angemeldet.

Seit jeher herrschte auf der Insel nahezu Vollbeschäftigung. Im Jahr 2007 betrug die Rate der Erwerbslosen schwindendgeringe 2,29 Prozent, Islands jährliches Wirtschaftswachstum lag bei 9,7 Prozent. Doch dann kam die Bankenkrise und zwang mit den drei Großbanken Glitnir, Landsbanki und Kaupthing den gesamten Nordatlantikstaat in die Knie – 2009 fanden sich plötzlich immerhin 7,23 Prozent der Isländer ohne Job, das BIP sackte um 5, 1 Prozent ab.

Seit damals hat der Fremdenverkehr einen substanziellen Beitrag zu einer stetig steigenden Beschäftigungsquote geleistet und dafür Sorge getragen, dass Island mit 3,5 Prozent wieder zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas gehört. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt in seinem neuen Länderbericht sogar vor einer „Überhitzung“ der isländischen Wirtschaft. Der Tourismus wirft damit einen Schatten über die bislang wichtigsten Wirtschaftszweige Fischfang und -export sowie Aluminiumverhüttung.

Fortwährend keimen auf der Vulkaninsel neue Stellen im Hotel- und Restaurantsektor auf. Allein im vergangenen Jahr entstanden 57 600 Quadratmeter neuer Flächen zur Bewirtung und Unterbringung von Gästen. 4,1 Millionen Nächte verbrachten Touristen allein im vergangenen Jahr in den 13 320 in Island zur Verfügung stehenden Gästezimmern. Seit 2010 ist die Zahl um 42 Prozent gewachsen – sie hat aber immer noch Steigerungspotenzial.

Zur Verdeutlichung: Insgesamt gibt es in Island mittlerweile 394 Hotels. Das im Vergleich zu Island (103 000 Quadratkilometer) nächstgrößte Land Europas, Ungarn (93 000 Quadratkilometer), weist beinahe die dreifache Anzahl an Gasthäusern und mehr als das Vierfache an Hotelbetten auf.

Wollte Island auch künftig die Unterbringung aller Reisenden gewährleisten, müsste es in den Ausbau weiterer Unterkünfte investieren. Wirtschaftsprofessor Ásgeir Jónsson steht all dem skeptisch gegenüber, fürchtet eine Verschandlung der Landschaft: „Wenn jetzt noch mehr Touristen ins Land kommen, müssen wir auch den Flughafen ausbauen. Zudem wäre es notwendig, neue Straßen zu errichten und alte zu erweitern.“ Damit würde sich das Reiseziel Island sein eigenes Grab schaufeln. Schließlich kämen die Touristen gerade wegen der Abgeschiedenheit und der unberührten Landschaften. „Es stellt ein gewisses Risiko dar“, so der Experte, „dass sich die Regierung so sehr auf einen ungebremst wachsenden Tourismus einstellt und so viel darin investiert.“ Kämen zu viele Reisende ins Land, könne das zur Folge haben, dass es „ihnen untereinander irgendwann zu voll wird.“

Auch die isländische Gesellschaft beäugt den wachsenden Tourismus im Heimatland kritisch. Eine vom Fremdenverkehrsamt lancierte Studie hat ergeben, dass 75 Prozent der Bevölkerung befürchtet, der Tourismus stelle eine zu große Belastung für die Natur dar, 52 Prozent sehen darin eine Bedrohung für kulturelle Bräuche. Die Isländer haben bei der EM zwar nicht den Pokal, dafür aber viel Sympathie gewonnen. Mit ihrer erfrischend-urtümlichen Authentizität haben sie sich in die Herzen der Fans gespielt. Diese Wesensart sollten sie sich erhalten – dem Tourismus zum Trotz.

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