Der einzige Moment, in dem sich Mario Draghi (Zweiter von links) öffentlich aus der Fassung bringen ließ: Im April 2015 sprang während einer Pressekonferenz eine linke Aktivistin plötzlich auf seinen Pult und ließ Konfetti auf ihn herabfallen.
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Der einzige Moment, in dem sich Mario Draghi (Zweiter von links) öffentlich aus der Fassung bringen ließ: Im April 2015 sprang während einer Pressekonferenz eine linke Aktivistin plötzlich auf seinen Pult und ließ Konfetti auf ihn herabfallen.

EZB-Präsident

Der mächtig einsame Mario Draghi

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
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Vielstimmig und vielfältig ist der Chor seiner Kritiker: Während die radikale Linke den EZB-Präsidenten ob seiner angeblich harten Gangart gegenüber Euro-Krisenstaaten angeht, wird Mario Draghi hierzulande vor allem wegen seiner angeblich nicht demokratisch legitimierten Niedrigstzinspolitik angegriffen, weil sie Sparer und Kreditinstitute schädigt, wie es heißt. Doch der 69-Jährige lässt sich nicht beirren.

Ein Italiener als Präsident der Europäischen Zentralbank? „Mamma mia! Bei den Italienern gehört doch Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta!“, witzelte so mancher in Deutschland, als im Frühjahr 2011 auch Bundeskanzlerin Angela Merkel den Weg frei machte für die Ernennung Mario Draghis zum obersten Währungshüter der Eurozone. Denn die Wahrung der Preisstabilität gilt als die wichtigste Aufgabe der Europäische Zentralbank (EZB).

Seit dem 1. November 2011 führt Draghi die in Frankfurt ansässige Notenbank nun an – doch die gefürchtete Geldentwertung hat trotz einer beispiellosen Geldflut in diesen fünf Jahren nicht stattgefunden. Im Gegenteil: Als Draghi sein Amt übernahm, lag die Inflationsrate in der Eurozone schon seit Monaten bei 3,0 Prozent – und damit weit über dem Wert von knapp zwei Prozent, bei dem die EZB und andere große Notenbanken Preisstabilität gewährleistet sehen. Nach Draghis Amtsantritt ging es dann lange Zeit nur noch runter. Auf den Zwei-Prozent-Wert fiel die Teuerungsrate im Januar 2013.

Zwei Jahre später erreichte sie mit minus 0,6 Prozent ihren Tiefpunkt und brachte die geldpolitische EZB-Maschinerie auf Hochtouren: Nachdem die Währungshüter die Zinsen bereits gen null gedrückt hatten, beschlossen sie damals, ihr milliardenschweres Anleihe-Kaufprogramm – aus Angst vor einer Deflation. Denn wenn Verbraucherpreise anhaltend sinken, zögern – so die Theorie – die Menschen Anschaffungen hinaus, weil sie erwarten, dass die Ware bald noch günstiger sein könnte. Dann droht eine Abwärtsspirale: Die Firmen verdienen weniger, entlassen Arbeitskräfte oder senken Löhne. Dadurch haben die Menschen noch weniger Geld zur Verfügung.

Inzwischen müht sie die Teuerungsrate zwar langsam aus dem Keller, so dass die Gefahr einer Deflation gebannt scheint. Aber von dem Zwei-Prozent-Ziel ist sie immer noch weit entfernt. Grund genug für die EZB unter der Führung Draghis ihre ultralockerere Geldpolitik weiter zu verfolgen. Inzwischen liegt der Leitzins bei null; Banken müssen Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken; und die EZB kauft Monat für Monat für durchschnittlich 80 Milliarden Euro Staats- und Unternehmensanleihen – noch bis mindestens März 2017. Das Ziel bleibt: die Wirtschaft in der Eurozone ankurbeln und damit auch die Teuerung.

Ein Ziel gegen das eigentlich niemand etwas haben kann. Dass gerade in Deutschland viele nicht gut zu sprechen sind auf den Italiener an der Spitze der Notenbank, liegt eben an den Nebenwirkungen dieser Geldpolitik, die zunächst diejenigen benachteiligt, die sich größere Summen erspart haben und fürs Alter ersparen können. Und von denen gibt es in Deutschland nun mal viel mehr als in den krisengeschüttelten Staaten im Süden der Eurozone.

So ist hierzulande wahlweise von „Fehlentwicklung“, „zerstörerischer Geldpolitik“ oder „Enteignung der Sparer“ die Rede; und Banken und Versicherungen fühlen sich durch Draghis ultralockere Geldpolitik gegängelt und ihrer Erträge beraubt. „Wer kann Mario Draghi stoppen?“, fragte gar im April dieses Jahres die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, die den ehemaligen Exekutivdirektor der Weltbank (1984-1990) und späteren Goldman-Sachs-Investmentbanker (2002-2005) von Beginn an besonders misstrauisch beäugt hat.

