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Auch Schweißer müssen oft abends und nachts arbeiten. Auf die Schicht-Beschäftigten entfällt das Gros der bislang ausgewerteten 190 000 Anträge auf mehr Urlaubstage.

Metall- und Elektroindustrie

Lieber mehr Freizeit statt mehr Geld

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Mehr Freizeit oder mehr Geld? Diese Frage muss inzwischen auch in der deutschen Metall- und Elektroindustrie erlaubt sein. Vor die Wahl gestellt, entscheiden sich vor allem die Schicht-Beschäftigten für zusätzliche Urlaubstage. Der hohe Zuspruch scheint die Arbeitgeber kalt erwischt zu haben.

„Liebling ich habe die Arbeitszeit geschrumpft!“ In Anlehnung an den ähnlich klingenden Hollywood-Film von 1997 könnte dieser Ruf bald in vielen Haushalten erklingen, in denen der Lebenspartner in der Metall- und Elektrobranche tätig ist – wenn die Arbeitgeber, wie im Frühjahr vereinbart, mitspielen. Da hatten sich die Gewerkschaft IG Metall und die Arbeitgeber der Branche nach einem harten Arbeitskampf nicht nur auf eine Lohnerhöhung und eine Sonderzahlung in Höhe von 27,5 Prozent eines Monatseinkommens verständigt. Sie waren auch darin übereingekommen, dass Beschäftigte, die im Schichtdienst arbeiten, kleine Kinder oder pflegebedürftige Angehörige haben, auf die Sonderzahlung verzichten und stattdessen acht zusätzliche Urlaubstage erhalten können. Zudem erhielten die Arbeitnehmer die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit für maximal zwei Jahre auf bis zu 28 Wochenstunden abzusenken.

Bis zum 30. Oktober hatten die Anspruchsberechtigten unter den bundesweit 3,9 Millionen Beschäftigten der Branche Zeit, in ihrem Unternehmen einen entsprechenden Antrag zu stellen. Und wie eine erste Auswertung nun zeigt, haben viele von ihnen diese Möglichkeit ergriffen: „Rund 190 000 Beschäftigte wollen im kommenden Jahr lieber acht zusätzliche freie Tage statt mehr Geld in Anspruch nehmen“, berichtete gestern in Frankfurt Jörg Hofmann, der Erste Vorsitzende der IG Metall. Und es werden noch viele mehr werden. Denn bislang sind nur die Anträge von 1400 der insgesamt 2800 tarifgebundenen Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie ausgewertet. Wie sich dabei zeigt, sind es vor allem die Schicht-Beschäftigten, die offenbar mehr Erholung brauchen und dafür bereit sind, auf Geld zu verzichten: Allein 140 000 Anträge entfallen laut IG Metall auf die Arbeitnehmer, die im Zwei- oder Drei-Schicht-Betrieb tätig sind. Das entspricht einer Quote von knapp 80 Prozent aller Schicht-Beschäftigten. „Gerade in den Bereichen mit starren Schichtsystemen sind die Belastungen deutlich gestiegen“, sagte Hofmann. „Die Kollegen brauchen dringend mehr zeitliche Freiräume – auch zum Erhalt der Gesundheit.“ 40 000 Anträge sind von Beschäftigten mit Kleinkindern gestellt worden – die Altersgrenze war von den Arbeitgebern auf acht Jahre gedrückt worden. Die restlichen 10 000 Antragsteller wollen die zusätzlichen freien Tage nutzen, um Angehörige zu pflegen.

Von der Möglichkeit, auf 28 Wochenstunden runterzugehen, wollen nach derzeitigem Stand aber nur circa 8000 Arbeitnehmer Gebrauch machen, wie Hofmann gestern sagte. Nur wenige Beschäftigte könnten sich die entsprechenden Gehaltseinbußen leisten.

In Hessen ziehen nach bisheriger Auswertung 4800 Schichtarbeiter die acht Urlaubstage der Sonderzahlung vor; 1600 Anträge wurden von Vätern bzw. Müttern gestellt, die mehr Zeit für ihre Kinder haben wollen; und 500 Anträge stammen von Beschäftigten mit pflegebedürftigen Verwandten.

