Der Pharmahersteller Stada hat sich von seinem langjährigen Vorstandschef Hartmut Retzlaff (62) getrennt.
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Der Pharmahersteller Stada hat sich von seinem langjährigen Vorstandschef Hartmut Retzlaff (62) getrennt.

Früherer Stada-Chef hört endgültig auf

Die Ära Retzlaff ist zu Ende

Hartmut Retzlaff war "Mister Stada". Aus einem "besseren Hasenstall" machte er einen milliardenschweren MDax-Konzern. Doch mitten im Kampf um eine Neuaufstellung muss der angeschlagene Manager gehen.

Das Ende einer Ära: Der langjährige Stada-Vorstandschef Hartmut Retzlaff verlässt den Arzneimittel-Hersteller nach 30 Jahren. Der 62-Jährige habe sein Amt als Vorstand mit sofortiger Wirkung niedergelegt, teilte das Unternehmen in Bad Vilbel gestern mit. Retzlaff hatte den Chefposten bei Stada 1993 übernommen und den kleinen Medikamentenhersteller zu einer Größe im Generika-Geschäft ausgebaut. Zuletzt war er aber bei kritischen Aktionären immer stärker unter Beschuss geraten. Im Juni hatte er sich krank gemeldet, zuletzt aber verlauten lassen, er könne bald wieder antreten. In der Mitteilung von Stada ist nun von „persönlichen Gründen“ die Rede, deretwegen Retzlaff ausscheide.

Mit der Trennung von Retzlaff schafft Stada rechtzeitig vor der Hauptversammlung am 26. August klare Verhältnisse. Vorstand Matthias Wiedenfels war nach Retzlaffs Krankmeldung zum Übergangs-chef ausgerufen worden, zeichnete aber von Anfang an als Vorstandsvorsitzender und stellte rasch strategisch neue Weichen. Er sehe sich nicht als Interimschef, hatte er gesagt. Retzlaffs Funktion war im Internetauftritt als „Vorstand (dienstbefreit)“ angegeben. Er selbst sah sich bis zuletzt als amtierender Vorstandschef. Aufsichtsratschef Martin Abend sprach Retzlaff seinen Dank „für seine unternehmerische Aufbauleistung“ aus und fügte hinzu: „Wir danken ihm auch jetzt für die klare Weichenstellung.“

In einem Brief an den Aufsichtsrat schreibt Retzlaff von „unterschiedlichen Auffassungen über die weitere Ausrichtung von Stada“ und kritisiert „die Art und Weise, wie differierende Positionen in der Spitze des Unternehmens ausgetragen wurden“. Darüber sei es auch zum Streit mit Abend gekommen.

Retzlaffs Vertrag wäre noch bis August 2021 gelaufen. Nun endet er offiziell zum 31. Dezember. Das restliche Gehalt bis zum Jahresende und die fällige Abfindung summierten sich auf weniger als zwei Jahresgehälter, erklärte Stada. Im vergangenen Jahr hatte Retzlaff 3,6 Millionen Euro erhalten. In der Vergangenheit war der Manager wegen seiner hohen Pensionsansprüche von mehr als 30 Millionen Euro in die Kritik geraten. „Ich bin mit dem Unternehmen und den Mitarbeitern über Jahrzehnte durch dick und dünn gegangen und habe mich dem Unternehmen – und tue dies nach wie vor – sehr verbunden gefühlt“, heißt es in dem Schreiben Retzlaffs. Er werde für Stada noch ein Spezialprojekt in Vietnam übernehmen.

Neue Vorstände gesucht

Ein Sprecher des Stada-Aufsichtsrats sagte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, mit Retzlaffs Rücktritt sei der Weg frei für eine Aufstockung des Vorstands auf bis zu vier Mitglieder. Gesucht würden ein Manager für Marketing und Vertrieb sowie einer für Forschung und Entwicklung. Ob Wiedenfels an der Spitze von Stada bleibe, sei nicht ausgemacht. Er sei als Unternehmensleiter vorgesehen, außer wenn sich ein „richtiger Dickfisch“ finde, sagte der Sprecher. Neben Wiedenfels ist derzeit noch Helmut Kraft als Finanzvorstand berufen.

Auch Aufsichtsratschef Abend steht unter Beschuss. Der aktivistische Investor AOC will ihn auf der Hauptversammlung in zehn Tagen abwählen lassen. Der einflussreiche Aktionärsberater ISS hat sich hinter den Vorstoß gestellt. Abend warf ISS in einem Schreiben an Investoren vor, mit der Empfehlung seine eigenen Grundsätze zu verletzen. Danach müsse ein Aktionär wie AOC, der einen so grundlegenden Umbau an der Spitze fordere, einen Plan für die Zukunft des Unternehmens vorlegen. Das habe der Investor aber nicht getan. Zudem lasse ISS völlig außer Acht, dass Stada bereits einige strategische Weichenstellungen vollzogen habe.

Mit 2,1 Milliarden Euro Umsatz ist Stada der letzte von anderen Konzernen unabhängige Hersteller von Nachahmermedikamenten (Generika) in Deutschland. Die Aktiengesellschaft ging aus der einstigen Genossenschaft „Standardpräparate Deutscher Apotheker“ hervor und gilt in der Branche schon lange als Übernahmekandidat. Gestern reagierte der von den Spekulationen beflügelte Aktienkurs zwar – mit einem Plus von 0,64 Prozent – kaum auf Retzlaffs Abgang; der Titel schloss damit aber knapp unter seinem Rekordhoch aus dem Jahre 2007.

(rtr,dpa,red)

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