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IG Metall feiert 125. Geburtstag

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Drucker in der gewerkschaftseigenen Union-Druckerei in Frankfurt halten im April 1984 Streikplakate, mit denen die IG Metall die Einführung der 35-Stunden-Woche fordert.
Drucker in der gewerkschaftseigenen Union-Druckerei in Frankfurt halten im April 1984 Streikplakate, mit denen die IG Metall die Einführung der 35-Stunden-Woche fordert. © Wolfgang Eilmes (dpa)

Die IG Metall ist die mächtigste Gewerkschaft in Deutschland. Das war keineswegs immer so, wie die Rückschau auf 125 Jahre Geschichte zeigt. Die Anliegen sind aber im Kern gleich geblieben.

„Samstags gehört Vati mir!“ Der populäre Gewerkschaftsslogan aus den 1950er Jahren belegt, dass sich in der deutschen Arbeitswelt seitdem einiges verändert hat. Die Sechs-Tage-Woche mit 55 Arbeitsstunden ist ebenso Vergangenheit wie der Norm-Urlaub von 15 Tagen im Jahr. Als treibende Kraft hinter vielen Veränderungen feiert die IG Metall an diesem Samstag (4. Juni) in Frankfurt ihr 125-jähriges Bestehen. Und immer noch stehen neben der betrieblichen Mitbestimmung die Verhandlungen mit den Arbeitgebern über Arbeitszeit und weitere Arbeitsbedingungen ganz oben auf der Agenda der größten und wohl mächtigsten Einzelgewerkschaft der Welt.

An ihrer Spitze steht seit Oktober 2015 der Diplom-Ökonom Jörg Hofmann, der offensiv den Anspruch stellt, auch die nächste, nunmehr digitale Revolution des industriellen Produktionsprozesses zu gestalten. „Unsere Verantwortung ist, die Arbeitswelt sicher, gerecht und selbstbestimmt fortzuentwickeln“, sagt Hofmann. „Deshalb reicht unser Anspruch über die Gestaltung von Industrie 4.0 hinaus. Es geht uns auch um Arbeit 4.0 und den Sozialstaat 4.0!“

Als historischen Bezugspunkt für ihr Jubiläum hat sich die Gewerkschaft den Gründungskongress des Deutschen Metallarbeiter-Verbands (DMV) vom 1. bis zum 6. Juni 1891 in Frankfurt ausgesucht. Im Kaiserreich hatte es schon zuvor Arbeitervereine gegeben, doch erst nach Aufhebung der Bismarck’schen Anti-Sozialistengesetze konnten sich die verschiedenen Berufsgruppen wie Klempner, Schlosser, Maschinenbauer oder Feilenhauer zu einer Metall-Industriegewerkschaft zusammenschließen. Einige Berufsgruppen wie die Former und Schmiede blieben zunächst noch selbstständig, dennoch wuchs die neuartige Organisation schnell, gab eigene Zeitungen heraus und kümmerte sich um die politische Bildung ihrer Mitglieder. Unmittelbar vor Beginn des Ersten Weltkriegs stellte der DMV sämtliche Streiks ein und unterstützte damit wie die SPD die Kriegsziele des Reiches.

Widerstand gegen diese Linie kam von Berliner Arbeitern, die wilde Streiks organisierten und ein Netzwerk „revolutionärer Obleute“ gründeten – Ausgangspunkt für die radikalen Arbeiter- und Soldatenräte, die in der Novemberrevolution 1918 alle Macht für sich beanspruchten. Die DMV-Mehrheit agierte hingegen reformorientiert und erhielt im Gegenzug die betriebliche Mitbestimmung, den Achtstundentag und das Recht, allgemeinverbindliche Tarifverträge abzuschließen – bis heute neben der Verankerung in den Belegschaften die eigentliche Machtgrundlage der IG Metall.

Dem Regime der Nationalsozialisten hatten die organisierten Metaller 1933 aber wenig entgegenzusetzen, auch wenn viele Gewerkschafter in den Widerstand gingen. Noch am neu geschaffenen „Tag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai 1933 marschierten sie mit, um bereits am folgenden Tag den organisierten Nazi-Sturm auf die Gewerkschaftshäuser und dann die Gleichschaltung der einstmals freien Gewerkschaften mitzuerleben.

Gewerkschaft wächst

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die IG Metall als Einheitsgewerkschaft – also ohne parteipolitische oder konfessionelle Bindung – neu gegründet. Montan-Mitbestimmung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle, mehr Urlaub, mehr Geld und immer wieder der Kampf um kürzere Arbeitszeiten – teilweise begleitet von harten Arbeitskämpfen – waren die bestimmenden Themen in der Bundesrepublik. Ihre stärksten Truppen haben die Metaller in der Autoindustrie und reden besonders bei VW auch betrieblich ein gewichtiges Wort mit. Seit 2011 hat die größte deutsche Einzelgewerkschaft zudem den Mitgliederschwund gestoppt und wächst seitdem wieder, auf zuletzt 2,27 Millionen Mitglieder.

Erkennbarer Schwerpunkt der Ära Hofmann soll die Arbeitszeitpolitik werden, zu der die IG Metall im kommenden Jahr einen großen Kongress veranstaltet und daran anschließend zum Jahresbeginn 2018 eine harte Tarifrunde führen will. „Wir wollen Lösungen finden für sichere Arbeitszeit, die für jeden planbar ist, aber auch für gerechte Arbeitszeit, bei der geleistete Arbeitszeit vergütet wird. Und darüber hinaus brauchen wir selbstbestimmte Arbeitszeit, die Platz gibt für individuelle Anforderungen wie Kindererziehung, Pflege oder für berufliche Weiterbildung“, steckt der Gewerkschaftschef zum Jubeltag den Rahmen ab.

All das lässt harte Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall erwarten, dessen Chef Rainer Dulger sich für den gewerkschaftlichen Festakt in der Frankfurter Paulskirche angesagt hat. Hofmann empfängt seinen Verhandlungspartner in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ mit leichtem Spott: „Gesamtmetall ist ja ein Jahr älter als wir und seit seiner Gründung eine Abwehrorganisation gegen Gewerkschaften. Ohne uns gäbe es sie nicht.“

(dpa)

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