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Keine Ausstellungen: Messe Frankfurt kämpft ums Überleben

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Von: Panagiotis Koutoumanos

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Das Impfzentrum auf dem Messegelände in Frankfurt.
Das Impfzentrum auf dem Messegelände in Frankfurt. © Karl-Heinz Spremberg/Imago

Auf dem Gelände der Messe Frankfurt läuft derzeit nichts. Die Stadt und das Land Hessen wollen Konzern mit einem Kapitalzuschuss retten.

Frankfurt – Würde nicht das Impfzentrum in der Halle 1.2 der Messe Frankfurt hin und wieder Menschen auf das Gelände locken, würde die Messe vollkommen im Dornröschenschlaf versinken. Eigentlich hatten dort in den vergangenen Tagen zunächst die "Heimtextil", dann die Konsumgüter-Schauen Christmasworld, Paperworld und Creativeworld stattfinden sollen. Und in der kommenden Woche sollten auf der Frühjahrsmesse Ambiente erneut tausende Unternehmen den Besuchern aus aller Welt ihre Produkte präsentieren.

Aber auch daraus wird nichts werden. Die traditionsreiche Ausstellung musste von der Frankfurter Messegesellschaft ebenfalls Corona-bedingt abgesagt werden. Wegen einer "signifikanten Verschlechterung der Rahmenbedingungen" durch die Omikron-Variante würden diese Messen nun doch nicht stattfinden, teilte das Frankfurter Unternehmen zu Jahresbeginn mit. "Die globale Reisebereitschaft sinkt enorm", hieß es bei Europas größtem Messeveranstalter. Im Klartext: Zu viele Aussteller mussten absagen.

Da geht es der Frankfurter Messegesellschaft wie anderen Messe-Veranstaltern hierzulande. Die Branche liegt darnieder. Schon in den beiden Jahren zuvor hatte praktisch keine Messe nach traditionellem Muster stattgefunden, waren die Veranstalter bestenfalls auf mehr schlecht als recht laufende Online-Veranstaltungen ausgewichen, die zumeist kaum Profit abwerfen. Und jetzt hagelt es immer noch Absagen und Verschiebungen.

Messe Frankfurt kämpft ums Überleben: Testat der Bilanz ist fraglich

Das hat nun auch die früher erfolgsverwöhnte Messe Frankfurt in eine kritische Lage gebracht. Schon im Corona-Jahr 2020 hatte sie einen Nettoverlust von knapp 122 Millionen Euro erlitten, waren die Verbindlichkeiten bereits fast so hoch wie das deutlich gesunkene Eigenkapital.

Und dass 2021 der Verlust noch größer ausfällt, daraus hat die Geschäftsführung der Messe im vergangenen Dezember keinen Hehl mehr gemacht. "Wir hoffen, dass wir die Zahl 200 Millionen abwenden können", sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Wolfgang Marzin, der in den beiden Corona-Jahren den Pandemie-bedingten Ausfall von mehr als 200 Veranstaltungen im In- und Ausland zu beklagen hatte - rund zwei Drittel aller geplanten Events.

Nach Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, ist die finanzielle Situation des Konzerns inzwischen so bedrohlich, dass die Stadt Frankfurt und das Land Hessen eine Insolvenz im Sommer befürchten. "Angesichts ihrer derzeitigen Finanzlage erscheint es unwahrscheinlich, dass die Messe Frankfurt im Frühjahr von den Wirtschaftsprüfern ein Testat für den Geschäftsbericht des Jahres 2021 erhalten wird", heißt es aus Kreisen des Ministeriums und der Stadt. 60 Prozent der Anteile liegen bei der Stadt, deren Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) Aufsichtsratschef des Unternehmens ist. Die restlichen 40 Prozent hält das Land Hessen; Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir ist Vize-Aufsichtsratschef.

Messe Frankfurt kämpft ums Überleben: 250 Mio. Euro sollen die Messe erhalten

Vor knapp einem Jahr hatten die beiden Gesellschafter der Messeführung schon einmal unter die Arme gegriffen: Ein Darlehen über 150 Millionen Euro gaben sie Ende Februar 2021 dem Unternehmen. Entsprechend den Eigentumsanteilen entfielen 90 Millionen Euro auf die Stadt Frankfurt.

Doch die 150 Millionen, die die Finanzierung der Messe "bis weit in das Jahr 2022 sichern" sollten, wie Marzin im Juni vergangenen Jahres sagte, sind nach Aussagen aus Unternehmenskreisen bald aufgebraucht. In den kommenden Tagen werde der Konzern die letzte Tranche in Anspruch nehmen, heißt es. Wie zwei den Verhandlungen nahe stehende Personen berichten, haben sich Unternehmen, Stadt und Land nun nach mehreren Verhandlungsrunden auf eine Lösung verständigt. Demnach sind die Gesellschafter bereit, der Messe einen Kapitalzuschuss von 250 Millionen Euro zu gewähren. Dabei entfallen 150 Millionen Euro auf die Stadt Frankfurt.

Angesichts der anhaltenden Pandemie hatte die Stadt das Geld schon im März vergangenen Jahres in der Fortschreibung seines Haushalts für Beteiligungen bereitgestellt. In der Anlage 4 wurden darin 200 Millionen Euro für mögliche Gesellschafter-Darlehen und Kapitalanlagen nachträglich festgeschrieben.

