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Vom Putzmann zum Millionär

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Vater und Sohn (v. r.): Claus und Michael Wisser.
Vater und Sohn (v. r.): Claus und Michael Wisser. © WISAG (Jörg Baumann/WISAG)

Der Unternehmer Claus Wisser hat den amerikanischen Traum mitten in Deutschland verwirklicht. Vom Putzmann wurde er zum Millionär. 50 Jahre nach der Gründung floriert sein Unternehmen in einem schwieriger werdenden Markt immer noch.

Von Christian Ebner (dpa)

Claus Wisser hatte im März 1965 erst drei Semester Betriebswirtschaft studiert, aber offenbar genug begriffen. 50 Jahre nach der Gründung seiner ersten Putzfirma in Frankfurt ist aus dem studentischen Start-up der Dienstleistungskonzern Wisag mit 50 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz weit jenseits der Milliarden-Grenze geworden. Einen Studienabschluss hat Wisser wegen der schnellen Anfangserfolge in den Bankenbüros nicht mehr gemacht, dafür den Meister im Gebäudereinigerhandwerk, das für ihn goldenen Boden hatte.

Ein Eimer, ein Schrubber und eine per Kleinanzeige ergatterte Schreibmaschine bildeten vor 50 Jahren den Grundstock für eine Erfolgsgeschichte, die mit einem Umbruch in den Großkonzernen begründet ist. Wisser hat als einer der ersten in Deutschland begriffen, dass sich Firmen und später auch Behörden kein eigenes Putz- oder Kantinenpersonal, keine eigenen Sicherheitsleute, Gärtner und auch keine eigenen Empfangskräfte mehr leisten wollten. Nach US-Vorbild bot Wisser vielfältigen Ersatz und sieht sich nur halb im Scherz als „Erfinder des Facility Management“, wie Dienstleistungen rund ums Gebäude neudeutsch heißen.

Die regelmäßigen Ausschreibungen haben den Wettbewerb in der mehr als 10 Milliarden Euro Umsatz schweren Branche längst knallhart gemacht. Die Wisag gilt Experten nicht als Lohndrücker. Ein Ausbeuter wollte der bekennende Sozialdemokrat Wisser nicht sein, setzte sich für tarifliche Mindestlöhne ein, damit seine Leute von ihrer Arbeit leben konnten. In der Frankfurter SPD gilt der heute 72 Jahre alte Hüne als graue Eminenz, spendet für soziale Projekte genauso wie für hochkarätige Kulturveranstaltungen. Die Unternehmensführung hat er längst an seinen Sohn Michael C. Wisser (43) abgegeben und sich auf den Vorsitz des Aufsichtsrats zurückgezogen.

„Als Familienunternehmen zählt für uns der nachhaltige Erfolg“, heißt es in der Selbstbeschreibung des Unternehmens. Weg von den Großaufträgen ohne Marge hin zu qualitativ hochwertigeren und besser bezahlten Dienstleistungsverträgen mit mittelständischen Unternehmen auch abseits der großen Ballungsräume, lautet daher die Parole des Chefs der Wisag-Gebäudesparte, Ralf Hempel. Den Gewinn wie auch den Gruppenumsatz nennt das Familienunternehmen nicht. Im Jahr 2013 brachten die beiden größten Sparten Gebäude- und Industrieservice 820 und 645 Millionen Euro Umsatz.

Wissers Sohn Michael hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren breiter aufgestellt. Die zusätzlichen Geschäftszweige „Aviation“ für Bodenverkehrsdienste an Flughäfen und „Industrie“ für die Wartung und Montage großer Produktionsanlagen bringen inzwischen nennenswerte Umsatzbeiträge und Wachstumschancen. Die Wisag-Industrie Service ist der zweitgrößte Anbieter von Industriedienstleistungen in Deutschland und sieht weitere Chancen etwa in der Lebensmittelverarbeitung im Bau und Betrieb von Reinräumen.

Das bislang noch sehr personalintensive Geschäft der Gebäudedienstleister wird sich in den kommenden Jahren grundlegend wandeln, sagt auch Experte Jörg Hossenfelder. Selbstreinigende Fenster, Putz-Roboter, nahezu wartungsfreie Maschinen: Auf die Menschen wird es künftig weniger ankommen. Umso wichtiger werde es für die Unternehmen, ihren Kunden neuen Mehrwert anzubieten, meint der Berater. Die nahe Zukunft des „Facility Management“ liegt eher in der Energieberatung und der Prozessoptimierung als im Putzen und Kochen.

Umkämpfter Markt

Künftig könnten die Dienstleister aber auch komplette Bürogebäude oder Produktionsanlagen zusammen mit allen Services an die Kundenunternehmen vermieten. Ob es den Familienunternehmen und damit auch der Wisag gelingt, dafür beispielsweise an der Börse genügend Kapital einzusammeln, ist die große Frage der nächsten Jahre.

Die mittelständischen deutschen Unternehmen, zu denen neben der Wisag beispielsweise die Berliner Dussmann-Gruppe oder Piepenbrock aus Osnabrück gehören, treffen auf dem europäischen Markt auf börsennotierte Player wie die britische Compass Group, Sodexo aus Frankreich oder ISS aus Dänemark. Aus Baukonzernen hervorgegangen sind die Anbieter Strabag, Bilfinger und Spie (Ex-Hochtief Solutions).

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