Die Düsseldorfer ARAG unter der Führung von Paul-Otto Faßbender hat ihr Lebensversicherungsgeschäft an die ?Frankfurter Leben? verkauft.
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Die Düsseldorfer ARAG unter der Führung von Paul-Otto Faßbender hat ihr Lebensversicherungsgeschäft an die ?Frankfurter Leben? verkauft.

Ausgliederung von Altbeständen

Lebensversicherer machen sich davon

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
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Vom einstigen Kronjuwel des Geschäfts zum abgeschobenen Pflegefall: Immer mehr Versicherungskonzerne stellen das Neugeschäft mit der klassischen Lebensversicherung ein und gliedern die Altbestände aus. Zum Teil landen diese sogar bei sogenannten Run-off-Gesellschaften – wie der „Frankfurter Leben“ oder der „Heidelberger Leben“ in Neu-Isenburg. Was dieses „run off“ (zu deutsch „weglaufen“) langfristig für die Kunden bedeutet, ist nicht abzusehen.

Immer größere Bauchschmerzen bereitet den Vorständen der hiesigen Assekuranzen das Geschäft mit den klassischen Lebensversicherungen. Zum einen können sie kaum noch die Garantieversprechen früherer Jahre einhalten, nachdem die großen Notenbanken die Zinsen auf Rekordtiefs gedrückt haben. Zum anderen sehen die neuen Vorschriften für die Kapitalausstattung der Branche (Solvency II) seit Jahresbeginn vor, dass die Versicherungskonzerne für die Altverträge hohe Summen an Eigenmitteln vorhalten müssen – damit Versicherer ausreichend Kapital für eingegangene Risiken vorhalten und im Krisenfall nicht vom Staat gerettet werden müssen. Des Deutschen bislang liebstes Instrument zur Finanzierung des Ruhestandes ist damit vielen Vorständen zu einem Dorn im Auge geworden.

Auch dem Vorstandschef und Mehrheitsaktionär des Versicherungskonzerns ARAG, Paul-Otto Faßbender: „Abwarten ist kein Gebot der Stunde“, ließ der 70-Jährige Ende vergangener Woche wissen. „Durch die Zinsentwicklung verliert das deutsche Lebensversicherungsgeschäft an Attraktivität. Zudem werden in der Tiefzinsphase enorm viele Ressourcen im Segment der Lebensversicherung gebunden“, so der Chef des Düsseldorfer Familienunternehmens – und zog nun die Notbremse: Die ARAG verkauft ihr Lebensversicherungsgeschäft, das 322 000 Verträge mit einem verwalteten Kapital von 2,8 Milliarden Euro umfasst und 2015 auf Beitragseinnahmen von 220 Millionen Euro kam. „Diese Verträge werden mit unveränderten Bedingungen, Garantien und Konditionen weitergeführt“, versprach Faßbender mit Blick auf die Versicherten, die bei solchen Deals bloße Verschiebemasse sind.

Künftig sollen die ARAG-Vermittler Lebensversicherungen der Alten Leipziger an den Mann und die Frau bringen. „Damit werden wir sowohl im Versicherungsbestand als auch in den Kapitalanlagen unabhängiger von der Volatilität der Finanzmärkte handeln können“, freute sich Faßbender darüber, dass er den ungeliebten Ballast los geworden ist.

Käufer dieses Ballasts ist die „Frankfurter Leben“ – über den Luxemburger Fonds „Taunus Insurance Opportunities“ gehört die Gesellschaft zu 75 Prozent der chinesischen Beteiligungsgesellschaft Fosun und zu 25 Prozent der Frankfurter BHF Bank. Die Frankfurter Leben steht für eine junge Spezies, die ganz wild auf das Produkt ist, das die Lebensversicherer zunehmend loswerden wollen. Eine Spezies, die quasi Endlager für die ungeliebten Versicherungen mit Garantiezusagen bildet – bis der letzte Kunde ausgeschieden ist. Vor allem dank besserer IT-Systeme – in die Hunderte unterschiedlicher Tarife zur automatisierten Bearbeitung zusammengeführt werden – glaubt sie, die Bestände effizienter, also billiger verwalten und damit einen Schnitt machen zu können.

„Die Frankfurter Leben hat damit einen weiteren bedeutenden Schritt gemacht auf dem Weg zur führenden Konsolidierungsplattform von Lebensversicherungsbeständen“, freute sich Vorstand Bernd Neumann. Denn für die junge Frankfurter Leben, die ihre Büros im Frankfurter Westend hat, ist die Übernahme der ARAG-Bestände schon der zweite Deal: Im September 2015 hatte die Gesellschaft den Erwerb eines Bestandes der Basler Leben bekannt gegeben. Volumen: 120 000 Verträge mit einem verwalteten Vermögen von 2,6 Milliarden Euro. Die 90 Mitarbeiter der Basler in Bad Homburg übernahm die Frankfurter gleich mit.

Auch bei diesem Deal blieb der Kaufpreis geheim. Der hängt offenbar vor allem vom Zinsversprechen ab, dass der Verkäufer seinen Kunden einst gab. „Für Verträge mit Vier-Prozent-Garantie zahlen wir tendenziell nichts, da könnte es eher um eine Mitgift gehen“, sagte Neumann. Nach Auskunft der Basler lag die Zinsgarantie ihrer Verträge im Schnitt bei drei Prozent. Nach Angaben der ARAG weisen deren Altverträge Garantie-Versprechen zwischen 2,75 und vier Prozent aus. Renditen, die die Frankfurter Leben glaubt erwirtschaften zu können: „Wir werden Kostensynergien durch den Einsatz einer einheitlichen IT-Plattform erzielen“, bekräftigte Vorstandskollegin Anja van Riesen das Mantra der Branche.