Messe Frankfurt kämpft ums Überleben: Finanzielle Basis soll aufgestellt werden

Auf Anfrage dieser Zeitung wollten gestern weder die Messe noch die Stadt und das Land die Einigung auf eine Kapitalerhöhung bestätigen. Die Stadt Frankfurt antwortete: "Derzeit berät die Stadt Frankfurt gemeinsam mit dem Land Hessen und der Geschäftsführung der Messe Frankfurt GmbH intensiv darüber, welche Konsequenzen aus der aktuellen Krise zu ziehen sind und wie die Messe zu alter wirtschaftlicher Stärke zurückfinden kann. Dazu zählt auch die Frage, ob und in welcher Höhe die Messe zusätzlichen Finanzbedarf hat und wie dieser ggf. zu decken ist."

Die Messe und das hessische Finanzministerium, das die Beteiligung verwaltet, äußerten sich ähnlich und bestätigten ebenfalls die Verhandlungen. "Dabei ist es das Ziel der Gesellschafter und der Geschäftsführung jetzt vorausschauend die finanzielle Basis so aufzustellen, dass mit der Wiederaufnahme des Geschäfts sich die Messe Frankfurt wieder voll auf die erfolgreiche Umsetzung der Messen konzentrieren kann", teilte die Messe mit.

Messe Frankfurt kämpft ums Überleben: Entscheidung gegen privaten Investor

Nach Informationen aus Unternehmenskreisen kommt nur eine Aufstockung des Firmen-Kapitals in Frage. Mit einem weiteren Darlehen sei der Messe nicht geholfen, denn der Schuldendienst – also Tilgung und Zins -–seien schon sehr belastend, heißt es. Die Messe hat 2021 Banken-Kredite von insgesamt 230 Millionen Euro aufgenommen, um ihr Liquiditätspolster zu stärken. Und einen privaten Investor hereinnehmen, wollen die beiden Gesellschafter nicht. "Diese Idee war in den Verhandlungen sehr schnell vom Tisch", berichten die den Gesprächen nahe stehenden Personen.

Beihilferechtlich erscheint die Kapitalspritze von Stadt und Lande unproblematisch. Das EU-Recht erlaubt ausdrücklich gesellschaftsrechtliche Kapitaleinlagen durch die öffentliche Hand, wenn klar ist, dass es nicht darum geht, unrentable Tätigkeiten weiterzuführen und das Kapital Rendite erwirtschaften wird. Die entsprechende Überprüfung wird als "Private-Investor-Test" bezeichnet. Mit diesem Test wird untersucht, ob auch ein unabhängiger privater Investor unter Rendite-Gesichtspunkten Kapital zugeschossen hätte.

Messe Frankfurt kämpft ums Überleben: Parlamente müssen zustimmen

Das erscheint bei der Messe Frankfurt, die vor der Corona-Pandemie stets Gewinne erwirtschaftet und den Eignern eine entsprechende Dividende ausgezahlt hat, unstrittig. Zumal die Messegesellschaft nicht nur für die Rhein-Main-Region, sondern für ganz Deutschland wichtig ist, wie auch das Münchner Ifo-Institut mehrmals festgestellt hat.

"Veranstaltungen bei der Messe Frankfurt erzeugen in Deutschland jährlich die immense Kaufkraft von 3,6 Milliarden Euro. Die Hälfte davon entfällt auf Frankfurt. Zudem sichern die Veranstaltungen 33 260 Arbeitsplätze und generieren ein Steueraufkommen von 657 Millionen Euro bundesweit", hatte zuletzt 2018 eine Studie von Deutschlands bedeutendstes Wirtschaftsforschungsinstitut zutage gefördert.

Insofern ist davon auszugehen, dass sowohl das Frankfurter Stadtparlament als auch der Landtag ihre Zustimmung zur avisierten Kapitalerhöhung nicht verweigern werden. Angesichts der hohen Millionen-Summe müssen beide die Finanzspritze absegnen.

Messe Frankfurt kämpft ums Überleben: Der Bund ist keine Hilfe

Der Bund fällt als Kapitalgeber jedenfalls aus. Denn öffentliche Unternehmen kommen nicht in den Genuss der Überbrückungshilfen, die der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) Privatunternehmen in der Pandemie anbietet. Zwar hat die Bundesregierung im Herbst 2021 einen Sonderfonds für Messebetreiber in Höhe von 600 Millionen Euro aufgesetzt, um deren wirtschaftliche Schäden in Folge der Pandemie abzufedern.

Organisatoren bekommen demnach bis zu 80 Prozent der Vorkosten erstattet, maximal acht Millionen Euro pro Messe. Doch die Regeln sind anscheinend zu restriktiv. Denn die Hilfe erfolgt nur bei behördlich angeordneten Messe-Absagen. Das Problem: Bund und Länder beschließen Corona-Verordnungen recht kurzfristig. Messen haben aber eine lange Vorlaufzeit: Aussteller entscheiden oft Monate im Voraus, ob sie kommen.

Messeveranstalter müssen deshalb schon oft vor einem möglichen Verbot entscheiden: absagen oder verschieben? Weil diese Entscheidung aber aus wirtschaftlichen Gründen gefällt wird, greift dann der Sonderfonds nicht. Diese Erfahrung hat auch die Messe Frankfurt gemacht: Für acht bisher abgesagte Messen hat sie einen Antrag auf Erstattung gestellt. Erhalten hat sie keinen einzigen Cent.

Nach nur zwei Jahren wandern die Frankfurt Fashion Week und mehrere Modemessen wieder ab. Für die Messe Frankfurt ist auch das ein herber Verlust. (Panagiotis Koutoumanos)

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