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Die Auftragsbücher der Baufirmen sind prall gefüllt, doch weil Fachkräfte fehlen, können sie nicht schnell genug abgearbeitet werden.

Arbeitsmarkt

Rhein-Main sucht 163 000 Fachkräfte

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Die Metropolregion Rhein-Main strotzt vor Kraft: Die Wirtschaftsleistung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, die Arbeitslosenzahl deutlich zurückgegangen; noch nie standen so viele Menschen in Lohn und Brot wie heute. Und fürs kommende Jahr sagen die Wirtschaftskammern der Region nun ein weiteres – wenn auch nicht mehr ganz so kräftiges – Wachstum voraus. Umso mehr fürchten die Unternehmen den zunehmenden Fachkräftemangel.

„Da habe ich nicht schlecht gestaunt“, erzählt Hermann Walter. „Da kommt einer meiner Poliere zu mir rein, legt mir sein Kündigungsschreiben hin und sagt zu mir, dass er ab morgen auf einer Baustelle eines anderen Bauunternehmers arbeiten wird, einfach so.“ Ob er unzufrieden sei, warum er sich denn nach einem anderen Job umgeschaut habe, habe er den Mitarbeiter gefragt, berichtet der Chef eines kleineren mittelständischen Bauunternehmens im Raum Aschaffenburg. Dessen Antwort: „Habe ich gar nicht. Ein Headhunter hat mich abgeworben.“ Drei Monate ist das nun her, Walter schüttelt immer noch verwundert den Kopf. „Headhunter, die Poliere abwerben – gibt’s das?“

„Euro nur 50 Cent wert“

Gibt es, wie Rainer von Borstel, Hauptgeschäftsführer des Verbands baugewerblicher Unternehmer in Hessen, bestätigt. Er kenne viele Fälle, in denen sich Bauunternehmen gegenseitig die Arbeitskräfte abgeworben hätten. Im Ballungsraum seien die Nachwuchssorgen besonders gravierend, denn dort sei die Unlust, körperlich zu arbeiten, stark verbreitet, so von Borstel.

Kein Zweifel: Der von den Niedrigstzinsen befeuerte Immobilien-Boom hierzulande führt mittlerweile bei vielen Baufirmen zu personellen Engpässen. „Die Baubranche ist in der Metropolregion Rhein-Main der Sektor, der mit Abstand den größten Fachkräftemangel zu beklagen hat“, berichtete gestern Matthias Müller, Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Drei Viertel der Unternehmen in der Baubranche sähen in diesem Mangel ein Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. „Aber auch im Dienstleistungssektor und in anderen Industriezweigen, die hart an der Kapazitätsgrenze arbeiten, sieht es nicht viel besser aus“, so Müller. „Insgesamt fehlen im Rhein-Main-Gebiet heute schon 163 000 Fachkräfte. Und bis 2030 kann diese Lücke auf 250 000 Fachkräfte wachsen.“

Diese alarmierenden Zahlen sind eine zentrale Erkenntnis der Beschäftigungs- und Konjunkturprognose, die die IHK Frankfurt gemeinsam mit den anderen Wirtschaftskammern der Metropolregion erarbeitet und gestern vorgelegt hat. Und diese Zahlen betreffen laut Müller in erster Linie nicht Akademiker: Vielmehr suchen die von den Kammern befragten 8000 Betriebe in 25 Kreisen oder kreisfreien Städten vor allem Bewerber, die eine duale Berufsausbildung im kaufmännischen oder technischen Bereich absolviert haben. In der Rangliste der begehrtesten Arbeitnehmer folgen laut Studie Fachwirte und Meister. Erst an dritter Stelle stehen Hochschulabsolventen. Dabei erstreckt sich die Metropolregion von Gießen im Norden bis Worms im Süden und von Mainz im Westen bis Aschaffenburg im Osten.

„Besonders für hochspezialisierte Mittelständler, die weltweit erfolgreich seien, aber keinen bekannten Namen hätten, sei es viel schwieriger geworden, hochqualifizierte Mitarbeiter zu finden, berichtete Müller. Hürden seien aber auch die hohen Lebenshaltungkosten im Frankfurter Raum und die zum Teil unzureichende Infrastruktur. „Die hiesigen Arbeitgeber sind oft bereit, Bewerbern aus ländlichen Regionen das Doppelte ihres bisherigen Gehalts zu zahlen“, weiß Müller, „aber die schauen sich dann hier um, sehen, was eine Wohnung kostet, der Kindergarten und der ÖPNV – und stellen dann fest: Der Euro ist hier nur fünfzig Cent wert. Wenn sie dann auch noch täglich im Stau stehen müssen oder keine gute Bahn-Anbindung haben, um zur Arbeit zur kommen, verzichten sie oft auf den Job.“

Rekordjahr

Damit der Fachkräftemangel in den kommenden Jahren nicht tatsächlich auf 250 000 steigt, fordert Müller vor allem die verstärkte Aktivierung von Bauland für Gewerbe- und Wohnimmobilien sowie mehr Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, die „zusehends überlastet“ sei – und zwar über Ländergrenzen hinweg. Denn klar sei, dass die benötigten Fachkräfte künftig mehr denn je aus anderen Regionen kommen müssten. Nach acht Jahren kontinuierlichen Beschäftigungszuwachses sei das Potenzial im Rhein-Main-Gebiet längst weitestgehend ausgeschöpft. Laut Wirtschaftskammern sind hier im vergangenen Jahr 61 000 neue sozialversicherungspflichtige Jobs entstanden – ein absoluter Rekordwert, nachdem in den beiden Vorjahren 55 000 bzw. 54 000 neue Stellen hinzugekommen waren. Fast 2,4 Millionen sind es nun insgesamt.

Und die aktuelle Prognose der Wirtschaftskammern stellt klar: Die Rhein-Main-Region hat das Zeug, auf Wachstumskurs zu bleiben – auch wenn sich dieser aufgrund der geopolitischen Konflikte und dem damit zu erwartenden Exportrückgängen etwas abflachen wird. So sollen in diesem Jahr zusätzliche 49 000 sozialversicherungspflichtige Jobs hinzukommen und im kommenden Jahr weitere 40 000. Basierend auf der Prognose, dass das Bruttoinlandsprodukt der Metropolregion in diesem Jahr um 1,7 Prozent und 2019 um 1,6 Prozent steigen wird. Zum Vergleich: In ihrem Herbstgutachten prognostizieren die Wirtschaftsweisen für ganz Deutschland einen Zuwachs von ebenfalls 1,7 Prozent in diesem Jahr und 1,9 Prozent im kommenden Jahr.

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