Auf jeden Fall will die Frankfurter kräftig wachsen: „In den kommenden fünf bis sechs Jahren wollen wir durch weitere Übernahmen Kapitalanlagen in Höhe von 20 bis 30 Milliarden Euro aufbauen“, sagte Neumann unlängst. Das Potenzial dafür scheint vorhanden. Vor allem mittlere und kleinere Versicherer stehen unter großem Druck. Noch fremdelt die Branche aber mit den Abwicklungsspezialisten, weil sie für den Fall der Veräußerung Reputationsverluste befürchtet. Deshalb haben es Versicherer wie die Ergo, Talanx, Generali, Zurich und HDI – die alle keine Garantieprodukte mehr verkaufen – vor,gezogen die Verträge konzernintern auszugliedern und abzuwickeln. Aber langsam scheint ein Umdenken stattzufinden: Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Willis Tower Watson unter 50 Versicherungen können sich immer mehr Vorstände vorstellen, ihre Bestände extern abzugeben.

Die Konkurrenz für die Frankfurter ist allerdings hart: Zum einen liebäugeln die Führungskräfte der Lebensversicherungen eher mit einer Veräußerung an einen anderen Erstversicherer – da kommt wohl vor allem die Düsseldorfer Ergo in Frage, die sechs Millionen Altverträge in eine neue Konzerngesellschaft ausgegliedert hat, die ausdrücklich auch Run-off-Portfolios anderer Versicherer übernehmen soll. Zum anderen hat sich neben der Frankfurter Leben auch hierzulande schon eine ganze Reihe von Run-off-Spezialisten etabliert – allen voran die „Heidelberger Leben Gruppe“, die in Neu-Isenburg sitzt und sich im Herbst in „Viridium“ umbenennen will. Die aus der MLP hervorgegangene Gesellschaft – die zu 80 Prozent der Beteiligungsgesellschaft Cinven und zu 20 Prozent der Hannover Rück gehört – ist im deutschsprachigen Raum Marktführer in dieser Branche. Neben den eigenen Beständen verwaltet sie die der Skandia Leben Deutschland. Das sind rund 850 000 Verträge. Und auch sie will nach eigenem Bekunden noch viele Übernahmen stemmen.

Das muss die Heidelberger auch, wenn sie erfolgreich sein will – genauso wie die Frankfurter. Nur dann werden sie langfristig in der Lage sein, die von den Versicherungen übernommenen Zinsversprechen einlösen zu können. Allein mit verbesserter IT ist es da nun mal nicht getan. Um die Stückkosten ausreichend senken zu können, muss genügend Masse ran. Je mehr desto besser. Zumal die Portfolios ja stetig schrumpfen – und damit die Ausgaben pro Vertrag steigen werden.

Schon mit dem zweiten Kauf ergäben sich Synergie-Effekte bei der Verwaltung der Versicherungsbestände, heißt es da bei der Frankfurter Leben. Am Ergebnis der Kosteneinsparungen würden die Versicherten mindestens zur Hälfte beteiligt. „Wir liefern eine normale Gewinnbeteiligung – und liefern exzellenten Kundenservice“, so Neumann.

Heidelberger-Leben-Vorstandschef Heinz-Peter Roß rechnet vor: „Die Zahl der IT-Komponenten haben wir von 140 auf 30 gesenkt und die Zahl der Tarife von etwa 240 auf unter 100. Durch diese starke Standardisierung der Abläufe könne die Gesellschaft bei Übernahme der Verträge nicht nur garantieren, dass die Kosten pro Police über die gesamte Laufzeit nicht steigen – es würden sogar ab dem ersten Tag Effizienzgewinne von zehn Prozent der Kosten an die Versicherten weitergegeben.

Für die Gesellschaft bleibt da noch genügend Raum für Gewinn: Jetzt schon habe die Standardisierung „die Prozesskosten um mehr als 30 Prozent“ gesenkt, so Roß, der betont, dass böse Überraschungen für die Kunden ausgeschlossen sein. „Wenn wir nicht nachweisen, dass kein Vertrag durch die Umstellung auf die neue Plattform schlechter gestellt wird, lässt die Finanzaufsicht Bafin dies gar nicht zu.“

Verbraucherschützer

zeigen sich dagegen skeptisch, wenn der Lebensversicherer den teuren Bund fürs Leben einseitig beendet. „Der Kunde wird zur Ware“, sagt Axel Kleinlein, Vorstand des Bunds der Versicherten. Zudem fehlt aus seiner Sicht der Zwang, die Versicherten mehr als nötig an den laufenden Überschüssen zu beteiligen.“

Der Grund sei das fehlende Neugeschäft. Die Plattformen seien nun mal nicht darauf aus, neue Kunden anzulocken. Weshalb sie für die Werbung auch keine hohen Prozentzahlen bei den Überschüssen ausweisen müssen – von denen dann auch alle Bestandskunden profitieren würden.

Eine nachvollziehbare Argumentation des

Verbraucherschützer

s. Wobei allerdings zu bedenken ist, das branchenweit die Überschussbeteiligungen in den vergangenen Jahren gesunken sind, viele Kunden auf absehbare Zeit ohnehin nicht mehr als den Garantiezins erwarten können.

Richten muss es die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), nach deren Maßgabe – wie Roß richtig anmerkt – kein einziger Kunde nach dem Wechsel schlechtergestellt sein soll als vorher. Man sehe durchaus „spezifische Risiken“ bei den neuen Abwicklungsplattformen und begleite solche Verfahren „besonders kritisch“, sagt die Bafin. Und das scheint kein bloßes Lippenbekenntnis zu sein: Die Frankfurter Leben wartet noch immer auf die Erlaubnis der Finanzaufsicht, den Lebensversicherungsbestand der Basler übernehmen zu dürfen.

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