Sparkassenverband

Präsident beklagt Regulierungswut

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Kunden sollten nach der Finanzkrise besser informiert und geschützt werden. Doch die inzwischen erlassenen Vorschriften schießen nach Überzeugung von Sparkassen-Präsident Gerhard Grandke weit übers Ziel hinaus.

Gerhard Grandke platzte die Hutschnur. Der Geschäftsführende Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen machte seinem Ärger über immer neue regulatorische Vorgaben durch den Gesetzgeber Luft. „Unsere Kunden fühlen sich massiv belästigt“, tönte der Sparkassenpräsident, dem es nicht fremd ist, Klartext zu reden. Mit dicken Info-Broschüren wurden etwa Fondssparer Ende 2017 traktiert.

Im Wertpapierbereich sei Anfang 2018 mit der europäischen Finanzmarktrichtlinie MiFID II und der begleitenden Verordnung MiFIR die nächste Regulierungsrunde eingeläutet, so Grandke. Die Finanzbranche habe dabei mehrere tausend Seiten an Vorschriften und Kommentaren durchgearbeitet und umgesetzt. Den Kunden müssen inzwischen bei jedem Beratungstermin mit Wertpapierbezug „stapelweise Produkt- und Kosteninformationen“ ausgehändigt werden.

Sozialdemokrat Grandke, früher Oberbürgermeister in Offenbach, ist noch heute „nahe bei den Leuten“, wie man in Hessen sagt. Deshalb fußt seine Verbitterung auf Beschwerden vieler Sparkassenkunden. Es sei ein schmaler Grat, die Kunden und die eigenen Mitarbeiter durch ausufernde Regularien nicht zu verärgern.

Grandke skizzierte den heutigen Aufwand am Beispiel eines Kunden, der im Rahmen einer Beratung zum ersten Mal Wertpapiere kauft. Das sei kein alleiniges Problem der Sparkassen, sondern laufe bei anderen Banken analog ab.

Der Kunde erhalte zunächst die 32 Seiten umfassende „MiFID-Broschüre“ mit Informationen zur Sparkasse und ihren Dienstleistungen sowie exemplarischen Kostenberechnungen. Danach werde ein Depot eröffnet. Dazu bedürfe es eines vierseitigen Depotvertrages. Die Kundenangaben werden nachfolgend auf einem ebenfalls vierseitigen Wertpapierhandelsgesetz-Bogen aufgenommen. Dieses Schriftstück hält zudem die Kenntnisse und Erfahrungen des Kunden im Wertpapierbereich sowie seine Anliegen fest.

Darüber hinaus erhalte der Kunde die „Basisinformationen über Wertpapiere und weitere Kapitalanlagen“, die ihm einen Überblick über die wichtigsten Formen der Vermögensanlage und die jeweiligen Produkteigenschaften vermitteln sollen. Dieses Info-Paket umfasst 200 (!) Seiten. Bei konkreten Produktempfehlungen habe der Berater in einer zweiseitigen „Geeignetheitserklärung“ detailliert zu dokumentieren, warum er dem Kunden gerade dieses Produkt empfohlen hat. Das alles muss um weitere Info-Blätter ergänzt werden, wenn der Anleger strukturierte Anleihen, Zertifikate oder Offene Immobilienfonds kaufen möchte. Die Aushändigung kann in Papierform geschehen, über ein elektronisches Postfach des Kunden oder via Website der Fondsgesellschaft.

„Man muss schon tief durchatmen, um die Contenance zu bewahren“, gibt der Sparkassen-Präsident Einblick in sein Innenleben. Vor allem die kleineren Sparkassen seien überproportional belastet. Manchen Instituten breche bis zu ein Drittel ihres Jahresüberschusses dadurch weg, so Grandke, dessen Verband in Hessen und Thüringen 49 Sparkassen mit 1104 Filialen und fast 22 000 Mitarbeitern repräsentiert. Die Institute müssten sich akribisch an die Vorgaben halten, um bei einer Klage nicht im Regen stehen zu bleiben. Und selbst Kunden, die meinten, sie könnten dem Informationsberg entgehen, indem sie sich telefonisch beraten lassen, irrten. Es gebe kein Entrinnen.

Ob der tatsächliche Erkenntnisgewinn durch die neuen Vorschriften größer geworden sei? „Daran gibt es erhebliche Zweifel“, urteilte Grandke.

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