Und die Chefin von HSBC Deutschland, Carola Gräfin von Schmettow, beklagt: „Wie wollen Sie heute Kindern den Sinn des Sparens erklären, wenn am Ende des Jahres keine Zinsen gezahlt werden? Wenn sich der Verzicht auf Konsum heute nicht lohnt?“ Schmettow: „Im besten Fall erziehen wir eine Generation von Eigenheimbesitzern und Aktionären.“

In der Tat ist das viele Notenbank-Geld seit Jahren der Schmierstoff für die Börsen. Der Dax etwa legte – allerdings nach vorherigem Absturz in der Finanzkrise – seit November 2011 um etwa 80 Prozent zu. Und das Zinstief heizt in Deutschland auch die Preise an den Immobilien-Märkten an, weil – angesichts des vielen Geldes, von dem die Leute nicht wissen, wie sie es wegen der Niedrigstzinsen gewinnbringend anlegen sollen – „Betongold“ so gefragt ist wie lange nicht und Kredite von der Bank kaum noch etwas kosten. Fast so wenig wie die Kredite, die Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble für die Bundesrepublik aufnimmt – Deutschland kann sich weitgehend umsonst refinanzieren.

Es gibt also auch Profiteure des EZB-Kurses. Und selbst die größten Kritiker halten Draghi zugute, den Währungsraum im Sommer 2012 vor dem Zusammenbruch bewahrt zu haben. „Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten“, sagte er damals. „Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“ Ein Versprechen, das die Wetten gegen die Eurozone beendete, die damals horrenden Zinsen für Anleihen schwächerer Euro-Staaten auf ein erträgliches Maß senkte und damit die Märkte beruhigte. Es war die Geburtsstunde von „Super-Mario“, vom „Magier der Märkte“, dem „Dompteur der Spekulanten“, der genau weiß, wie die Finanzmärkte zu steuern sind.

Diesen Nimbus hat der ruhige, in Pressekonferenzen nie um eine intelligente – und zuweilen auch humorvolle – Antwort verlegene Währungshüter in den Augen vieler Kritiker inzwischen zwar verloren. Aber der einstige Jesuitenschüler, der nächstes Jahr 70 wird, hält unbeirrt Kurs – obwohl er und seine Mitstreiter im EZB-Rat sich immer heftigerer Kritik erwehren müssen. Zumal auch die Machtfülle der nicht-demokratisch gewählten Notenbank vielen hierzulande nicht geheuer ist. Der Europäische Gerichtshof musste sich ebenso mit Maßnahmen der Frankfurter Euro-Retter befassen wie das Bundesverfassungsgericht. Auch wenn Karlsruhe Leitplanken einzog – durchfallen ließ auch Deutschlands höchstes Gericht Draghis Anti-Krisen-Kurs nicht.

Schon als junger Wirtschaftsprofessor habe sich der gebürtig aus Rom stammende Draghi durch eine besondere Konsequenz ausgezeichnet, erzählen alte Weggefährten. Als er das Examen an der Universität von Trient abnahm, hätten seine Studenten ihm erklärt, sie wollten Fragen nur als Kollektiv beantworten. Draghi habe entgegnet: „Wenn der Kollektivsprecher richtig antwortet, besteht die ganze Klasse. Liegt er falsch, fallen alle durch.“ Der Sprecher antwortete falsch – Draghi ließ alle durchfallen.

Beharrlich verteidigt Draghi auch als EZB-Chef seine Überzeugung: „Unsere Maßnahmen greifen. Sie tragen dazu bei, dass sich die Erholung fortsetzt und Arbeitsplätze entstehen; sie sorgen also für einen Aufschwung, von dem letztlich auch die Sparer und Rentner in Deutschland und im Euroraum insgesamt profitieren“, betonte er Ende September im Bundestag.

Wenige Tage später gab er vor der versammelten Finanzelite bei der Jahrestagung des Internationalem Währungsfonds (IWF) zu Protokoll: Spätestens Anfang 2019 werde die Inflation im Euroraum die Zielmarke von knapp unter zwei Prozent erreichen. Liegen er und seine Volkswirte richtig, wird er diesen Erfolg selbst präsentieren können: Denn seine achtjährige Amtszeit als EZB-Präsident endet turnusgemäß erst im Herbst 2019 – und die nun zum Amtsjubiläum vereinzelt laut werdenden Rücktrittsforderungen scheinen ihn ebenso kaltzulassen wie die bisherige Kritik.

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