Unmut bei Arbeitgebern

Inwieweit diese Beschäftigten ihre zusätzlichen Urlaubstage erhalten werden, muss sich aber noch erweisen. Denn das Arbeitgeber-Lager scheint von der großen Nachfrage der Arbeitnehmer nach Freizeit sehr überrascht zu sein. Angesichts der sich schon seit Wochen abzeichnenden hohen Antragszahl regt sich nun bei vielen Arbeitgebern Unmut über die im Februar tariflich vereinbarte Option. Entsprechende Äußerungen in der Öffentlichkeit sind dem Vernehmen nach der Grund gewesen, dass die Gewerkschaft nun schon erste Ergebnisse veröffentlicht. Viele Arbeitgeber pochen darauf, das jeder Freistellungsantrag von einem gleich qualifizierten Mitarbeiter durch längere Arbeitszeiten ausgeglichen wird. „Und das, obwohl in der Mehrzahl der Betriebe die Arbeitszeitkonten übervoll sind“, sagte dazu Hofmann. „Wer heute Anträge der Beschäftigten auf mehr freie Zeit ablehnt, darf nicht damit rechnen, dass die Kollegen morgen zur Sonderschicht erscheinen“, warnte der IG-Metall-Chef.

Kommentar:

Flexibilisierung der Arbeitszeit? In Deutschlands Industrie ist das bis vor kurzem vor allem ein Thema der Arbeitgeber gewesen: Um Kosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, passen sich die Beschäftigten den Bedürfnissen der Betriebe an – in Boom-Phasen und kurzfristig auftretenden Stoßzeiten muss die Arbeitszeit steigen, in Schwächephasen sinken. Geringfügige und atypische Beschäftigung, Mini- und Midi-Jobs, Leiharbeit und Scheinselbstständigkeit sind weitere Instrumente, mit denen Unternehmen die Arbeit an die Nachfrage-Situation anpassen.

So ist die Flexibilität in den vergangenen Jahren zwar stetig gestiegen – aber vor allem zum Vorteil der Arbeitgeber: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten leistet Überstunden – 1,7 Milliarden waren es allein 2016, der Großteil davon unbezahlt; fast die Hälfte arbeitet samstags, ein Viertel sogar sonntags; und gut ein Drittel arbeitet im Schichtbetrieb. Ein Trend, der sich vor dem Hintergrund der Digitalisierung in Zukunft noch verstärken wird.

Und die Bedürfnisse der Beschäftigten? Die sind zumindest auf der Ebene der Flächentarifverträge zu kurz gekommen. Flexibilisierung der Arbeitszeit – das ist zumeist eine Einbahnstraße gewesen. Aber damit scheint nun endlich Schluss zu sein. Die Bahn-Gewerkschaft EVG hat schon vor mehr als einem Jahr das Wahlrecht zwischen mehr Geld und mehr Freizeit erstritten; die IG Metall ist im Frühjahr nachgezogen. Und wie die Resonanz der Beschäftigten zeigt, haben sie damit den Nerv der Zeit getroffen.

Was nicht nur angesichts der vielen Überstunden kaum überrascht, die dazu führt, dass heute mehr als die Hälfte der Beschäftigten deutlich länger als 40 Stunden die Woche arbeitet. Hinzu kommt, dass die Arbeit selbst anstrengender geworden ist, weil Aufgaben und Komplexität stetig zunehmen – so wird der Arbeitstag allzu oft zu einem Hochleistungssprint, bei dem nicht mal mehr Zeit bleibt, nach links und rechts zu schauen. Entsprechend weit verbreitet sind heute psychogene Belastungserkrankungen, wie Studien von Krankenkassen zeigen.

Dabei muss Arbeitszeitverkürzung nicht unbedingt mehr kosten: Selbst wenn mehr Arbeitskräfte eingestellt werden müssen, ist jede Arbeitskraft im Schnitt produktiver. Auch die Klage der Arbeitgeber, wonach Arbeitszeitverkürzung gerade in Zeiten des Fachkräftemangels nicht realisierbar sei, greift nicht. Zum einen herrscht mittlerweile Einigkeit darüber, dass bereits Mitte des kommenden Jahrzehnts Maschinen und Algorithmen in den Werken mehr Arbeitsstunden verrichten werden als Menschen. Zum anderen stehen den Menschen, die weniger arbeiten wollen, viele Menschen gegenüber, die mehr arbeiten wollen. Gehindert werden sie daran von Steuern und Sozialabgaben, die jedes Plus an mehr Stunden und mehr Lohn auffressen würden, aber auch von verkrusteten Firmen-Strukturen, in denen das Gros der Jobs immer noch auf Vollzeitstellen ausgerichtet ist. Da gilt es, die Arbeit gerechter zu verteilen – das würde auch zu einer gerechteren Gesamtgesellschaft führen.

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